Angler von Oberstenfeld Eisengitter, alte Waffen: im Neckar finden sich verborgene Schätze
Er zieht verrostete Fahrräder, Munition und verbogene Rohre aus Flüssen. Auf Tour mit Markus Kronenwett und seinen Magnetangler-Freunden. Was treibt sie an?
Er zieht verrostete Fahrräder, Munition und verbogene Rohre aus Flüssen. Auf Tour mit Markus Kronenwett und seinen Magnetangler-Freunden. Was treibt sie an?
Was da durch die Luft schießt, ist schwer und aus Metall. Es klatscht auf die Wasseroberfläche, der Neckar verschlingt es. Nach einer Weile spannt sich das Seil, an dem das Metall hängt, der Mann am Ufer zieht, erst sanft, dann fester. Es schlingt sich um sein Handgelenk, gräbt sich in die Haut. Das muss der große Fund sein. Der Jahrhundertfund. Er zerrt und zerrt. Hängt mit seinem ganzen Gewicht am Seil, die Wangen blasen sich auf. Allein wird er es nicht schaffen.
Markus Kronenwetts Magnet sieht aus wie ein großer Eishockeypuck mit Henkel, kann bis zu 350 Kilo Lasten binden und wirkt durch die reine Kraft seines Materials: Neodym – ein seltenes Metall, das zusammen mit Eisen und Bor zu einem superstarken Permanentmagnet wird. Die Haftkraft ist stark, oft zu stark, um die Beute mühelos zu lösen. Der Name des Magneten: Beast.
An diesem Samstagmorgen ist Kronenwett mit seinen Freunden Uli und Jürgen von Oberstenfeld 75 Kilometer zu einer Brücke nach Eberbach am Neckar gefahren. Im Kofferraum: Eimer, Rollkarren, Handschuhe, Seile und die Magneten: Das Beast, Zugkraft 350 Kilogramm. Der Barbarian, 400 Kilogramm. Der Megacube, 450 Kilogramm. Die Namen hat ihnen der Hersteller gegeben.
Immer mehr Menschen machen sich mit ihren Neodym-Patrouillen auf die Suche nach Vergessenem. In Onlineforen und auf YouTube existieren zahlreiche Gruppen und Kanäle, die sich dem Magnetangeln widmen. Einige Kanäle haben Tausende Abonnenten – meistens Männer. Die Supermagneten, sie sind auch Prüfsteine der Männlichkeit.
Sind sie Entdecker, Abenteurer, Schatzsucher? Oder Chronisten von Müll, den Hinterlassenschaften einer Wegwerfgesellschaft? Uli: „Wollen wir mal gucken, wie viele Fahrräder wir rausholen.“ Jürgen: „Oder auch nix.“ Kronenwett: „Ich hab schon was.“
Er holt das Seil ein. Es zappelt, als hätte er einen Hecht am Haken. Kronenwett beugt sich vor. Aus dem Wasser sticht der Lauf eines Vierkantrohrs empor. Aus dem Inneren fließt Schlamm, der sich wie ein Schleier über das Wasser legt. Der Neckar gibt nicht einfach Dinge frei. Erst hält er sie fest, wie verdrängte Erinnerungen. Und dann spuckt er sie aus. Ohne Reue, weg damit.
Kronenwett, 41, ist von Beruf Groß- und Einzelhandelskaufmann, verkauft Werkzeuge und Arbeitsmaschinen im Außenhandel. Laut und schnell kam ihm die Welt vor, zu viel passierte gleichzeitig um ihn herum. Heute das, morgen das, sagt er, zack, zack. Er war mal verheiratet, bekam zwei Söhne, ließ sich scheiden. Auch das ist seitdem ein Hin und Her. Die Söhne leben bei der Mutter, mal sind sie da, mal wieder nicht, zack, zack.
Dann kam Corona und hielt die Welt an. Erst genoss Kronenwett diese Stille. Doch schnell spürten er und seine Söhne, damals zehn und zwölf Jahre alt, eine Unruhe. Beide sind Autisten, für sie ist Stille nicht einfach Stille – sie kann sehr laut sein, drückend und schwer. Es war ein Nachmittag im April 2020, als Kronenwett und seine Buben auf einen YouTuber mit dem Namen MC Limited stießen, der Stahlträger mit einem Magneten aus dem Wasser zog und dabei „Scheiße!“ rief. Der Mann faszinierte sie.
Erst kaufte Kronenwett einen kleinen Magneten für 20 Euro. Ein Anfängerteil, wie er sagt, mit wenig Zugkraft. Mit den Söhnen ging er an die Bottwar. Hier hatten sie schon oft Müll gesammelt bei Dorfaktionen: Kronkorken, alte Münzen, Rohre.
Kronenwett kaufte sich besseres Werkzeug. Das Beast, das ihm 215 Euro aus der Tasche zog. Mit dem ersten Einkaufswagen zerrten sie auch ihre neue Obsession aus dem Wasser. Die Familiencrew fand Jürgen, der das Hobby schon vor Jahren für sich entdeckt hatte und seinen eigenen YouTube-Kanal mit Videos darüber befüllt. Den hat er doch schon mal im Dorf gesehen, dachte sich Kronenwett. Was für ein Zufall. So schrieben sie sich, trafen sich, fischten gemeinsam nach Eisen. Auch Uli schloss sich an, ein langjähriger Freund von Kronenwett. Eine Gemeinschaft wuchs.
Mit der Zeit wurde aus dem therapeutischen Hobby ein Archiv. Kronenwett eröffnete ein kleines Magnetanglermuseum, das erste und bislang einzige in Deutschland. Dafür mietete er zunächst einen, später zwei Gewölbekeller. Viele seiner Funde hat er aufbewahrt. „Alles hat eine Geschichte“, sagt er. „Alles ist Geschichte.“ Er versucht herauszufinden, aus welchem Jahr die jeweiligen Gegenstände stammen, zieht auch Historiker zurate. Vor allem das Alltägliche interessiert ihn. Dinge, die mal jemandem gehörten, aber nun niemandem mehr sind.
Elf Uhr, die Ausbeute wächst. Auf dem Uferasphalt liegen: eine Eisenschiene, zwei Stangen, ein Fahrrad, ein Kinder-Tretroller, ein Fahrradpedal, eine Essgabel. Verkrustet, löchrig, an manchen Stellen haben sich Muscheln festgebissen. Inventur des Vergangenen. Farben hat der Rost längst aufgefressen.
Kronenwett trägt eine Warnweste und Handschuhe, als wären sie Teil einer Uniform, die er sich gegeben hat. Die drei Männer sind einige Meter weitergerückt, den Bereich unter der Ebersbacher Brücke haben sie schon abgeerntet. Uli mustert die Brücke: „Sind das die Originalpfeiler?“ Kronenwett: „Ja, ja, die Originalen.“ Uli: „Die Brücke haben sie gesprengt.“ Kronenwett: „Ja, die haben sie gesprengt.“
Es waren die Amerikaner, die die Brücke mit Thunderbolt-Kampfflugzeugen sprengten, damals im März 1945, als sich die Weltkriegsfront nach Süden schob. Für Kronenwett liegt Geschichte im Wasser, rostet, kann geborgen werden. Eine alte Uhr, ein verbeultes Schild, ein Fahrradsattel. Geschichte beginnt dort, wo etwas übrig bleibt. So sieht er es. Denn das Jagdfieber braucht Bedeutung.
11.30 Uhr, der Haufen am Ufer wird größer. Hinzugekommen sind: ein Schlegel, eine Zange, ein Blech, ein Karabinergewehr, gut erhalten, sogar der Griff ist noch dran. Die Männer beugen sich über den Gewehrlauf. Amerikanisch? Der Bolzen deutet darauf hin. Vermutlich, spekulieren sie, wurde es in den Fluss geworfen, als die Amis 1945 durch die Straßen zogen. Wer Waffen zu Hause hatte, galt als Feind, konnte in Kriegsgefangenschaft landen. Also entsorgte man sie. Alte Gewehre findet Kronenwett immer wieder. Wenn sie gut erhalten sind, reinigt er sie, stellt sie im Museum aus. Später wird sich herausstellen, das Gewehr ist ein französisches, Lebel Modell, 19. Jahrhundert.
Auf der Brücke bleiben Menschen stehen, beobachten, was sich da unten am Ufer abspielt. Hinter den Anglern kaut ein alter Mann in Lederjacke sein Laugenbrötchen. Auch er schaut zu, hebt die Augenbrauen. Ein weiterer Mann fragt, was sie da eigentlich machen. „Den Fluss vom Schrott befreien“, erklärt Kronenwett. Ja genau, der Umweltaspekt. So viel Müll in den Flüssen. Unglaublich. Der Mann sagt, er arbeite mit einem Gewässerschutzamt zusammen. Doch Behörden sind das Letzte, was Markus Kronenwett braucht.
Mit ihnen hatte er schon genug Ärger. Er weiß, sein Hobby bewegt sich in einem Graubereich. Für jede Kleinigkeit, selbst fürs Einwerfen des Magneten, braucht es extra Genehmigungen. Unverständlich, findet Kronenwett. Schließlich tue er mit seinem Hobby ja was für die Umwelt.
Das sei durchaus verdienstvoll, meint ein Sprecher des Umweltbundesamts. Aber da wären eben auch Stoffe im Schlamm, die man dort lieber eingeschlossen lasse. Bricht Kronenwett die Schlammdecke auf, indem er zum Beispiel einen tief im Grund vergrabenen Auspuff herauszieht, öffnet er Schadstoffen das Tor zum Wasserkreislauf. Das verrostete Eisen, das er birgt, sei harmlos, erklärt der Sprecher des Umweltbundesamts. Eisenocker aber, der als rotbrauner Schlamm im Flussgrund liegt, könne mit seinen extrem feinen Partikeln das Sediment verstopfen, dem Fluss die Luft zum Atmen nehmen. Ob jene Stoffe tatsächlich dort sind, wo Kronenwett gerade angelt, weiß man nicht. Kronenwett will Beweise. Dies könnte, das könnte, die Schifffahrt wirbele das Sediment doch genauso auf, sagt er. Das Risiko sei zu hoch, sagt der Behördensprecher.
Und da ist noch ein Punkt: Munition. Kronenwett hat bereits Relikte aus zwei Weltkriegen geborgen, zuletzt eine Panzermine in Bad Cannstatt. Der Kampfmittelräumdienst gab ihm ein Identifikationsbuch an die Hand. Er kenne die Gefahren, denen er nicht nur sich selbst, sondern auch andere in seiner Umgebung aussetzt, sagt Kronenwett. Trotzdem, meint er, wolle man ihm das Magnetangeln erschweren.
Kurz vor 14 Uhr. Die frische Beute: ein Kronkorken der Marke Astra Rakete, eine Stange, ein Scheibenwischer, ein Eisengitter. Die drei Männer geben sich noch eine halbe Stunde, als Kronenwett den heftigen Ruck spürt. Die Handschuhe hat er längst ausgezogen, das Seil gräbt sich in die Haut. Der große Fund, immer wieder sagt er es. Der Fund, den er nicht allein aus dem Wasser ziehen kann. Zuerst kommt Jürgen. Mit seinem Barbaren eilt er dem Biest von Kronenwett zu Hilfe. Gemeinsam ziehen sie mit lautem Schnaufen. Kronenwett: „Das ist was Großes.“ Jürgen: „Fund des Jahrhunderts.“ Kronenwett: „Das schaffen wir zu zweit nicht.“ Uli sitzt weiter weg auf einer Bank. Und sie zerren weiter. Da bewegt sich was. Was das wohl ist? Ein zu fester Ruck. Kronenwetts Seil entspannt sich, doch Jürgens ist noch stramm. Bläschen steigen auf. Jürgen: „Wenn Blasen kommen, ist das wirklich was Großes.“ Kronenwett ruft Uli. Der schaut rüber, steht auf, greift in seine Hosentasche. Ein Päckchen Zigaretten. Die Freunde verdrehen die Augen. Kronenwett: „Uliii! Komm rüber!“ Jürgen: „Und bring deinen Magneten mit!“ Uli hört nicht. Schlendert mit qualmender Hand in Richtung seiner Freunde. Kronenwett: „Der Magneheeet!“
Es sind diese Momente. Was, was nur kommt raus? Fast meditative Konzentration. Ein Aufmerksamkeitsritual. Wenn sich der Magnet seinen Weg durch das Wasser bahnt, die kreisförmigen Wellen, das Gewicht am Seil, das Zittern, die Spannung. Manche nennen es Schrott. Für Kronenwett ist es der Kontrast zum Job, zum Stress – eine Erlösung mit Seil und Haken.
Jetzt beißt auch Ulis Megacube zu. Zu dritt ziehen die Männer mit ihren Magneten am Schwergewicht im Neckarboden. Seit der ersten Berührung sind fast 30 Minuten vergangen. Nur noch ein Stück. Nur noch ein bisschen. Ein kleines Stück. Kronenwetts Seil lockert sich. Ulis Megacube rutscht, er spürt das. Ein Ruck. Jetzt hat er Jürgens Barbarian gefasst. Verbeißen sich zwei so starke Magneten ineinander, helfen nur noch ein Hebel und rohe Gewalt. Alles vorbei, die Energie am Ende. Sie ziehen ihre verschlungenen Magneten aus dem Wasser, werfen sie auf den Asphalt. Der große Fund ist längst wieder zum Flussboden gesunken. Ein Pfeiler in der Nähe soll Abhilfe schaffen. Die Magneten dagegen gestützt, Megacube links, Barbarian rechts, zerren Uli und Jürgen von beiden Seiten. Kronenwett klemmt einen Stein in die winzige Spalte, die sich zwischen ihnen aufzieht. Ein heftiger Ruck – und sie lassen sich trennen.
Uli blickt um sich, kneift die Augen zusammen, kratzt sich am Kopf: „Drei Meter von der letzten Bank?“ Kronenwett: „Ja, das merken wir uns.“ Sie werden wiederkommen. Wer dem Fluss ein Geheimnis abgetrotzt hat, kommt nie davon los.