Angehörige Marbacher pflegt demente Frau:„Man verliert seine Partnerin Stück für Stück“

Egon Wutzke lebt mit seiner Frau in einer barrierefreien Wohnung in Marbach, morgens und abends kommt der Pflegedienst vorbei. Foto:  

Egon Wutzke aus Marbach (Kreis Ludwigsburg) ist seit 60 Jahren mit seiner Frau verheiratet – und verliert sie mit der Zeit an eine unerbittliche Krankheit.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Egon Wutzke spricht offen über die Alzheimer-Demenz seiner Frau, über seine Ratlosigkeit, wenn sie auf dem Heimweg vom Feuerwehrfest einfach nicht weiterlaufen möchte, und darüber, dass er sein Leben an den Bedürfnissen seiner Frau ausrichtet. Was Egon Wutzke nicht macht, ist sich selbst zu bemitleiden. Und was Egon Wutzke nicht will, ist dass er in der Zeitung größer dargestellt wird als er ist. „Ich steh zu meiner Frau, so wie sie in 40 Jahren Ehe zu mir stand“, sagt der 84-Jährige.

 

Am Anfang war es ein vergessenes Computer-Passwort, irgendwann waren es Verhaltensänderungen. Die Frau, die eigentlich immer gut und gerne Auto fuhr, war plötzlich lieber Beifahrerin, in ein Parkhaus fuhr sie gar nicht mehr. Sie backte keinen Zwetschgenkuchen mehr und wenn ihr Mann ihr von einem Gespräch erzählte, sagte sie: „Das habe ich so nie gesagt“. Irgendwann sei es auffällig geworden, sagt Egon Wutzke. Das war vor zweieinhalb Jahren.

Stetige Verschlechterung

Danach hat sich ihre Demenz verschlechtert, dazu kommt ein Tumor in der Brust. Seither wurde sie alle sechs Monate eine Pflegestufe herab gestuft – heute ist die 75-Jährige bettlägrig und würde sich außerhalb ihrer Wohnung nicht mehr zurechtfinden.

Im August 2025 verletzt sich Rita Wutzke dann bei einem Sturz das Knie. Nach der Operation ist sie vier Wochen in Kurzzeitpflege. „Irgendwann sah sie aus wie abgeschaltet“, sagt ihr Ehemann. Was ihn besonders viel Kraft kostet, sind bürokratische Abläufe: die Bestellung des Pflegebetts, das Ausfüllen von Formularen, das Herumärgern mit dem Heim, in der er seine Frau nicht angemessen betreut sah.

Seine Frau erkennt ihn nicht mehr

Nach der Operation habe sie ihn eine Zeit lang nicht mehr erkannt, erzählt Egon Wutzke. Ob sie heute weiß, dass er seit 40 Jahren mit ihr verheiratet ist oder ihr nur vertraut vorkommt, weil er täglich bei ihr ist, weiß er nicht. „Man verliert seine Partnerin Stück für Stück“, sagt er und erinnert sich an die Worte von Nancy Reagan, der Frau des ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Sie sagte einst, Alzheimer sei die schlimmste Krankheit, weil man all die gemeinsamen, wunderbaren Erinnerungen nicht mehr teilen könne.

Die Welt seiner Frau ist auf ihr Pflegebett geschrumpft, sie spricht nur noch wenige Worte. „Sie hat keinen Drang, das Bett zu verlassen. Dazu muss ich sie motivieren“, sagt Egon Wutzke. „Wenn sie irgendetwas überfordert, blockt sie ab, spricht nicht mehr und bewegt sich nicht mehr“, sagt er. Einmal sei sie auf dem Weg vom Bad ins Schlafzimmer plötzlich keinen Schritt mehr gegangen. „Dann musste ich sie fast schon ins Bett werfen“, sagt er. „Das sind Momente in denen ich nicht weiß, wie ich es sonst machen soll. Ich kann sie ja nicht stehen lassen“, beschreibt er seine Hilflosigkeit.

„Man wächst an seinen Belastungen“

2007 hat Egon Wutzke seinen Betrieb verkauft und das Geld in ein Wohnmobil gesteckt. Mit seiner Frau ist er damit nach Frankreich, Polen und Südtirol gefahren. Damit sie immer wieder Reize von außen bekommt, hat er in den letzten Monaten aus den Urlaubsfotos Videos geschnitten – manche davon mit Untertitel von Liedtexten, die sie dann gemeinsam singen.

Viel Spielraum für ein eigenes Leben hat er nicht, sagt Egon Wutzke, ohne sich darüber zu beschweren. „Man wächst an seinen Belastungen, nicht an seinen Schonungen“, sagt der alte Judoka. Er nimmt das Leben wie es ist, denkt nicht weit in die Zukunft und schätzt die Begegnungen mit dem ambulanten Dienst, der zwei Mal am Tag vorbeikommt. Derzeit ist im Gespräch, ob für einen halben Tag in der Woche eine Frau zu ihnen kommt, um sich um seine Frau zu kümmern. Was er dann mit seiner freien Zeit machen würde? „Einfach rausgehen und spazieren“, sagt er.

Erkrankung

Alzheimer
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz und eine unheilbare Erkrankung des Gehirns. Sie führt dazu, dass Menschen zunehmend ihr Gedächtnis, ihre Orientierung und schließlich ihre Selbstständigkeit verlieren.

AWO
Die AWO Demenz-Allianz Marbach bietet Hilfsangebote für Angehörige. Beispielsweise einen zwei Mal im Monat stattfindenden Gesprächskreis oder das Musik-Café mit einer Musikpädagogin. Mehr Infos unter info@awo-marbach.de oder 07144 / 998 9516.

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