Angriff auf die Ukraine Was denken Russen über die Auswirkungen des Kriegs?

Lange Schlangen bei Ikea – die Möbelhauskette schließt ihre Tore in Russland. Foto: imago/Itar-tass

Viele Russen sagen, es werde schon nicht schlimm kommen. Dennoch horten sie ausländische Medikamente und strömen in Läden, die ihren Betrieb einstellen. Ein Land zwischen Heimatflucht und Staatstreue.

Korrespondenten: Inna Hartwich

Moskau - Anastasia Piwowarowa rennt. Schnell noch zu diesem Schrank und dann zu einem anderen. „Wie hieß das Medikament nochmal? Ach ja, habe ich verstanden.“ Die Schlange vor ihr wird immer länger, die Frau an der Kasse rattert die Namen von Tabletten, Sirups, Salben herunter. Aus französischer, schwedischer, ungarischer Produktion. Herzmedikamente, Magentabletten, Päckchen mit Pulver. Anastasia Piwowarowa packt alles in eine Tüte, reicht sie der Frau vor ihr. „Der Nächste, bitte.“

 

In der Apotheke „36,6“ im Moskauer Westen hört die Schlange seit zwei Tagen nicht auf. Die Menschen, vor allem solche, die an chronischen Krankheiten leiden, geben teils ihre Monatsgehälter dafür aus, um sich mit Medikamenten einzudecken.

Putin tötet auch sein eigenes Volk“

Die Angst ist groß, dass sich durch die Sanktionen des Westens nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine die Versorgung in Russland verschlechtert. Gerade, was die medizinische Versorgung angeht. Und sie ist berechtigt. Bereits jetzt melden sich Ärzte, die aufzählen, wie viel importierte Medikamente sie noch auf Lager hätten und für wie lange diese reichten. Eine Krebspatientin, die kurz vor einer Knochenmarktransplantation steht, sagt: „Ich hoffe, für meine Behandlung haben die Ärzte noch alles da. Unser Präsident tötet nicht nur andere, er tötet auch sein eigenes Volk.“

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Der Rubel verliert derweil weiter an Wert. Den Menschen auf Moskauer Straßen macht das durchaus Sorgen. Vielmehr aber beunruhigen sie die Nachrichten von geschlossenen Ikea-Läden, geschlossenen H&M-Läden, geschlossenen Apple-Stores. „Sollen wir jetzt lieber noch alles mögliche kaufen oder unser Geld doch für spätere, schlechtere Zeiten behalten?“, fragt eine ältere Frau, die als Putzfrau arbeitet. Dass es schlecht wird, davon ist sie überzeugt. „Doch wie schlecht?“, fragt sie und versucht, sich sogleich selbst zu beruhigen. „Wir haben seit dem Zerfall der Sowjetunion schon so einige Brüche erlebt. Dann soll uns der Westen halt weiterknechten, wir werden es schaffen. Irgendwie.“

Das Phantom des bösen Westens, das das großartige Russland mit all seinen besonderen Werten, der Kultur, der wunderbaren Landschaft zerstören und in die Knie zwingen wolle, es lebt in vielen Köpfen der Menschen im Land.

Zwischen Heimatflucht und Staatstreue

Bei einem Spaziergang durch Moskau zeigt sich eine angespannte Ruhe. Die Menschen schlendern durch die Parks, sie passen auf ihre Kinder auf den Spielplätzen auf, sie eilen zur Arbeit. Kaum einer will seinen Namen nennen, wenn er auf Fragen antwortet. Die meisten Passanten laufen ohnehin weiter, sobald sie auf die Ereignisse in ihrem Nachbarland angesprochen werden. Oder sie sagen: „Ich bin für Putin, voll und ganz.“ Mehr erklären sie nicht.

„Sorgen? Was für Sorgen soll ich schon haben? Unser Präsident macht alles richtig, den Nazis in der Ukraine musste man es endlich mal zeigen“, sagt ein mittelalter Mann mit kurzem Haar im Elektronikgeschäft eines Einkaufszentrums. Der Mann schaut sich riesige Bildschirme und wiederholt das Narrativ, das in Russland staatstragend ist: Die Ukraine sei kein eigener Staat, die Ukraine begehe „Genozid“ an der russischsprachigen Bevölkerung, in der Ukraine gebe es keinen Krieg.

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„Es wird dunkel in Russland“, sagt eine 40-Jährige am Telefon. Tagelang hätten ihr Mann und sie kaum geschlafen, hätten schließlich die Koffer gepackt, ihre beiden Mädchen ihre Lieblingsspielzeuge mitnehmen lassen – und sind raus aus dem Land. Erstmal zu Arbeitskollegen in Zentralasien. „Und dann mal schauen. Wir müssen erstmal zu uns kommen. Das, was hier passiert, ist nicht mehr das, was wir als unser Land bezeichnen können.“

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