Angebot in Winnenden Hilfe nach der Geburt: Wie Babylotsen jungen Familien den Start erleichtern

Sabine Evertz-Rieple berät als Babylotsin frisch gebackene Mamas und Papas und weist auf Hilfsangebote hin. Foto: Gottfried Stoppel

Die Zeit um die Geburt ist ganz besonders, aber es können auch Ängste und Sorgen belasten. Bei Bedarf gibt es im Rems-Murr-Klinikum Winnenden seit einem Jahr Hilfe von den Babylotsen.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Wenn sie beim Besuch von einer frischgebackenen Mama auf der Geburtsstation im Klinikum Winnenden zu hören bekommt, dass diese keine Unterstützung benötigt, weil daheim schon eine ganze Armee an Helfern auf den neuen Erdenbürger wartet, dann schließt Sabine Evertz-Rieple die Zimmertür wieder – ganz zufrieden und mit dem Eindruck, dass hier alles seinen Lauf nehmen wird und in Ordnung ist. Aber es gibt auch die anderen Fälle.

 

Etwa Familien, die ihr Sorgen schildern und nicht wissen, wie sie mit der neuen Situation mit Säugling klarkommen sollen – beispielsweise dann, wenn außerplanmäßig ein Kaiserschnitt nötig war und die Mama jetzt nicht weiß, wie sie mit der Bauchwunde daheim das Geschwisterkind versorgen soll. „Das Reinwachsen in das System Familie ist eine anspruchsvolle Phase, vielleicht noch mal mehr, wenn schon Geschwister da sind“, sagt Sabine Evertz-Rieple. Und die Frau, die seit mehr als zehn Jahren im Beratungsdienst der Frühen Hilfen des Kreisjugendamts im Rems-Murr-Kreis tätig ist, muss es wissen.

Die Babylotsinnen sind direkt auf der Geburtsstation im Einsatz

Denn seit einem Jahr, also seit der Geburtsstunde des Angebots, gehört Sabine Evertz-Rieple zum Team von vier Babylotsinnen, die abwechselnd im Rems-Murr-Klinikum Winnenden vor Ort sind, um frischgebackene Mamas und Papas zu besuchen, ins Gespräch zu kommen und bei Bedarf in ein passendes Hilfsangebot zu vermitteln. „Wir sind direkt da, wo alles losgeht, das ist prima, weil die Hilfe so wirklich früh ansetzt“, sagt Sabine Evertz-Rieple, die im Schnitt alle zwei Wochen im Klinkum Winnenden im Einsatz ist.

Sehr zur Freude der Fachärztinnen für Gynäkologie und Geburtshilfe und leitenden Oberärztinnen Angela Lihs und Susanne Schaudt. „Wir hatten die Babylotsinnen als Projekt hier bei uns. Der Start war letzten April. Die Resonanz war so toll, dass jetzt, ein Jahr später, klar ist, dass es als festes Angebot weitergeht“, sagt Angela Lihs.

Die Ärztinnen erleben noch immer Stigma rund um die Geburt und hoffen, dass das Angebot mit den Babylotsen Abhilfe schafft. „Schwierig ist es, wenn es heißt, ,ach, das schaffst du schon, hab’ ich doch auch geschafft’“, sagt Susanne Schaudt. Rund um die Geburt könnten alte familiäre Probleme hochkochen und große Zerwürfnisse geschaffen werden, sagt Angela Lihs, und ihre Kollegin ergänzt das Stichwort „postpartale Depression“. Sie sagt: „Das wird auch häufig noch so verharmlost als Babyblues, bei dem man halt mal ein paar Tage heult und dann ist auch wieder gut. Aber nein, das ist eine Depression, also eine behandlungsbedürftige Erkrankung.“

Nicht immer klappt es mit dem Schlafen. Zu kurze Nächte können Eltern an ihre Grenzen bringen. Foto: stock.adobe.com

Ob es in solchen Richtungen Bedarf an Hilfe geben könnte, versuchen die Babylotsinnen mit geschultem Blick und wachem Ohr innerhalb eines kurzen Gesprächs herauszufinden. Dabei ist die Situation in der Klinik „ganz besonders und sehr intim“, wie Sabine Evertz-Rieple eindrücklich schildert: „Die Mamas haben gerade frisch entbunden, und das Baby ist ganz filigran. Es ist alles so voller Hoffnung.“ In dieser Phase seien die meisten Eltern sehr offen für Hilfe.

Und die gibt es von den Babylotsen entweder in Form von Wegweisungen im Netzwerk oder auch ganz konkret. „Ich frage nach Ressourcen daheim. Gibt es Verwandtschaft in der Nähe oder ist jemand anders greifbar“, sagt die Babylotsin und freut sich, dass in den überwiegenden Fällen das Angebot bereitwillig angenommen werde. „Auch Themen wie Kindergeld, Elterngeld sowie das Ausfüllen von Formularen ploppen auf. Manchmal wird der Bedarf auch erst daheim deutlich, aber dann wissen die Eltern zumindest schon mal, dass es uns gibt und wohin sie sich wenden müssen“, sagt Sabine Evertz-Rieple.

Nach einem Jahr ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz

Sie ist an diesem Donnerstag mit Sonja Eitel-Großhans, Fachbereichsleitung Frühe Hilfen im Kreisjugendamt sowie Marlis Bautz, Netzwerkkoordination Frühe Hilfen im Kreisjugendamt, ins Rems-Murr-Klinikum Winnenden gekommen, um nach einem Jahr Babylotsen eine durchweg positive Bilanz zu ziehen. Wenn sie direkt auf der Station als sozialpädagogische Fachkräfte die frischgebackenen Eltern ansprächen, würden sie viel Dankbarkeit spüren. „Von April bis Dezember waren es 77 Besuche auf der Geburtsstation. Dabei haben wir rund 70 Prozent der Patienten erreicht“, sagt die Babylotsin nicht ohne Stolz.

Sie und ihre Kollegen arbeiten eng mit der Geburtshilfe und der Neonatologie im Perinatalzentrum zusammen und sehen sich als Brücke von den Eltern zu den Netzwerkpartnern. Ihr Job sei es, die jungen Eltern im Hilfesystem an die richtigen Stellen zu lotsen. Dabei geraten auch die Väter nicht in Vergessenheit. „In einem Fall saß die Mutter ganz ruhig und zufrieden da und hat ihr Kind gestillt, während der Vater von der für ihn traumatischen Geburt berichtete und völlig aufgelöst war“, erinnert sich Sabine Evertz-Rieple.

Auch für solche Fälle würde ein passendes Gesprächsangebot vermittelt, sagt die Babylotsin und zählt gleich noch die klassischen Anfangsschwierigkeiten auf – das Stillen sowie Probleme mit dem Schlafen und dem mitunter vielen Weinen des Neugeborenen. „Das alles ist nicht ohne. Nach der Geburt ist man emotional angreifbar. Wenn dann der Schlaf fehlt oder die Großeltern die Probleme abtun, können tiefe Wunden entstehen. Da ist die Arbeit der Babylotsen wichtig“, sind sich die beiden leitenden Oberärztinnen einig.

Alles in allem gehe es einfach darum, passgenaue Angebote für die erste Zeit zu finden, denn nicht jede Geburt laufe nach Plan. „Deshalb kann es bei jeder Familie ein anderer Bedarf sein. Unser Job ist es, herauszufinden welcher“, sagt Sabine Evertz-Rieple und freut sich schon auf ihren nächsten Einsatz.

Frühe Hilfen – Babylotsen im Rems-Murr-Klinikum Winnenden

Info
Weitere Informationen zu den Frühen Hilfen des Kreisjugendamts im Rems-Murr-Kreis gibt es auf der Homepage unter https://www.rems-murr-kreis.de/eltern/startseite

 

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