Angst vor Stellenstreichungen Rekordjahr und Proteste bei Siemens

Auch in Görlitz gingen Siemens-Mitarbeiter auf die Straße Foto: dpa
Auch in Görlitz gingen Siemens-Mitarbeiter auf die Straße Foto: dpa

Obwohl der Gewinn von Siemens kräftig gestiegen ist, plant der Konzern schmerzhafte Einschnitte. Erst in der kommenden Woche soll es Klarheit über das Ausmaß der Stellenstreichungen geben.

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München - Drinnen die Präsentation eines Rekordjahrs, draußen aus Angst um ihren Arbeitsplatz protestierende Beschäftigte – Selten war eine Bilanzvorlage des Münchner Technologiekonzerns Siemens so polarisierend. Um ein Zehntel auf 6,2 Milliarden Euro sei der Jahresüberschuss im Anfang Oktober beendeten Geschäftsjahr 2016/17 gestiegen, freute sich Konzernchef Joe Kaeser. Das sei aber nur jenen sechs Divisionen zu verdanken, die ihre Gewinne teils deutlich verbessert haben. Daneben gebe es das Geschäft mit Windkraftwerken sowie großen Gasturbinen und da herrsche größter Handlungsbedarf. Weil das den Verlust vieler Arbeitsplätze und ganzer Werke bedeutet, gehen die Mitarbeiter vor der Konzernzentrale auf die Straße.

„Es ist nicht nachzuvollziehen, auf der einen Seite Milliardengewinne zu erwirtschaften, auf der anderen Seite aber tausende Beschäftigte in eine ungewisse Zukunft entlassen zu wollen", kritisiert Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Schwer zur Verunsicherung der Belegschaft beigetragen habe zudem das unkontrollierte Durchsickern der Hiobsbotschaften vor drei Wochen, ohne dass bis heute Klarheit herrscht, wo und in welchem Umfang der Rotstift angesetzt wird. Kommenden Donnerstag soll die Ungewissheit ein Ende haben, kündigte Siemens-Personalchefin Janina Kugel an. Erst würden an diesem Tag Betriebsräte und Gewerkschaften Details der geplanten Kürzungen im Kraftwerksbau erfahren, dann die Betroffenen an den Standorten. Tags darauf soll die Öffentlichkeit informiert werden. Es geht dem Vernehmen nach allein in Deutschland um rund 4000 Stellen und die Existenz einiger Standorte vor allem im Osten der Republik.

Drei von acht Divisionen des Konzerns sind Großbaustellen

Etwas mehr wissen schon die Beschäftigten der deutsch-spanischen Gemeinschaftsfirma Siemens Gamesa. Der jüngst fusionierte, weltgrößte Hersteller von Windkraftwerken hat soeben den Abbau von weltweit 6000 Stellen angekündigt. Offen blieb dabei, wie es die deutschen Standorte im Norden der Republik trifft. Hinzu kommt, dass mit der Prozessindustrie und den Antrieben eine dritte Geschäftsdivision vor einem erneuten Stellenabbau steht. Auch dieser soll in der kommenden Woche verkündet werden. Damit sind drei von acht Divisionen zu Großbaustellen mit Arbeitsplatzverlusten in zusammengenommen wohl fünfstelliger Größenordnung geworden, dem bilanziellen Rekordjahr 2016/17 zum Trotz. Die Unruhe bei Siemens geht aber noch weiter. Denn im Eisenbahngeschäft steht die Bildung eines Gemeinschaftsunternehmens mit der französischen Alstom ins Haus und im ersten Halbjahr 2018 der Börsengang des Geschäfts mit Medizintechnik.

Es seien derzeit ziemlich viele Bälle in der Luft, räumte Kaeser ein. Am schwerwiegendsten ist dabei das in einen Krisenmodus kommende Kraftwerksgeschäft, wo sich im Zeitraffer eine Verschiebung der globalen Nachfrage von traditioneller Gas- und Dampftechnologie hin zu erneuerbaren Energien vollzieht. Gut 1000 Arbeitsplätze hat Siemens im Geschäft mit großen Gasturbinen allein in Deutschland gerade erst abgebaut. Aber das sei nur eine moderate Kürzung der Kapazitäten gewesen, gemessen am nun Kommenden, stellt die Personalchefin Kugel klar. Ein Beschäftigungspakt mit Betriebsrat und IG Metall sehe zwar vor, dass es auch in Krisenzeiten „möglichst keine Standortschließungen oder betriebsbedingten Kündigungen“ geben soll. Auf das Wort „möglichst“ legt sie aber Wert.

Trotz aller Probleme steuert Siemens ein weiteres Rekordjahr an

Gemessen an der Konkurrenz steht Siemens im Kraftwerksgeschäft dennoch vorzeigbar da. Zwar ist im Schlussquartal 2016/17 die operative Gewinnmarge vor Steuern und Zinsen dort auf 8,3 Prozent gefallen. Damit liegen die Bayern aber erstmals überhaupt oberhalb der Kraftwerksmargen des US-Erzrivalen General Electric mit rund sieben Prozent. 2016/17 insgesamt hat das Siemens-Kraftwerksgeschäft sogar gut zehn Prozent Gewinnmarge geschafft. Das liegt aber unter dem Zielkorridor von 11 bis 15 Prozent. Wohin die Reise geht, zeigen die um fast ein Drittel geschrumpften Auftragseingänge. Um die Wogen in der Belegschaft zu glätten, stellte Kaeser dem Personal ein nicht näher beziffertes „Margenzugeständnis“ im Kraftwerksgeschäft in Aussicht, also eine Absenkung der Renditeziele. Zugleich hält er den Veränderungsdruck aufrecht.

Denn 2018 werde eine neue Führungsstrategie verkündet. „Konglomerate alten Zuschnitts haben keine Zukunft mehr“, hat der Siemens-Chef erkannt. Was das für Siemens genau bedeutet, werde das Management in den nächsten Monaten diskutieren. Eine reine Finanz-Holding, die wegen zunehmender Ausgliederungen von Personal und IG Metall befürchtet wird, werde es aber nicht geben. Ungeachtet aller schmerzhaften Veränderungen steuert Siemens 2017/18 auf ein neues Rekordjahr zu, erklärte Kaeser. Die Umsätze, die schon im Vorjahr um drei Prozent auf 83 Milliarden Euro geklettert waren, sollen wieder ähnlich zulegen. Für die operative Rendite erwartet der Siemens-Chef nach 11,2 Prozent 2016/17 nun einen Wert zwischen 11 und 12 Prozent, wenn man die Kosten für den Personalabbau ausklammert.

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