Religionslehre in Freiburg Anfeindungen gegen kritischen Islamgelehrten

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In Freiburg bildet der liberale Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi angehende Religionslehrer aus. Demnächst könnte er Professor werden. Doch er sieht sich wegen seines Reformeifers vielen Anfeindungen ausgesetzt.

In den Koranschulen werden den angehenden Religionslehrerinnen die  arabischen  Grundbegriffe aus dem Koran erklärt. Foto: dpa
In den Koranschulen werden den angehenden Religionslehrerinnen die arabischen Grundbegriffe aus dem Koran erklärt. Foto: dpa

Freiburg - Oh Gott“, stöhnt eine der Studentinnen, als im Seminarraum Unterlagen verteilt werden. Sie trägt ein Kopftuch. Die Unterlagen kommen nicht von Gott, sondern von Abdel-Hakim Ourghi, der hier im Kollegiengebäude IV der Pädagogischen Hochschule Freiburg sechs angehenden Religionslehrerinnen arabische Grundbegriffe aus dem Koran zu erklären versucht. Wie er das tut, empfinden manche von ihnen schon als Provokation.

Auf den Blättern, über deren Inhalt die Studentinnen sich austauschen sollen, sind vier Seiten aus Ourghis neuestem Buch abgedruckt. „Niemand hat das Recht, andere Menschen zu Ungläubigen zu erklären“, steht über dem Kapitel, das der Dozent an diesem Montag besprechen möchte. Es geht um „Kuffar“, wie viele Muslime ihre nichtmuslimischen Mitmenschen nennen. Das bedeutet: „Gottesleugner“. In Ourghis Unterlagen können die Studentinnen lesen: Die „Legitimation der Hinrichtung“ solcher Leute werde „bis heute in den Moscheen gepredigt“. Ourghi nennt das eine „unmenschliche, scheinfromme Praxis“.

„Wenn das liberal ist, sind wir lieber konservativ“

„Das stimmt nicht“, tuschelt eine Studentin zu ihrer Nachbarin. In der Moschee, die sie besuche, werde so jedenfalls nicht gepredigt. Sie ist Türkin. „Das macht ein falsches Bild“, wirft sie ihrem Dozenten vor. Die von ihm zitierten Textstellen werden in Zweifel gezogen: „Wir wissen ja nicht, ob diese Aussagen wahr oder falsch sind“, sagt eine andere junge Frau, eine mit Kopftuch. Im Anschluss an das Seminar werden die künftigen Lehrerinnen noch deutlicher. „Was er schreibt, ist für uns sehr schlecht“, sagt eine. Ourghi ist gemeint. Persönlich finden sie ihn sympathisch, zuvorkommend, nett. Ihr Einwand lautet so: „Die echten Muslime sind nicht so, wie er sagt.“ Eine der jungen Frauen meint noch: „Aus Herrn Ourghis Sicht bin ich konservativ, dabei fühle ich mich total offen.“ Eine andere wendet ein: „Wenn das liberal ist, was er sagt, sind wir lieber konservativ.“

Der Hochschullehrer, über den so eifrig diskutiert wird, ist eine Art Luther des Islam. So nennen ihn viele, seit er in einer Berliner Moschee sein eigenes Thesenpapier ausgehängt hat. Der medienbewusste Mann winkt ab. „Ich bin kein Luther“, sagt er, „sonst hätte ich 95 Thesen geschrieben.“ Aus solchen Sätzen spricht ein Humor, über den nicht alle lachen können. Der begrenzte Umfang seiner Streitschrift zeugt weder von einem Mangel an Anstößigkeiten in der islamischen Religionslehre noch an fehlendem Ehrgeiz beim Kritisieren derselben. Exakt 40 wunde Punkte aufzulisten ist für sittenstrenge Muslime eine Provokation an sich. 40 ist im Islam nämlich eine heilige Zahl. Der Prophet hat die Offenbarung im Alter von 40 erhalten. 40 gilt als Symbol der Vollkommenheit.

Ourghi meidet sein Lieblingscafé aus Furcht vor Übergriffen

Provokationen sind Ourghi nicht fremd. Er schreckt auch vor Sticheleien gegen christliche Glaubensinhalte nicht zurück – und bedenkt dabei nicht jedes Mal, wer aus seinem großen Freundeskreis sich davon brüskiert fühlen könnte. So postete er unlängst bei Facebook eine Karikatur zu den logischen Stolperfallen der Dreifaltigkeitslehre. Das Echo war zum Teil geharnischt. „Es ist eine Frechheit, sich als Moslem über das Christentum lustig zu machen“, lautet einer der Kommentare. Ein anderer spricht Ourghi persönlich an: „Ich muss zugeben, dass ich mich sehr in Dir getäuscht habe.“

„Oh Gott, jetzt habe ich einen Fehler gemacht“, denkt er sich manchmal – erschrocken über die eigene Wirkung. Er provoziere nicht aus reiner Spottlust. „Das ist mein algerisches Naturell“, sagt der 1968 in Oran geborene Wissenschaftler. Das Temperament lasse sich „nicht einfach ablegen“. Er wolle aber „niemanden verletzen“ – auch jene nicht, die ihm selbst Übles wünschen. Daran mangelt es nicht. Aus Angst vor körperlichen Übergriffen trinkt Ourghi seinen Mokka nicht mehr in seinem Lieblingscafé unweit des Freiburger Unicampus, das unter Studenten „Mensa 3“ heißt. Landsleute hätten ihn dort schon bedroht, berichtet er.

Kritische Studenten haben nicht einmal sein Buch gelesen

Attackiert wird er auch von Kollegen und Studenten, allerdings nur verbal. Ourghis Thesen würden „von den meisten gläubigen Muslimen nicht ernst genommen“, sagt Jörg Imran Schröter, der an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe den gleichen Job wie Ourghi in Freiburg innehat. Ausgerechnet in der liberalen „Frankfurter Rundschau“ nennt ein muslimischer Autor Ourghi als Musterbeispiel für Islamkenner, die mit übertriebenem Reformeifer „die Tür zum Dialog mit der Mehrheit der Muslime mit großem Knall zugeschlagen“ hätten. Andere werfen ihm vor, „Zuspruch nicht zuletzt im AfD- und Pegida-Publikum“ zu erhalten.

Querschüsse gegen den unbequemen Dozenten kommen auch aus dem Kreis derer, die Ourghi zu Religionslehrern ausbilden will. Die Fachschaft, für die auf der Homepage der Hochschule drei züchtig verhüllte Studentinnen posieren, verschickt ungefragt lange Sündenregister. Konservative Studenten hätten von Anfang an gegen Ourghi opponiert, berichtet der Rektor Ulrich Druwe. „Analytisch-systematische und kritische Methoden sind ihnen fremd.“ Druwe nennt seinen umstrittenen Kollegen einen „soliden Hochschullehrer“. Was den Tenor seiner Lehre angehe, sei er „vollkommen auf seiner Linie“. Der rebellischen Fachschaft schreibt er ins Stammbuch: Im Theologieseminar gehe es weniger um Gebete als um „kritische Reflexion“. Die ist nicht jedermanns Sache. Auf Nachfrage räumen Ourghis studentische Kritiker ein, dass kein einziger von ihnen sein streitbares Buch gelesen hat.

„Rebellion der Vernunft gegen den verstockten konservativen Islam“

Ourghi sitzt in seinem Büro, das kaum größer als eine Besenkammer ist, vor sich eine zerschlissene Taschenbuchausgabe des Koran. Daneben liegt ein Buch mit Ledereinband und in Gold eingeprägten arabischen Lettern. Zwischen den Seiten stecken bunte Lesezeichen mit Rissen und Eselsohren. Es handelt sich um ein Register für die Worte des Propheten. Ourghis Kritik an seiner Religion ist radikal und schonungslos. Sein Ansinnen sei „eine bewusste Rebellion der Vernunft gegen den verstockten konservativen Islam“. Viele Sätze Ourghis sind für traditionsbewusste Muslime wie Peitschenhiebe. Das Weltbild islamistischer Terroristen habe „selbstverständlich mit dem Islam zu tun“, schreibt er. Mohammed sei „auch nur ein Mensch wie die anderen Menschen, ein Mensch ohne Wundertaten“. Keine Religion besitze die absolute und exklusive Wahrheit. Ourghis 40 Thesen sind ein Bestseller. Demnächst soll eine englische Ausgabe erscheinen. Der Mohammed-Biograf Hamed Abdel-Samad wertet das Buch als „mutigen Beitrag“, weil es „die wirklichen Krankheiten im islamischen Denken“ benenne. Für die FAZ ist Ourghi „eine unverzichtbare Stimme“. Die „Neue Zürcher Zeitung“ findet, es sei ihm „erstaunlich gut gelungen“, das Kritikwürdige am zeitgenössischen Islam auf den Punkt zu bringen.

„Man will mit uns Muslimen kuscheln, das ist der falsche Weg“

Auf Ourghis Schreibtisch stehen Fotos seiner Töchter, deren Namen er nicht nennen mag, weil er um ihre Sicherheit fürchtet. Welchen Hass er mit seinen Reformideen auslöst, „macht mich sehr traurig“, sagt der ruhige, sanftmütige Mann. Ehe er nach Deutschland kam, habe er „geträumt von dieser Freiheit“. Jetzt erlebe er ihre Schattenseite. „Als Muslime haben wir keine Freiheit, da haben wir Glaubensbrüder“, sagt Ourghi. Für Kritiker hat er eine passende Koransure parat. „Sie wollen Allahs Licht mit ihren Mündern auslöschen.“

Manche werden auch das Zitat eines angeblichen Gotteswortes als Gotteslästerung empfinden – wie sie in Ourghis Tun und Sprechen viele Kränkungen entdecken könnten. Etwa sein pragmatisches Verhältnis zum Gebet. Die Pflicht, sein Haupt fünfmal täglich gen Mekka zu beugen, befolge er „nicht blind“, sagt der Islamgelehrte. „Wenn ich arbeite, dann arbeite ich.“

Ourghi sagt, er sei „kein Bürger meiner Religion“, sondern Bürger eines liberalen Staates, dessen Liberalität er im Umgang mit Leuten, welche diese für eine Sünde erachten, er jedoch für überzogen hält. Die Integrationspolitik ist ihm nicht fordernd genug. Ourghi sagt: „Man will mit uns Muslimen kuscheln, das ist der falsche Weg.“