Stuttgart/Los Angeles - Dreieinhalb Jahre alt ist die wohl weltweit jüngste Miteigentümerin eines Fußballclubs. Dabei ist die kleine Olympia Ohanian bisher eher auf einem Tenniscourt anzutreffen als auf einem Fußballrasen – zusammen mit ihrer berühmten Mutter, Tennisstar Serena Williams. Auch sie gehört zu den vornehmlich weiblichen Investoren des neu gegründeten Fußballclubs Angel City FC. Doch nicht nur aufgrund des Investments von Olympia ist der kalifornische Club, dessen Name auf die Stadt Los Angeles mit dem berühmten Hollywood-Schriftzug zurückzuführen ist, einzigartig.
Denn allgemein lesen sich die Namen der Eigentümer und Investoren wie die Liste einer exklusiven Promiparty: Neben der Familie Williams (Ehemann Alexis Ohanian, Mitbegründer der erfolgreichen digitalen Plattform Reddit, hat auch investiert) gehören dazu außerdem die Oscar-Gewinnerin Natalie Portman, ihre Schauspielkolleginnen Eva Longoria und Jennifer Garner, die Tennislegende Billie Jean King, die Ex-Skirennläuferin Lindsey Vonn, der Football-Superstar Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs sowie viele amerikanische Ex-Fußballerinnen wie Abby Wambach oder Julie Foudy.
Die Stars bringen nicht nur Geld mit
Der Angel City FC strotzt nur so vor berühmten Aushängeschildern. Und darin liegt auch ein Teil seiner Macht: Die Besitzer sind eine vielfältige Gruppe jüngerer, versierter Investoren, die ihr Vermögen in den Bereichen Technologie, Sport, Hollywood und Neue Medien aufgebaut haben. Im Gegensatz zu traditionellen Pendants geben sie nicht nur Geld – sie nutzen auch ihre Berühmtheit und bringen Reputation, hilfreiche Kontakte, bekannte Marken und ein völlig neues Publikum mit.
Aber was treibt Stars an – von denen die meisten absolut nichts mit Fußball zu tun haben –, diesen Club zu gründen? Um das zu verstehen, braucht es einen Blick auf den amerikanischen Frauenfußball, stellvertretend für so viele Profispielerinnen steht Abby Wambach. Sie ist zweifache Olympiasiegerin, Weltmeisterin von 2015 und Weltfußballerin des Jahres 2012. Als Wambach im Dezember 2015 ihre sportliche Karriere beendete, stand sie vor der Frage: „Wie verdiene ich jetzt Geld?“ Paradox daran ist, dass ihre weitaus weniger erfolgreichen männlichen Kollegen nicht vor diesem Problem stehen.
Horrende Gehaltsunterschiede
Bei den Profifußballerinnen der US-Frauenliga National Women’s Soccer League (NWSL) liegt der Maximalverdienst aufgrund einer festgelegten Gehaltsgrenze der Clubs bei 50 000 Dollar pro Jahr. Weniger als 20 000 Dollar im Jahr darf keine Spielerin verdienen. Deshalb ist es für einige von ihnen ganz normal, neben der Profikarriere einen Zweitjob anzunehmen, um über die Runden zu kommen. Die männlichen Profifußballer in der US-Profiliga MLS erhielten dagegen im Jahr 2020 mindestens 70 000 und höchstens 530 000 Dollar.
Das ist im Übrigen auch der Grund, warum Serena Williams und ihre Ehemann samt Tochter Olympia in den Verein investieren. Während der Fußball-WM der Frauen im Jahr 2019 trug Olympia ein Trikot der Torschützenkönigin Megan Rapinoe. Ihr Vater Alexis Ohanian dachte laut darüber nach, dass seine Tochter eines Tages auch Profifußballerin werden könnte. „Ohne eine Miene zu verziehen sagte meine Frau: ‚Nicht, bevor sie ihr das zahlen, was sie wert ist‘“, erzählt Ohanian. In diesem Moment, führt er aus, fühlte er sich verpflichtet zu versuchen, einen positiven Beitrag zur Welt des Frauensports zu leisten: „Alles klar, Babe“, erklärte er, „Herausforderung angenommen!“
Euphorische Versprechungen
Doch es geht den Gründern des Angel City FC bei Weitem nicht nur um ein faires Gehalt. Die Philosophie des Vereins ist auch, den Fußballerinnen grundlegende Finanzkompetenzen oder den „richtigen“ Umgang mit sozialen Medien zu vermitteln. Julie Uhrmann ist die Präsidentin des Vereins und gibt Einblicke in die Vision: „Wir wollen einen spürbaren Einfluss in der Sportwelt haben.“
Bei aller Euphorie: Außenstehende müssen sich vorerst mit allerlei hochtrabenden Floskeln begnügen. Auf der Internetseite des Angel City FC werden Versprechen formuliert wie „Wir werden unseren Spielern, Trainern und Mitarbeitern eine großartige Möglichkeit bieten, Los Angeles mit Stolz zu repräsentieren“ oder: „Wir werden das ultimative Fan-Erlebnis schaffen“.
Spielbeginn ist erst in 13 Monaten
Der erste Anpfiff für die Mannschaft des Angel City FC findet in circa 13 Monaten statt, zu Beginn der Saison 2022. „Wir alle hängen an der Idee, etwas völlig Neues zu schaffen, das auch von anderen repliziert werden darf, weil sich institutionell etwas ändern muss“, sagt Abby Wambach und verspricht, dass sie ihre Position nutzen wird, damit amerikanische Fußballerinnen mit Würde statt mit Schulden in Rente gehen können. Über einen möglichen sportlichen Erfolg spricht derzeit noch niemand. Auch ist nicht bekannt, welche Spielerinnen der Verein verpflichten wird. Wenn der Club seine Versprechungen wahr macht, dann könnten möglicherweise mehr Talente wie Olympia Ohanian angespornt werden.