Angekommen in Schwaigern Der Iraker, der sich in die Herzen lächelt

Von Gunter Haug 

Als irakischer Flüchtling eine Arbeit zu finden ist schwer. Haider Hlail hat es geschafft – und vieles mehr.

Haider Hlail engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr in Schwaigern. Foto: Haug
Haider Hlail engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr in Schwaigern. Foto: Haug

Schwaigern - Alle mögen Haider Hlail. Vorbildlicher geht es kaum: Der 29-jährige Iraker ist Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr, er engagiert sich im örtlichen Flüchtlingsarbeitskreis, als freiwilliger Dolmetscher hilft er anderen Flüchtlingen bei Behördengängen, und demnächst beginnt er eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker. Auch für ein Späßchen ist er immer zu haben. Er ist gut angekommen im 6000-Einwohner-Städtchen Schwaigern bei Heilbronn.

Dabei wollte er bis vor Kurzem nur noch weg: „Hier sterbe ich langsam. Zu Hause sterbe ich schnell!“, klagte er bei seinen Freunden. Mit Engelszungen haben diese damals auf Haider Hlail eingeredet. Zurück in den Irak nach anderthalb Jahren in Deutschland, das gehe doch nicht. Auch, dass ihm vor Kurzem ein besserer Schutzstatus zugesprochen wurde, der ihm mehr Bleibesicherheit gewährt, konnte ihn nicht vom Bleiben überzeugen.

Dunkle Zeiten

„Ihr könnt leicht sagen, dass ich bleiben soll“, sagte er bitter. „Aber ich halte es hier nicht mehr aus.“ Denn monatelang zu zweit in einem zwölfeinhalb  Quadratmeter winzigen Raum im Obdachlosenheim von Schwaigern zu leben, gemeinschaftliche Dusche, Toilette und Küche, das zermürbt. „Wir sind doch keine Tiere“, hat er dem zuständigen Sachbearbeiter vorgehalten, der darauf erwiderte, man könne sein Minizimmer im Grunde auch mit drei oder gar vier Mann belegen. Hinzu kam eine strenge Wohnsitzauflage für Schwaigern, womit sein Traum von einer eigenen Wohnung in weite Ferne rückte. Denn in Schwaigern ist der Wohnungsmarkt völlig leer gefegt.

Buchstäblich in letzter Minute hat sich das Blatt gewendet. Haider Hlail hatte nämlich ein einwöchiges Praktikum in einem metallverarbeitenden Betrieb in Leingarten absolviert und sich dank seiner freundlichen Art sofort in die Herzen der Kollegen hineingefeilt, geschraubt und gelacht. „Haider, wann kommst du wieder?“, hieß es nach dem Praktikum. Die Ausbildungsleiterin sagte, dass er sich zum Herbst des kommenden Jahres für eine Lehrstelle als Werkzeugmechaniker bewerben solle. Bis dahin könne er in dem Betrieb weiter jobben.

Wie ein kleines Wunder: ein Ausbildungsplatz

Haider Hlail zögerte. Noch ein Jahr zu warten schreckte ihn ab. Ob es wirklich keine ­Möglichkeit mehr für dieses Jahr gebe, wollte er wissen. Er wurde vertröstet. Alle Ausbildungsplätze seien längst belegt. Aber dann gab es eine Sitzung der Geschäftsleitung, in der alle von dem netten Asylbewerber berichteten, der die Firma regelrecht gerockt habe. Und der Chef beschloss ­spontan, einen weiteren Ausbildungsplatz bereitzustellen, extra für Haider Hlail.

Der hat begeistert eingewilligt. Einen Ausbildungsplatz zu ergattern, das gelingt nur einem von 1000 Asylbewerbern. Willkommener Nebeneffekt: Er bekommt bereits in seinem ersten Ausbildungsjahr gut 800 Euro pro Monat, womit seine Wohnsitzauflage entfällt und er sich auch außerhalb von Schwaigern eine Wohnung nehmen kann – wenn er denn eine findet. Aber damit war der Bann gebrochen, und Haider Hlail sieht wieder positiv in die Zukunft.

Gefährliche Flucht

Der junge Mann, der 1988 in Bagdad geboren wurde, hat in seiner Heimat ein gewöhnliches Leben geführt, wie er erzählt. Er war beschäftigt als Fotograf in einem Ministerium, er besaß ein eigenes Auto, das elterliche Haus war groß, das Familienleben intakt. Dann nahm das Unheil seinen Lauf, denn Haider Hlail ist Schiit. Er ist kein religiöser Fanatiker, doch dass er in einem schiitischen Ministerium tätig war, reichte: Zuerst kamen Drohanrufe. Eine Bombe riss seinem Bruder beinahe den Fuß ab. Die nächste Bombenexplosion tötete seinen Chef. Er selbst kam mit dem Schrecken ­davon. Die Drohungen verfolgten ihn. „Wir sind dir auf den Fersen!“ „Jetzt bist du dran!“ Der Familienrat war sich einig: ­„Irgendwann erwischen sie dich. Du musst gehen, nur in Europa bist du sicher!“

Anfang Oktober 2015 flieht Haider Hlail in die Türkei. In Istanbul begegnet er einem Mann, der ihm verspricht, ihn nach Europa zu schleusen. In einem Schlauchboot soll er nach Griechenland gebracht werden. Einige Tausend Euro wechseln den Besitzer. Die grauen Schlauchboote sind hoffnungslos überladen mit Männern, Frauen, weinenden Kindern. Niemand kann schwimmen. Kaum sind sie auf dem offenen Meer, fällt der Motor aus. Ringsum nur Wasser. Irgendwann wird Haider klar: Das könnte das Ende sein. Er betet. Plötzlich hören sie einen Hubschrauber. Wenig später kommen Schiffe. Mit knapper Not sind sie dem Tod entronnen. Kaum ist Haider Hlail in Sicherheit, da greift er nach dem Telefon und ruft in Bagdad an. „Mama, ich habe es überlebt!“ Im Herbst 2015 kommt mit den großen Flüchtlingswelle in Deutschland an. Und landet schließlich in dem Städtchen Schwaigern. Und dort lernt er fleißig Deutsch. Schon bald, wenn man ihn fragt, ob er schon etwas auf Deutsch ­sagen könne, antwortet er lächelnd: „Ja, a bissle.“ Damit ­gewinnt er rasch die Herzen der Schwaigerner.

Nun also der nächste Schritt. Mit dem Ausbildungsvertrag in der Tasche hat er seinen Optimismus wiedergefunden. Mit seinen Freunden sucht er munter nach einer Wohnung. Kürzlich hat er sich eine in Heilbronn angeschaut. Seitdem kennt er ein neues deutsches Wort: Bruchbude. Manchmal möchte man als Deutscher vor Scham in den Boden sinken.