InterviewAngelique Kerber nach Wimbledon-Sieg zu Besuch in Zuffenhausen „Stuttgart ist eine besondere Stadt“

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Die Tennisspielerin Angelique Kerber (30) präsentiert ihre Wimbledon-Siegerschale erstmals in Deutschland – in Zuffenhausen. Warum sie ausgerechnet diesen Ort dafür ausgesucht hat und welche Ziele sie nach dem historischen Titel in London angreift, erklärt die neue Weltranglistenvierte im Interview.

Angelique Kerber mit ihrer Wimbledon-Siegerschale zu Besuch in Stuttgart Foto: Baumann
Angelique Kerber mit ihrer Wimbledon-Siegerschale zu Besuch in Stuttgart Foto: Baumann

Stuttgart - Ihr langer beigfarbener Rock und das weiße Oberteil flattern richtiggehend, so federleichten Schrittes kommt Angelique Kerber im Stuttgarter Porsche-Museum an. In Zuffenhausen absolviert die 30-jährige Tennisspielerin ihren ersten öffentlichen Auftritt nach dem ersehnten Triumph beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Zuerst posiert sie strahlend mit der Siegerschale vor einem Sportwagen des Gastgebers, für den sie als Markenbotschafterin fungiert. Nach dem Blitzlichtgewitter beantwortet sie dann geduldig alle Fragen. Angelique Kerber über . . .

. . . den Sieg in Wimbledon: „So langsam realisiere ich wirklich, dass ich Wimbledon-Siegerin bin. Das hat ein bisschen gedauert. Und ich glaube, ich brauche auch noch ein bisschen Zeit, bis ich wirklich das wahrnehme, was ich in den letzten zwei Wochen geschafft habe und dass ich zurückgekommen bin als Wimbledon-Siegerin – als das, was ich mir immer erträumt habe. Die letzten Tage waren auf alle Fälle sehr lang, ich habe nicht viel geschlafen. Aber es waren schöne Stunden, die ich bisher erleben durfte.“

. . . das Bild, das ihr seitdem immer wieder in den Kopf kommt: „Der Moment, in dem ich die Schale hochhalte, das ist der Moment, von dem ich fast 30 Jahre geträumt habe. Diese Emotionen sind unbeschreiblich. Der Moment wird ewig in mir sein.“

. . . die Siegerschale: „Sie kommt auf jeden Fall zu den anderen zwei Grand-Slam-Pokalen bei mir zu Hause im Wohnzimmer einen Platz. Das ist die besondere Schale, die ich mir immer gewünscht habe – sie wird in der Mitte stehen.“

. . . den Vergleich mit ihren vorherigen beiden Grand-Slam-Triumphen 2016: „Es ist ein Unterschied. Wimbledon, das ist der Höhepunkt in meiner Karriere. Ich bin auch froh, dass es der dritte Grand-Slam-Titel ist und nicht der erste. Ich weiß, was jetzt alles auf mich zukommt und wie ich damit umgehe. Ich kann es noch viel, viel mehr genießen. Das möchte ich jetzt in jedem Moment tun.“

. . . die neuen Ziele: „ Es geht für mich um die Momente wie in Wimbledon im Finale auf dem Center Court zu stehen. Dafür kämpft man. Auch ein Roger Federer, der schon alles gewonnen hat, ist immer noch da und spielt genau dafür. Das sind auch meine Ziele. Ich werde mich in den nächsten Wochen und Jahren jetzt ganz besonders auf die großen Turniere konzentrieren. Ich habe drei Grand Slams gewonnen, das sind die Momente, für die man morgens aufsteht.“

„Ohne die Tiefpunkte 2017 wäre ich nicht Wimbledon-Siegerin“

. . . ihre Tiefpunkte: „Ohne die Tiefpunkte, die ich vor allem auch 2017 erlebt habe, wäre ich nicht da, wo ich bin. Ohne 2017 wäre ich nicht Wimbledon-Siegerin. Ich habe viel gelernt aus den Jahren 2016 und 2017. Über mich, über mein Spiel und das, was mir wichtig ist – dass ich mich nicht nur über Tennis definiere, über meinen Job, sondern mich so nehme wie ich bin, auch wenn ich ein paar Niederlagen erleide.“

. . . die entscheidenden Stellschrauben, an denen sie mit ihrem neuen Trainer Wim Fissette nach dem schlechten Jahr 2017 gedreht hat: „Ich glaube, die größte Stellschraube war ich selber. Dass ich für mich persönlich wieder die Motivation gefunden habe nach dem Jahr 2017. Ich habe mir gesagt: Diesen Wimbledon-Titel möchte ich noch. Das war für mich das Ziel, das ich mir zu Beginn des Jahres gesetzt habe. Ich wollte das unbedingt. In den zwei Wochen war ich wie auf einer Mission. Ich habe nicht nach links und nicht nach rechts geschaut und mich Tag für Tag nur auf mich konzentriert. Es hat geklappt.“

. . . die Rückkehr ins öffentliche Rampenlicht und ihren Umgang damit: „Ich möchte auf mich selber achten. Ich schaue, dass ich nicht diesen Marathon von Anfang bis Ende durchmarschiere, sondern mir zwischendurch immer wieder ein paar Tage oder Stunden Zeit für mich nehme. Das ist, was ich gelernt habe aus den Jahren 2016 und 2017 – dass ich diesen Moment aufsaugen werde. Wer weiß, ob das jemals wiederkommt. So werde ich da rangehen.“

. . . den einzigen nun noch fehlenden Grand-Slam-Titel bei den French Open auf Sand in Paris: „Daran denke ich jetzt nicht. Mal schauen, was mit mir und dem Sand noch passiert. Es ist auf keinen Fall ein unrealistisches Ziel. Ich habe bewiesen, dass ich die Freude auf Sand bekommen und auch da gutes Tennis spielen kann.“

„Ich bin noch die gleiche Angie, die ich vor meinen Grand-Slam-Siegen war“

. . . einen Schub für ihre Sportart durch ihren Sieg: „Ich hoffe sehr, dass dieser Wimbledon-Titel hier in Deutschland einen Hype auslösen wird. Ganz besonders auch für die anderen deutschen Spielerinnen und Spieler. Denn Tennis ist in Deutschland ein ganz besonderer Sport, auch durch Steffi Graf und Boris Becker. Nach ihnen gab es ein kleines Loch. Ich hoffe, dass jetzt durch diesen Sieg Tennis wieder mehr in den Fokus kommt.“

. . . ihre Rolle als Vorbild: „Für mich ist es wichtig, dass man – wenn man an mich denkt – weiß, dass ich nie aufgegeben habe. Dass ich mit Emotionen und Leidenschaft in diesen letzten Jahren auf dem Tennisplatz stand. Dass ich diesen Sport über alles liebe. Und dass ich so geblieben bin, wie ich vor einigen Jahren war. Dass ich mich als Person immer weiterentwickelt und viel gelernt habe, dass ich am Ende des Tages aber noch die gleiche Angie bin, die ich vor meinen Grand-Slam-Siegen war.“

. . . den Reiz der Rückkehr auf Weltranglistenposition eins: „Natürlich wäre das schön. Ich werde auch alles dafür tun, dass ich in den nächsten Turnieren gut spiele, damit ich die Position noch mal erreiche. Aber ich denke wirklich nicht so sehr an die Rangliste und schaue drauf, wie viele Punkte mir noch fehlen und was ich machen muss, um ganz oben hinzukommen. Ich habe dieses Gefühl schon erlebt. Und wenn ich es noch mal erleben darf, wird es schön sein. Aber es ist nicht so, dass ich das unbedingt morgen haben muss.“

. . . ihre Beziehung zu Stuttgart: „Es ist eine ganz besondere Beziehung, weil Porsche hier ist und mir diese Partnerschaft sehr viel bedeutet. Es ist immer wieder schön, hierher zurückzukommen. Stuttgart ist auch mein Heimturnier, das ich immer spiele. Es ist eine besondere Stadt und eine besondere Verbindung für mich.“

. . . darüber, ob sie 2019 in Stuttgart aufschlagen wird: „Ich überlege mal kurz – ich glaube: ja. (lacht) Ich werde auf jeden Fall nach Stuttgart kommen. Das ist das einzige Heimturnier hier in Deutschland, und das will ich auf gar keinen Fall verpassen.“

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