Angstforscher zum Coronavirus Was das Coronavirus mit unserer Psyche macht

Her mit der Atemschutzmaske – viele überängstliche Menschen bunkern Vorräte, Desinfektionsmittel oder Atemschutzmasken und denken nicht darüber nach, ob es andere geben könnte, die es dringender brauchen. Foto: dpa/Frank Augstein

Soziales und asoziales Verhalten liegen in Krisenzeiten sehr nahe beieinander. Wie die Menschen durch den Coronavirus von ihren Urängsten eingeholt werden, erklärt ein Angstforscher.

Stuttgart - Eine Frau steht an der Bushaltestelle zwischen mehreren anderen Wartenden. Sie niest herzhaft und fällt daraufhin in Ohnmacht. Die Umstehenden zücken panisch ihre Desinfektionssprays und sprühen hektisch um sich. Um die auf dem Boden liegende Frau kümmern sie sich nicht. Diese kurze, überzeichnete Szene aus einem Video, das derzeit in den sozialen Medien kursiert, zeigt auf satirische Art wie sehr sich viele Menschen in Zeiten des Coronavirus offenbar selbst am nächsten sind.

 

In einem Anflug von Panik kaufen quietschfidele Familienväter literweise Desinfektionsmittel während die Pflegekraft im Altersheim, die auch ohne Corona darauf angewiesen ist, das Nachsehen hat. Ähnliches gilt für die derzeit oft vergriffenen Atemschutzmasken. Was passiert eigentlich in den Köpfen in Zeiten der Pandemie?

„Es gibt in Krisenzeiten zwei Phasen menschlichen Verhaltens“, erklärt Borwin Bandelow, einer der führenden Angstforscher Deutschlands an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. „In Phase Eins sind alle hilfsbereit, melden sich freiwillig, um mitzuhelfen, spenden, bieten Unterstützung an.“ In Phase Zwei, also in einer akuten Bedrohungslage, würden sich die meisten nur noch um sich selbst und ihre Unversehrtheit kümmern, maximal noch um das Wohlergehen der Angehörigen. „Wenn es um Leben und Tod geht, schrecken die Leute vor wenig zurück. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, Menschen die in Extremsituationen besonders altruistisch handeln. Aber das sind die wenigsten“, sagt Bandelow.

Neue Risiken lösen stärkere Reaktionen aus

Im Fall des Coronavirus verstärken mehrere Faktoren das Gefühl der Bedrohung. Zunächst einmal würden Risiken, die nicht beobachtbar seien – etwa radioaktive Strahlen oder eben Viren – generell als bedrohlicher wahrgenommen, sagt Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und spezialisiert auf die Psychologie des Risikos. „Zudem lösen neuere Risiken eine stärkere Reaktion aus als solche, an die man sich schon gewöhnt hat.“ Ein weiterer Faktor ist die Unsicherheit: Es ist noch unklar, wie viele Menschen letztendlich von dem Virus betroffen sein werden. „Dazu kommt, dass man das Gefühl hat, das Risiko nicht richtig beherrschen zu können: Es gibt vorerst keinen Impfstoff.“

Die Menschen haben Angst – die einen mehr, die anderen weniger. Und wer Angst hat, tendiert dazu, sich nicht mehr vernünftig zu verhalten. Der Mitmensch wird in erster Linie als möglicher Krankheitsträger wahrgenommen – und nicht als jemand, den man theoretisch auch selber anstecken könnte. Immer wenn eine neue Gefahr auftaucht, werden laut Angstforscher Bandelow für einen gewissen Zeitraum Ängste erwachsen. Bei Vorfällen wie einem Terroranschlag oder der Atomreaktor-Katastrophe von Fukushima gebe es die Regel, dass nach etwa vier Wochen die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit trotz weiterhin bestehender Gefahren nachlasse. Während einige Medien mit ihrer Berichterstattung Panik schürten, versuchten andere zu beruhigen. „Die Menschen sind dann schlicht hin- und hergerissen zwischen unterschiedlichen Informationen.“

Die Fantasie ängstlicher Menschen kennt keine Grenzen

Das zeigt sich momentan an einer Art Zwei-Gesinnungs-Gesellschaft: Die einen bleiben zumindest äußerlich gelassen und leben weiter wie bisher, Umarmungen und Bahnfahrten inklusive. Die anderen gehen mit Atemschutzmaske in den Supermarkt und kaufen die Nudelregale leer. Es kursieren sogar Geschichten über Leute, die sich im Streit um die letzte Milchtüte im Supermarkt fast geprügelt hätten oder sich mit einer Schusswaffe eingedeckt haben sollen. Es könnte ja im Falle eines Lebensmittelengpasses zu Plünderungen kommen – die Fantasie ängstlicher Menschen kennt keine Grenzen.

Bandelow erklärt: „Der Mensch hat neben dem rational-gelassenen ‚Vernunftgehirn‘ auch ein ‚Angstgehirn‘. Deshalb versetze das Corona-Virus so viele Bürger in Angst und Schrecken. „Das Angstgehirn denkt: Ich bin das nächste Opfer, obwohl alle Statistiken dagegensprechen.“ Daher ist es mit der Umsicht und dem Sozialverhalten bei überängstlichen Menschen auch nicht allzu weit her. Die einen würden schneller Opfer ihres eigenen Egos als die anderen, das hänge auch mit dem Grad der Ängstlichkeit zusammen – je ängstlicher, desto irrationaler die Reaktionen. „Man ist besorgter, je näher die Situation emotional und räumlich an einen heran rückt“, sagt Bandelow.

Vieles hängt mit Unwissenheit zusammen

Kristina Adorjan, Oberärztin in der psychiatrischen Abteilung am Klinikum der Universität München, sagt: „Angst ruft impulsive, irrationale Reaktionen hervor. Vieles hängt mit Unwissenheit zusammen. Das Virus ist neu und unbekannt.“ Es sei ein universelles Charakteristikum des Menschen, dass alles Neue und Unbekannte erst einmal Unbehagen oder gar Angst auslöse. „Sobald es eine rationale Erklärung gibt oder man die Gefahr im Griff hat, nimmt die Angst ab.“

Behörden, das Gesundheitsministerium und die Medien sollten vorsichtig und sachlich mit Maßnahmen gegen die Ausbreitung umgehen, ohne gleichzeitig die Situation herunterzuspielen, empfehlen die Experten. „Mitunter wollen Verantwortliche nicht tatenlos abwarten, sodass Überreaktionen programmiert sind“, sagt Bandelow. Fachärztin Adorjan attestiert der Rolle der Medien eine hohe Bedeutung. „Menschen sind sehr beeinflussbar, sie richten ihr Verhalten nach den Informationen aus, die sie bekommen.“ Daher hätten die Medien eine große Verantwortung in der momentanen Situation, die man positiv nutzen solle: „Zur Aufklärung, zur allgemeinen Beruhigung, für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung.“

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