Die aktuellen Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind mit Blick auf die begonnene Badesaison besorgniserregend: Mindestens 355 Menschen sind 2022 in Deutschland ertrunken, das sind 56 Todesfälle mehr als im Jahr davor. Dazu kommt, dass der Anteil der Kinder, die nicht schwimmen können, weiter wächst. Laut einer Forsa-Umfrage sind 20 Prozent der Grundschüler Nichtschwimmer, diese Zahl hat sich seit 2017 verdoppelt. Doch wer in Stuttgart einen Schwimmkurs sucht, hat es nicht leicht. Die Frage ist: Wie konnte es zu dieser schwierigen Situation kommen? Und wie findet man trotzdem einen Schwimmkurs für sein Kind?
Warum hat sich der Mangel an Schwimmkursen zugespitzt?
Die Bäder blieben in der Pandemie eineinhalb Jahre geschlossen. Die Auswirkungen sind vielfältig. Zum einen sind sehr viele Kinder in dieser Zeit nicht im Schwimmen unterrichtet und zum Teil noch gar nicht an Wasser gewöhnt worden. Auf der anderen Seite hat sich ein Teil des Bäderpersonals in dieser Zeit beruflich umorientiert.
Das betrifft auch das ehrenamtliche Engagement der Vereinskursleiter, sagt die Vorsitzende der DLRG-Ortsgruppe Neckarvororte, Anne Schäfer: „Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich als Schwimmlehrer zu engagieren, hat nach Corona deutlich nachgelassen.“ Die Bäder seien in der Pandemie zu lange geschlossen geblieben. Laut einer Pressemitteilung der DLRG konnten mehr als zwei Jahre lang nur halb so viele Rettungsschwimmer ausgebildet werden wie üblich. Das habe dazu geführt, dass im vergangenen Sommer Freibäder ihre Öffnungszeiten hätten einschränken müssen.
Wie reagieren Kommunen und Kursanbieter?
Auch die gestiegenen Energiekosten seit Beginn des Ukraine-Kriegs belasten die Kommunen. Bäder werden vielerorts geschlossen. Und die weiterhin geöffneten müssen sparen. „Viele Bäder fahren ihre Temperaturen runter“, sagt Lena Salmen, Geschäftsführerin der Stuttgarter Schwimmschule und der Schwimmschule Salmen. Das mache sich durch ein verringertes Angebot beim Babyschwimmen bemerkbar, da die Badetemperatur für die ganz Kleinen 32 Grad betragen sollte.
Und die Kurse sind teurer geworden. „Wir haben die Preise für unsere Kurse pro Stunde um einen Euro auf 19 Euro anheben müssen“, so die Geschäftsführerin. Die Preise der Vereinsschwimmkurse liegen mittlerweile bei 100 und 120 Euro, erklärt Tobias Heck von der Arbeitsgemeinschaft Schwimmsporttreibender Vereine Stuttgart (AGS). Ein Anfängerkurs bei der DLRG kostet laut Nina Schäfer 130 Euro. Ab dem Seepferdchen-Abzeichen käme eine Vereinsgebühr von 48 Euro im Jahr hinzu.
Welche Folgen hat das für die Kinder und ihre Familien?
„Durch die eineinhalb Jahre lange Bäderschließung haben wir einen riesigen Stau. Wir haben zu wenig Wasser für zu viele Menschen.“ So beschreibt Tobias Heck von der AGS die Situation in den Stuttgarter Bädern. Anne Schäfer berichtet, dass die Nachfrage nach DLRG-Kursen sehr hoch ist: „Der Bedarf ist höher als das Angebot. Wenn wir einen Kurs ausschreiben, ist der sofort ausgebucht.“ Ein halbes Jahr bis Jahr muss man laut Heck durchschnittlich als Wartezeit auf einen Platz im Schwimmkurs einplanen.
In den Schwimmkursen und im Schulschwimmen prallen unterschiedliche Leistungsniveaus aufeinander, berichtet Lena Salmen. Es gebe Eltern, die selbst nicht schwimmen können, deren Kinder kämen ohne Vorwissen in die Schwimmkurse. „Die Kinder sind definitiv verunsicherter. Wir haben viele, die in den Schwimmkurs kommen und nicht ans Wasser gewöhnt sind. Ich kann in dem Fall keinen adäquaten Schwimmunterricht machen, sondern erst mal eine Wassergewöhnung.“ In den Schulen, die im Sportunterricht das Schwimmen anbieten, sieht es ähnlich aus, so Salmen.
Wie finden Eltern doch einen Schwimmkurs fürs Kind?
Laut Tobias Heck fallen die Wartezeiten in den Stadtbezirken unterschiedlich aus: „In den Bädern in Zuffenhausen und Sonnenberg gibt es weniger Kurse, da die Bäder länger für die Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Dementsprechend länger sind dort die Wartelisten als in einem Bad, in dem mehr Kurse angeboten werden.“ Deshalb sollte man am besten mehrere Bäder in unterschiedlichen Stadtteilen in die Auswahl nehmen. Und es gebe neuerdings auch private Badbetreiber, die ihre Bäder für den Kursbetrieb zur Verfügung stellen, berichtet Lena Salmen. „Wir können in den Bädern Asemwald, Plattenhardt und Berkheim zusätzliche Kurse anbieten. Dort haben wir vereinzelt noch freie Plätze.“ Salmen rät den Eltern: „Einfach per E-Mail melden. Wir kriegen immer noch Kinder unter, zumindest bis zu den Sommerferien.“
Wo kann man sich online informieren?
Die Initiative „Schwimmfit“ ist ein Programm der Stadt Stuttgart, das einen Austausch zwischen Schulen, Bädern und Schwimmkursanbietern fördert. Die Internetseite „Schwimmfit“ informiert über das aktuelle Kursangebot. Die Initiative unterstützt darüber hinaus mit „Rent a Schwimmtrainer“ den Schwimmunterricht an Schulen. Auch die Schwimmtrainer von Lena Salmen beteiligten sich daran. „Das ist ein super Programm, es bringt die Schwimmtrainer zur Unterstützung in die Schulen“, berichtet sie. „Wo wir diese Zusammenarbeit haben, funktioniert es super. Manchen Schulen ist der bürokratische Aufwand allerdings zu groß“, stellt Salmen mit Bedauern fest.
Die Geschäftsführerin der Stuttgarter Schwimmschule berichtet vom kürzlich gestarteten Pilotprojekt „Schwimmfidel Plus“. Ein Schwimmtrainer der Stuttgarter Schwimmschule betreut über sechs Wochen einmal wöchentlich eine Kita, die an dem Projekt teilnimmt. Dabei geht es vor allem um Wassergewöhnung und das Kennenlernen von Schwimm-Grundfertigkeiten. Finanziert wird das Projekt über Landesfördermittel, die Teilnahme ist daher kostenlos.
Weitere Informationen gibt es unter: www.schwimmfidel.de
Angebote im Internet
Anlaufstellen im Internet
Wer eine Orientierung möchte, wo Kurse in Stuttgart angeboten werden, schaut am besten auf www.stuttgart-bewegt-sich.de vorbei. Dort werden die aktuellen Kurse der Initiative „Schwimmfit“ aufgeführt. Welche Vereine in welchem Bad Angebote liefern, darüber informiert die Seite der AGS unter www.ags-stuttgart.de. Wer die Kurse nach Bädern sortiert angezeigt haben möchte, der findet auf den Internetseiten der Stuttgarter Bädern (www.stuttgarterbaeder.de) Kurse und Links zu den jeweiligen Anbietern.
Schwimmabzeichentag
Am Sonntag, 21. Mai, findet der bundesweite Schwimmabzeichentag der DLRG und ihrer Partner statt. In vielen Frei- und Hallenbädern werden an diesem Sonntag Schwimmabzeichen-Prüfungen abgenommen. Mit dabei ist auch das Inselbad Untertürkheim. Zielgruppe sind Kinder und Erwachsene, die sich nach einer erfolgreich bestandenen Prüfung die deutschen Schwimmabzeichen wie Seepferdchen oder Bronze, Silber und Gold abholen möchten. „Jeder soll einmal ganz unkompliziert herausfinden können, wie gut er oder sie im Wasser unterwegs ist“, sagt Helmut Stöhr, der Präsident des Bundesverbandes zur Förderung der Schwimmausbildung. „Einfach am Infotisch anmelden und loslegen.“