Angriffe auf Oberbürgermeister Bedrohliche Entwicklung im Kreis Esslingen

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In seinem Kommentar über die Attacken auf den Oberbürgermeister von Ostfildern, Christof Bolay, beschreibt Johannes M. Fischer die Gefahr, in der sich die Gesellschaft befindet.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Esslingen - Das war sicherlich nicht besonders geschickt von der Stadtverwaltung Ostfildern, das Wort „Waffengebrauch“ in die Verfügung zu packen. Und es hätte auch nicht sein müssen. Das zeigen die Texte anderer „Spaziergangs“-Verfügungen. Aber diese bürokratische Ungeschicklichkeit als Anlass für bitterböse Unterstellungen zu nutzen, zeigt das Ausmaß der digitalen Verrohung, wie sie in den Social-Media-Blasen von Verschwörungstheoretikern und selbst ernannten Opfern um sich greift.

 

Die verbalen Angriffe auf den Oberbürgermeister von Ostfildern, Christof Bolay, könnte als Geschwurbel ins Lächerliche gezogen werden. Doch tatsächlich ist es gefährlich, was in dieser Blase passiert. Gewiss, es ist ein weiter Weg von der Empörung über die Verblendung bis hin zur kriminellen Tat. Aber wo Gewalt schon einmal angelegt ist, besteht auch die Möglichkeit, dass sie sich Bahn bricht. Abgesehen davon sind Wörter gleichfalls Waffen, die verletzen können.

Zwei Seiten einer Medaille

Traurig am Shitstorm gegen Bolay ist auch, dass Menschen, die sich – wie er – für das Allgemeinwohl einsetzen, behandelt werden wie Dreck. Es ist die Kehrseite der Unterwürfigkeit, mit der Menschen vor allem in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts manchen Berufsgruppen – Bürgermeistern, Ärzten, Pfarrern – begegneten. Beide Verhaltensweisen – Unterwerfung und Überhöhung – spiegeln letztlich eine Hilflosigkeit, die mal in eine völlig überzogenen Schmeichelei und ein anderes Mal in die Verfluchung mündet.

Es sind Reaktionen einer gewissen Überforderung, mit vielen neuen Situationen zugleich zurecht kommen zu müssen. Das ist auch der Punkt, wo Hasser und selbst ernannte Opfer möglicherweise abgeholt werden könnten. Oft ist ihnen einfach alles zu viel: zu viel Corona, zu viele Regeln, zu viele Umstellungen im Alltag, zu viel Digitalisierung, zu viele Knöllchen, zu viel Finanzamt, zu viele Meinungen in den Talkshows.

Wie ein schlechter Witz

Dass Internet-Hasser – zurzeit im Zusammenhang mit Corona, davor in Verbindung mit dem Flüchtlingsthema – sich selbst zuweilen als Freiheitshelden oder gar Widerstandskämpfer hochstilisieren, klingt zunächst einmal nach einem schrecklich schlechten Witz. Sind es doch Menschen, die in einem Angstraum leben, ohne dass es eine echte Bedrohung geben würde. Diese müssen sie – etwa durch eine bewusste Missinterpretation einer kommunalen Verordnung – erst einmal aufbauen. Das wiederum erklärt und legitimiert die eigene Aggressivität. Und eben diese Aggressivität ist es, warum einem das Lachen schnell im Halse stecken bleibt.

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