Anette C. Halms Performance-Reihe in Ostfildern Städtische Nischen aus anderem Blickwinkel

Anette C. Halm begrüßt das Publikum und die Performerin Andrea Isa im Klosterhof. Foto: Petra Bail

Ostfildern und seine Stadtteile neu entdecken möchte die Künstlerin Anette C. Halm mit ihrer Performamce-Reihe „Kunst am Wegesrand“. Bis 21. Juli gibt es ein Live-Programm und individuelle Touren mit einer App.

Ostfildern - Spazierengehen liegt im Trend. Alle Welt ist seit der Pandemie in den heimischen Gefilden unterwegs. In Ostfildern wurde der allgemeine Bewegungsdrang durch „Kunst am Wegesrand“ mit Kultur verknüpft. Die Städtische Galerie Ostfildern hat in Zusammenarbeit mit der Konzept- und Videokünstlerin Anette C. Halm die Performance-Reihe im öffentlichen Raum initiiert. Bis 21. Juli werden an neun prägenden Orten der Stadt Aktionen verschiedener internationaler Kunstschaffender stattfinden, kuratiert von Anette C. Halm. Die Performances werden gefilmt und sind in einer App jederzeit abrufbar.

 

Die Initialzündung zu der außergewöhnlichen Kunstaktion hatte Galerie-Leiterin Holle Nann durch das Projekt, das die Künstlerin derzeit als Atelierstipendiatin der Stadt Nürtingen dort im öffentlichen Raum durchführt. „Ich fand das klasse“, sagt Nann. „Es ist eine Idee, die gut zu uns passt. Zumal Halm in Ruit geboren ist.“ Wichtig war der Galerieleiterin, etwas vor Ort für den Ort zu machen. Sie will künftig noch stärker nach außen gehen mit der Kunst, um die Besucherschaft reinzuholen in die Galerie und sie auch in den anderen Stadtteilen mit ihren Projekten vertraut zu machen.

Niederschwelliges Angebot

Das niederschwellige Angebot wurde bei der Auftaktveranstaltung vom Publikum nicht unbedingt mit der Städtischen Galerie in Verbindung gebracht. Im verwunschen-paradiesischen Labyrinth im Klosterhof in Nellingen hat die Düsseldorfer Künstlerin Andrea Isa die alte Ordensregel der Benediktiner Mönche, „ora et labora“, also „bete und arbeite“, in einer spannenden Version weiterentwickelt. „Ora et labiera“ hallen die Rufe aus dem Nellinger Arkadien der Künstlerin, was phonetisch wie „ora et la birra“ (also Bier im Italienischen) klingt und damit auf die klösterliche Brautradition der Mönche in Deutschland verweist. Die Benediktiner tranken offenbar bis zu dreieinhalb Liter des nahrhaften Rauschgetränks am Tag.

Andrea Isa pilgert in Mönchskutte barfuß durchs üppig wuchernde Labyrinth und genießt dabei ein Fläschchen Bier. Plötzlich beginnt sie, sich wie betrunken zum nahen Glockengeläut um die eigene Achse zu drehen und kippt weg, während die Vögel in den alten Bäumen unbekümmert zwitschern. Aufrappelnd fragt sie das erstaunte Publikum: „Hab ihr’s gesehen?“ Die Antwort aus dem Off: „Ich glaube, sie hatte eine Erscheinung.“ So ist das mit dem Stoff: Bier als Erleuchtungsbeschleuniger oder eine andere Art der derzeit viel diskutierten Work-Life-Balance.

Stadtspaziergänge mit der App

Die Performance war einmalig und alle kommenden, wie etwa ein musikalischer Liebesappell, eine Körper-Raum-Vermessung und die Suche nach einem verlorenen Ort sind es auch. An jeder Aufführungsstätte wird es einen QR-Code zum Scannen geben, damit sich individuelle Stadtspaziergänger das jeweilige Video mittels einer App kostenlos mit dem Smartphone abrufen können. Der Link dafür steht auf der Homepage der Städtischen Galerie unter www.ostfildern.de/galerie. Dort sind auch die Locations aller weiteren Aktionen verortet und beschrieben. Im Herbst plant Anette C. Halm geführte Spaziergänge zu den besonderen Plätzen, die sie bereits jetzt gemeinsam mit Holle Nann ausgewählt hat.

2022 wird das außergewöhnliche Projekt, das einen anderen Blickwinkel auf städtische Nischen und auf das Erleben des Flaneurs ermöglicht, in eine Ausstellung in der Städtischen Galerie münden. Insgesamt sind 35 Kunstschaffende beteiligt. Möglichkeiten zu Spenden unter www.kunst-am-wegesrand.eu.

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