Den Angeklagten wird vorgeworfen, große Mengen Cannabis in Spanien gekauft und in der Region Stuttgart gewinnbringend verkauft zu haben. Foto: imago/Bihlmayerfotografie
Am Landgericht Stuttgart hat ein Mammutprozess gegen zehn Angeklagte begonnen, die aus Spanien knapp 370 Kilogramm Cannabis importiert haben sollen.
Henning Maak
09.04.2026 - 06:00 Uhr
Es ist ein Prozess, der enorme Ressourcen bindet: Im größten Saal des Stuttgarter Landgerichts sitzen neben den Richtern und der Ersten Staatsanwältin Christine Würthwein zehn Angeklagte mit ihren insgesamt 20 Verteidigern. Es dauert seine Zeit, bis alle den richtigen Platz gefunden haben. Bisweilen kommt es zu amüsanten Szenen. „Den nehme ich“, sagt eine Anwältin, als einer der Angeklagten von den Wachtmeistern herein geführt wird, und sich diese schon einige Zeit suchend umgeblickt hatten.
Mit 40-minütiger Verspätung beginnt der Prozess dann, um nach wenigen Minuten wegen eines Streits um den Ausschluss möglicher Zuschauer wieder unterbrochen zu werden. Erst rund 90 Minuten nach dem geplanten Beginn kommt Staatsanwältin Würthwein zur Verlesung der Anklage, die zudem zweimal unterbrochen wird und sich fast zwei Stunden lang hinzieht.
Die Anklagevertreterin wirft den zehn Angeklagten, von denen die meisten zwischen 25 und 31 Jahre alt sind, bandenmäßigen Handel mit Cannabis, versuchte räuberische Erpressung und Geldwäsche vor. Sie sollen allein zwischen Juli und November 2024 aus Spanien rund 370 Kilogramm Cannabis in den Großraum Stuttgart gebracht und hier verkauft haben. Dabei seien den neun Männern und einer Frau unterschiedliche Aufgaben zugefallen.
Insgesamt 17 Mal sind laut Anklage sieben der Angeklagten in wechselnder Besetzung zwischen Juli und November 2024 mit Mietwagen in den Großraum Barcelona gefahren, um dort in der Regel 20 bis 30 Kilogramm Cannabis zu erwerben. Die Vielzahl der Personen sei nötig gewesen, da zur Bezahlung der Rauschgiftmengen häufig Bargeld von bis zu 50.000 Euro benötigt wurden, innerhalb der EU jedoch pro Person nur 10.000 Euro eingeführt werden dürfen. Ein bis drei der Angeklagten seien häufig noch am selben Tag nach Deutschland zurückgeflogen. Ein oder zwei Angeklagte sollen das Cannabis dann zu einer Logistikfirma ins circa 100 Kilometer entfernte Girona gebracht haben.
Dienste eines Lastwagenfahrers in Anspruch genommen
Von dort hat es laut der Anklage ein 53 Jahre alter Angeklagter, der dort als Berufskraftfahrer tätig war, ein oder zwei Tage später nach Deutschland importiert. Angeliefert wurde es laut der Staatsanwältin in aller Regel nach Gärtringen (Kreis Böblingen), wo es zwei der Angeklagten abholten und in Bunkerräumlichkeiten in Stuttgart und Fellbach (Rems-Murr-Kreis) brachten. Dabei soll das Duo mehrfach die Dienste eines 28-jährigen Uber-Fahrers in Anspruch genommen haben, der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt. Der 53-jährige Lastwagenfahrer soll pro transportiertem Kilogramm mit 300 Euro entlohnt worden sein. Allein für die in der Anklage aufgeführten Taten in den fünf Monaten habe er knapp 113.000 Euro erhalten.
Kopf der Gruppe ist nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ein 28-jähriger Angeklagter aus Korb (Rems-Murr-Kreis), der die Preise bestimmt haben soll und die Verkäufe genehmigen musste. Um die Einnahmen aus den Drogengeschäften zu verschleiern und das Geld dem Zugriff der Ermittlungsbehörden zu entziehen, soll er zusammen mit einem 25-jährigen Mitangeklagten und einer 34-jährigen Komplizin, die ebenfalls auf der Anklagebank sitzt, eine Firma zum Verleih von Luxuslimousinen gegründet haben.
220.000 Euro Bargeld im Tresor unterm Bett versteckt
Zu diesem Zweck soll er einen McLaren für 132.500 Euro und einen BMW für knapp 79.000 Euro gekauft haben, der Kauf eines Lamborghini sei geplant gewesen. Die 34-jährige Angeklagte habe deswegen in einem Tresor unter ihrem Bett knapp 220.000 Euro Bargeld aufbewahrt. Das Geld habe sich in einer Wohnung in Backnang (Rems-Murr-Kreis) befunden, in der die 34-Jährige laut Anklage zwar gelebt habe, aber nicht amtlich gemeldet gewesen sei.
Vor allem ein 31-jähriger Angeklagter, aber auch drei andere sollen darüber hinaus noch auf eigene Rechnung Geschäfte mit Kokain, Haschisch und Heroin gemacht haben. Für 500 Gramm Kokain sollen sie häufig knapp 15.000 Euro bezahlt haben. Im Rahmen dieser Geschäfte soll ein 25-jähriger Angeklagter einem Hausmeister in Stuttgart am Telefon mit dem Tod gedroht haben. Der Angeklagte habe 600 Gramm Marihuana in dessen Werkzeugkasten versteckt gehabt und sei nicht mehr an diesen herangekommen.
Der Prozess wird am 20. April fortgesetzt. Anschließend sind 16 weitere Verhandlungstage bis zur voraussichtlichen Urteilsverkündung am 10. September geplant.