Angebot in Esslingen „Neuer Schwung“: Hier gibt’s Musikstunden exklusiv für Senioren
Die Esslinger Musik- und Kunstschule Mosaik bietet Instrumental-Unterricht speziell für Seniorinnen und Senioren an. Wie funktioniert das?
Die Esslinger Musik- und Kunstschule Mosaik bietet Instrumental-Unterricht speziell für Seniorinnen und Senioren an. Wie funktioniert das?
Schlager, Volkslieder, Filmmusik, Jazzstandards – seit zweieinhalb Jahren spielt Gerd Maier einmal die Woche gemeinsam mit seiner Lehrerin Barbara Katzer-Knappstein Saxofon. Soweit nichts Ungewöhnliches. Gerd Maier freilich wird 85 Jahre alt und ist der älteste Musikschüler in der Musik- und Kunstschule Mosaik in der Esslinger Neckarstraße.
Melis Tekmen-Aydemir und Cemil Aydemir, die beiden Inhaber, bieten ganz bewusst Kurse für Seniorinnen und Senioren an: „Wir möchten ihre Freude an Musik fördern, die geistige Beweglichkeit stärken und neue soziale Kontakte ermöglichen. Musik verbindet Menschen in jedem Alter. Viele unserer Teilnehmenden erzählen, dass sie durch das gemeinsame Musizieren neuen Schwung im Alltag finden.“
Gerd Maier war knapp 50 Jahre alt, als seine Frau ihn überredete, sich ein Hobby zuzulegen. Weil die Söhne des Ehepaars Klarinette spielen, griff auch er zum Instrument, nahm Unterricht und spielte mit Pausen fast 30 Jahre lang Klarinette – bis er sich bei einem Instrumentenbauer auf den ersten Blick in ein Tenorsaxofon verliebte. „Saxofon-Spielen ist einfacher als Klarinette-Spielen, weil der Stimmumfang mit weniger Oktaven geringer ist. Aber ich wollte es trotzdem richtig lernen“, erzählt er, warum er sich vor zweieinhalb Jahren in der Musikschule Mosaik anmeldete.
An Gerd Maier schätzt Barbara Katzer-Knappstein, dass er Noten lesen und vom Blatt spielen kann: „Er besitzt stapelweise Noten, greift sich einfach etwas heraus und spielt drauflos.“ Sie freut sich, dass er sich in Zusammenarbeit mit ihr auch auf Neues einlässt: „Wir sind vor Kurzem ein bisschen in den Jazz eingestiegen und arbeiten an der ungewohnten Rhythmik. Zurzeit spielen wir immer mal wieder Filmmusiken. Er hat total offene Ohren, auch für moderne Kompositionen, und er übt so lange, bis er zufrieden ist.“
Die älteren Schülerinnen und Schüler haben mehr Zeit und üben mehr und zuverlässiger als Menschen, die noch in der Schule oder berufstätig sind, beobachtet die Instrumental-Lehrerin: „Wer in Rente ist, hat Zeit und den Kopf frei, dann macht das Spaß, etwas Neues zu lernen. Manche lernen sogar im hohen Alter noch das Improvisieren mit dem Instrument.“
Eine Altersgrenze gebe es beim Musik-Unterricht nicht, auf mögliche Einschränkungen werde einfühlsam Rücksicht genommen, betont Barbara Katzer-Knappstein: „Bei einem meiner älteren Schüler, der nie zuvor gespielt hat, waren die Finger am Anfang sehr schwerfällig. Mittlerweile läuft das aber richtig gut. Solche Fortschritte machen Spaß, tun gut und bauen auf.“
Weil sie selbst ein Hörgerät trägt, weiß die Musikpädagogin, dass das kein Hinderungsgrund fürs Musizieren ist. Eher seien Gleitsichtbrillen manchmal ein Problem: „Damit kann man die Noten auf dem Notenständer oft nicht sehen. Das lässt sich aber leicht lösen, indem man das Notenblatt kopiert und vergrößert.“ Wer im Alter nicht mehr so gut auf den Beinen ist und nicht mehr lange stehen kann, kann im Sitzen spielen. Fürs Saxofon gibt es spezielle Ständer, um das doch recht schwere Instrument beim Spielen aufstellen zu können und dabei Hände und Schultern zu entlasten.
Als Pädagogin lässt sich Barbara Katzer-Knappstein individuell auf jeden ihrer Schüler ein: „Es ist doch unerheblich, wenn eine Note mal ein bisschen zu kurz oder ein wenig zu lang ist. Da muss ich von meinem Perfektionsanspruch herunter. Die Hauptsache ist, dass jemand sein Stück spielen kann und Spaß dabei hat.“ Bei Gerd Maier sorgen die wöchentlichen Übungsstunden für gute Laune. Und einen Nebeneffekt habe das Erlernen eines Instruments natürlich auch, verrät der Senior verschmitzt: „Wenn ganz schlechte Zeiten kommen, dann spiele ich auf der Straße, stelle einen Hut auf und verdiene mir was dazu.“
Die Idee, gezielt auch Musikunterricht für ältere Semester anzubieten, kam Melis Tekmen-Aydemir, als ihre Oma an Demenz erkrankte und sie selbst erfuhr, dass Musik und bestimmte Frequenzen das Gehirn positiv stimulieren können. „Musikalische Erinnerungen zum Beispiel an früher, an Kinderlieder, an Schlager oder an Klassik bleiben oft erhalten, auch wenn anderes verblasst“, ergänzt Cemil Aydemir.
Seit sich das spezielle Angebot herumgesprochen hat, erhält das Mosaik-Team immer häufiger Anfragen von älteren Menschen: „Manche hatten noch nie zuvor ein Instrument in der Hand und fangen bei Null an. Andere haben lange nicht gespielt und möchten ihr Können wieder auffrischen“, erzählt Melis Tekmen-Aydemir. Cemil Aydemir, Musiklehrer, Musiktherapeut und Musiker, betont: „Für unsere Älteren ist der Unterricht oft das Highlight der Woche. Die Jüngeren haben ein Ergebnis, ein Konzert oder einen Auftritt als Ziel vor Augen, für die Älteren ist der Weg das Ziel.“
Unterricht
Die sechs Lehrkräfte an der Mosaik-Musikschule bieten ihren Unterricht für Klavier, Keyboard, Gitarre, Baglama-Saz, Geige, Violine und Gesang auch für Seniorinnen und Senioren an. Dabei lernt jeder in seinem Tempo und nach persönlicher Leistungsstärke. In den freundlichen mit Wandtattoos gestalteten Räumen wird einzeln oder in der Kleingruppe unterrichtet. Auch der Eltern-Kind-Klavierkurs im Programm wurde auf Nachfrage mittlerweile zum Großeltern-Enkel-Klavierkurs erweitert.
Information
Für den Unterricht kann man ein Instrument leihen, fürs Üben zuhause wird aber ein eigenes Instrument benötigt, das sich auch in vielen Musikgeschäften mieten lässt. Für Interessierte bietet die 2006 gegründete Musik- und Kunstschule Mosaik in Esslingen (Neckarstraße 24) auch eine kostenlose Schnupperstunde an. Nähere Informationen unter www.mosaikmusikschule.de