Stuttgart/ München - Ein Kind zu bekommen, ist für viele das größte Glücksgefühl überhaupt. Sebastian Keck (43) hat kurz nach der Geburt seiner Tochter in sein Tagebuch geschrieben: „Panikattacke. Frühstück. Kotzen. Kinderarzt, U3.“ Sein Leben besteht nach der Geburt seiner Tochter aus: Angst.
Ihn überfielen massive Ängste und Panikattacken – rund um die Uhr. „Atmet sie noch? Raucht jemand etwa in ihrer Nähe?“ – ständig gingen im Sorgen um seine kleine Tochter im Kopf rum. Herzrasen, Brechreiz, Schlaflosigkeit – das kannte er alles schon vorher. Sein Alltag in einer Werbeagentur war Stress pur – abschalten konnte er schon lange nicht mehr gut. Die Symptome lange ignorieren, das wiederum konnte er gut.
Ein Kind stellt das Leben komplett auf den Kopf. Zu der Freude kommen Unsicherheiten und Ängste dazu. Mach ich alles richtig? Geht es ihm gut? Bin ich ein guter Vater? Mit diesen Ängsten muss sich jeder Vater auseinandersetzen. Wer innerlich gut aufgestellt ist, dem gelingt das meist besser „Ich dachte, ich sei gut darauf vorbereitet“, so erzählt es Keck vor knapp drei Jahren in einem Café im Stuttgarter Westen. „War ich nicht.“ Irgendwann merkte Keck damals, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Er geht zu einem Therapeuten, aber als der in den Urlaub fuhr, kam Keck an seine Grenzen.
Den dunkelsten Winter seines Lebens verbrachte er in einer Klinik
„Den dunkelsten Winter seit 1951 verbrachte ich im Hochschwarzwald. Es war der mit Abstand kälteste November, an den ich mich in den letzten 39 Jahren erinnern konnte. Und obendrauf als zentnerschwere Kirsche – mit Einsturzgefahr – eine Bankrotterklärung meiner Psyche“, schrieb Keck damals in sein Tagebuch, das er nach seiner Entlassung aus der Klinik als Buch veröffentlichte („Meine beschissene Angst und ich“).
Drei Wochen wollte er damals bleiben. Aus drei Wochen wurden fünf Monate. „Wahnsinnige fünf Monate. Die längsten, verrücktesten fünf Monate meines Lebens“, schrieb er im Nachhinein. „Ich bräuchte allein dafür eine Therapie.“ Davor habe er 15 Jahre lang nicht geweint. In den fünf Monaten in der psychosomatischen Klinik weinte er jeden Tag. Kecks Frau nannte seinen Klinikaufenthalt „Wellness für die Seele“. Er selbst konnte sich das nicht schönreden: „Ich habe das selbst stark stigmatisiert“, sagte Keck. „Ich dachte, ich bin jetzt am Ende der Gesellschaft angekommen. Fühlte mich als totaler Versager.“ Am Ende traf er in der Klinik die unterschiedlichsten Menschen und lernte: Ob Multimillionär, Manager oder Postbeamter – jeder kann an Ängsten und Depressionen erkranken.
Angsterkrankungen sind recht häufig
Jeder Dritte bekomme heute im Laufe seines Lebens eine psychische Krankheit, etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland erkranken an einer Angststörung. Menschen mit einer generalisierten Angststörung fürchten sich in der Regel nicht vor bestimmten Dingen oder Situationen, sondern ängstigen sich vor allem Möglichen. Häufig schlittern sie in Katastrophenszenarien und können diese nicht stoppen. Je häufiger die Ängste auftreten, desto mehr ist das Leben der Betroffenen auf Dauer eingeschränkt.
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Etwa sechs Prozent der Bevölkerung erlebe einmal im Leben eine Phase, in welcher die Symptome einer generalisierten Angststörung zuträfen, sagt Angelika Erhardt, Oberärztin und Leiterin der Ambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie am Max-Planck-Institut München. Das ständige Grübeln und die Katastrophengedanken bestimmten oft den Alltag von Betroffenen, sagt Erhardt. Häufig hätten sie auch starke vegetative Symptome wie Magen-Darm-Beschwerden oder muskuläre Anspannungen, die den Alltag zusätzlich beeinträchtigen. „Patienten haben oft nicht einen Tag, an dem sie sich nicht sorgen“, sagt sie.
Vor allem eine Psychotherapie hilft bei Angststörungen
Um die Ängste langfristig in den Griff zu kriegen, braucht es in der Regel eine Psychotherapie. „Vor allem wenn diese negative Konsequenzen für das ganze Leben haben“, sagt Erhardt. Wenn sich Betroffene nicht mehr auf andere Sachen im Leben konzentrieren könnten oder alles, was ihnen Angst macht, vermeiden. Häufig kämen ab diesem Zeitpunkt auch Depressionen dazu. „Je früher die Therapie beginnt, desto besser“, sagt die Ärztin. Ab einer mittelgradigen Symptomatik sei es sinnvoll, neben der Psychotherapie eine medikamentöse Behandlung parallel zu beginnen. Bei leichteren Erkrankungen reiche oft eine Psychotherapie aus.
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Keck hat in seiner Therapie gelernt, wie er sich beruhigen kann, wenn die Gedanken wieder wild in seinem Kopf kreisen und er eine Katastrophe nach der anderen auf sich zukommen sieht. Angst löst man in der Regel durch Konfrontation: Betroffene müssen sich den angstauslösenden Situationen stellen – solange, bis die Angst nachlässt.
Trotzdem hilft die Konfrontationstherapie vielen Angstpatienten nicht allein. Oft bedingen sich Ängste durch die eigene Sozialisation. Auch Keck vermutet die Ursache seiner Angststörung darin. In der Art und Weise, wie er gelernt habe, mit Gefühlen, vor allem mit Schwächen umzugehen: „Wir sind so sehr daran gewöhnt, jeder Unannehmlichkeit aus dem Weg zu gehen“, schreibt er in seinem Buch. „Wir wünschen uns stets Sicherheit, Überschaubarkeit. Wer sieht schon die Bodenlosigkeit als Chance? Wer empfindet es als Glücksfall, wenn plötzlich der Boden unter seinen Füßen wegbricht?“
Totale Kontrolle? Die gibt es nicht!
Vor allem Aufklärung über die eigenen Ängste hält Angelika Erhardt für wichtig. Diese entstünden oft aus einer Belastungssituation heraus, aber gründen oft in früheren Erfahrungen. „Nicht alles, was wir etwa in der Kindheit gelernt haben, ist hilfreich im Erwachsenenleben“, sagt sie. In der sogenannten Expositionstherapie lernen Betroffene den individuellen Ablauf der Angstattacken. „Sie sollen dabei auch lernen, dass Angstsymptome von selbst abnehmen, wenn man sich mit angstbesetzten Situationen konfrontiert und dass die befürchteten Katastrophen nicht eintreten“, sagt Erhardt. Rund zwei Drittel der Patienten profitiere von der Therapie, bei einem Drittel ist längerfristige Therapie und ein Therapiewechsel notwendig, um eine Besserung zu erreichen. Dies sei besonders dann der Fall, wenn sich die Ängste chronifiziert hätten.
Aber wie entstehen Angsterkrankungen? „Es ist ein komplexes Geschehen“, sagt Erhardt. Es gebe eine genetische Disposition, aber vieles entstehe durch das Umfeld oder belastende Lebensereignisse. „Durch die Interaktion der Gene mit unserer Umwelt, aber auch die Umwelt, wie sie auf uns einwirkt.“ Wichtig sind die Fragen: Wie bin ich aufgewachsen? Wie habe ich gelernt, mit meinen Ängsten und meinen Gefühlen umzugehen? „Viele Menschen schaffen Übergänge im Leben, ohne zu erkranken. Oft sind es Anpassungsstörungen an neue Lebenssituationen“, sagt sie.
So wie auch bei Sebastian Keck. Durch die Therapie hat er nun gelernt, mehr auf sich zu achten. Auch, dass das Leben Unsicherheiten mit sich bringt, nicht alles kontrolliert werden kann. Angstpatienten lieben nämlich vor allem eines: Kontrolle. Und dennoch scheitern sie jeden Tag daran, das Leben zu kontrollieren. „Viele Angstpatienten wünschen sich eine völlige Sicherheit. Aber die gibt es nie“, sagt Erhardt. Die meisten Menschen könnten mit dieser Unsicherheit, die das Leben mit sich bringt, ganz gut leben. „Angstpatienten wiederum geraten oft unter Stress, wenn sie etwas nicht kontrollieren können und sie entwickeln zudem Angst vor eigenen körperlichen Angstreaktionen“, sagt Erhardt. Je höher die Daueranspannung wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit unter Einwirkung von Stress krankhafte Ängste zu entwickeln. Deshalb sei es für Betroffene wichtig, sich aktiv zu entspannen, um dieses Risiko zu reduzieren.
Die Ängste in Griff zu kriegen, ist eine Lebensaufgabe
Dezember 2021. Drei Jahre sind vergangen seit dem ersten Gespräch, fast vier Jahre seit Kecks Klinikaufenthalt, der so vieles in seinem Leben durcheinandergewirbelt hat.
Er muss jeden Tag an sich arbeiten: Er boxt, einmal die Woche geht er zum Waldbaden, ist viel draußen. 30 Minuten am Tag meditiert er, reflektiert seine Tage schriftlich. Heute sagt er über sich selbst, er sei „Meister im Verdrängen“ gewesen. Ob er wieder glücklich ist? „Naja, ich vermisse manchmal meine sorglose Zeit, wo ich blauäugig in den Tag reingegangen bin.“ Aber an sich sei das nicht erstrebenswert. „Heute bin ich definitiv der bessere Mensch“, sagt er und lacht.
Therapie bei Ängsten und Depressionen
Verhaltenstherapie
Die Kognitive-Verhaltenstherapie konzentriert sich darauf, die Angst verstärkenden Denkmuster oder Reaktionen auf anstrengende Situationen zu identifizieren und zu ändern. Eine Studie des Instituts für Psychiatrie in London, publiziert in dem Fachmagazin Health Behavior News Service, kam zu dem Ergebnis, dass 46 Prozent der Menschen, die mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt wurden, über eine Verbesserung bezüglich ihrer Angstsymptome am Ende der Behandlung berichteten – verglichen mit nur 14 Prozent der Patienten auf der Warteliste oder mit standardisierter Behandlung.
Prävalenz
Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) sind etwa ein Prozent der Männer davon betroffen sowie 2,1 Prozent der Frauen. Während Frauen sich vor allem Hilfe mittels einer Psychotherapie suchten, griffen Männer vornehmlich auf eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva zurück.