Angela Merkels Lesung in Stuttgart Sie ist immer noch wie immer

Angela Merkel in Stuttgart Foto: Literaturhaus/Sebastian Wenzel

Die Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Stuttgarter Beethovensaal aus ihrer Autobiografie „Freiheit“ gelesen – und erntet dafür Jubel wie ein Popstar. Warum?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Was haben wir Angela Merkel zu verdanken? Die Literaturhaus-Chefin Stefanie Stegmann berichtet in ihrer Begrüßung der Ex-Bundeskanzlerin am Dienstagabend im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle, sie für ihren Teil habe ihr jedenfalls ein neues Wort zu verdanken. Genauer: Sie habe durch die Lektüre von Merkels Autobiografie „Freiheit“ gelernt, dass in der DDR das Wort „absprechen“ eine andere Bedeutung hatte als in der BRD.

 

Was bedeutete „absprechen“ in der DDR?

Wenn Merkel in ihren Jugenderinnerungen ihr Elternhaus in der Uckermark dafür lobt, dass sie sich daheim sorglos „absprechen“ konnte, dann ging es dabei nicht um die Koordination von Plänen und Terminen. Sondern die Vokabel meint in diesem Zusammenhang: sich die alltäglichen Sorgen des Alltags in einer Diktatur von der Seele reden. Nach einem Tag in der Schule mit lauter Ängsten, bloß nicht das Falsche zu sagen; nach einem weiteren solchen DDR-Tag konnte sie wenigstens im geschützten Raum eines evangelischen Pfarrhauses frei reden. Verbunden mit der Hoffnung, das würde ausreichen, um abends noch selbstbewusst in den Spiegel schauen zu können.

2000 Menschen sind zur Lesung von Angela Merkel gekommen; der Beethovensaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Das ist die größte Überraschung beim Blick durchs Publikum: wie jung es ist. Keineswegs nur Grauschöpfe wollen Angela Merkel erleben und so ihre eigene Lebenszeit noch mal Revue passieren lassen, gerade junges Volk hat sich versammelt und jubelt der Alt-Bundeskanzlerin schon beim Auftritt zu. Und das, obwohl weitgehend bekannt ist, dass Merkel bei ihren Lesungen wirklich nur liest. Vorliest.

Würstchen, Buletten und Kartoffelsalat

Kein Moderator darf zwischendurch Fragen stellen, kein Zuhörer darf sich per Saalmikrofon einschalten. Angela Merkel sitzt einfach nur an einem Tisch, sagt ein paar einführende Worte, hat vor sich das dicke Buch mit lauter eingelegten Lesezeichen, und an letzteren hangelt sie sich ziemlich exakt neunzig Minuten entlang von der DDR-Jugend bis zum letzten Amtstag als Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland am 2. Dezember 2021. Nach dem Großen Zapfenstreich, das wissen die Leser, gab es im Kanzleramt noch ein geselliges Beisammensein mit Würstchen, Buletten und Kartoffelsalat – „wie immer“.

Und das ist auch ein bisschen das Leitmotiv des ganzen Abends: Da sitzt sie vor uns auf der Bühne wie scheinbar immer; im blauen Blazer, dezent geschminkt, wie früher frisiert, um den Hals eine schöne, aber ganz sicher nicht überauffällige Kette, exakt so wie früher viele Jahre lang; sie spricht ruhig, konzentriert, strukturiert, erklärt die Welt, wie sie war und wie sie sein könnte – man steckt, obwohl man ja längst um die Schwächen ihrer Kanzlerschaft weiß, sofort wieder mitten drin in der Merkel-Mood. Und es wird geradezu schmerzhaft klar, wie sehr einem dagegen das stark kontrastierende Testosteron-Ampel-Gehampel der Merkel-Nachfolger auf den Keks gegangen ist.

Merkel neigt zur Pünktlichkeit

Die einst „mächtigste Frau der Welt“ („New York Times“) zeigt sich in den von ihr vorgetragenen Buchauszügen immer wieder selbstironisch. Es gibt mehrfach Publikums-Lacher an diesem Abend, als sie kleine Spitzen gegen sich selbst und ihren Lebens- und Regierungsstil setzt. Vielleicht hätte sie noch mehr aus den ersten 35 Jahren ihres Lebens berichten sollen, vielleicht noch mehr Beispiele für Unterschiede im Denken, Sprechen, Fühlen geben sollen, denn just das ist ja, was einem Publikum im südwestdeutschen Stuttgart am fernsten liegt. Aber sie weiß natürlich um die Erwartungen an einem solchen Abend – also kommt alles vor, woran sich viele noch gut erinnern können: erste Wahl zur Kanzlerin, Finanzkrise, Flüchtlinge, Trump, Putin.

Zum Schluss – „ja, meine Damen und Herren, ich sehe, es ist 21 Uhr, da komme ich mal zum Ende“ – beschreibt sie, was ihrer Meinung nach nötig ist, um gute Politik zu machen: „das Mögliche realistisch bestimmen und so das Richtige tun“. Man spürt im Saal den kollektiven Sehnsuchtsseufzer. Klingt so einfach. Wär’ so schön.

Eigentlich wären drei Zugaben fällig

Die Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel wird im Stuttgarter Beethovensaal schließlich mit nichts weniger als Ovationen im Stehen und mit Bravo-Rufen gefeiert, gerade die Jüngeren sind vollkommen aus dem Häuschen. Wenn sie ein Popstar wäre, müsste sie jetzt mindestens drei Zugaben geben. Aber so winkt sie einfach ein bisschen nach links und rechts, greift dann noch mal zum Mikrofon und beendet den Trubel ebenso bestimmt wie pragmatisch: „Vielen Dank an Frau Stegmann. Schön, dass Sie alle da waren. Kommen Sie gut nach Hause.“ Ganz ehrlich: solche Haltung – man vermisst das.

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