Angsttherapie Stell dich den virtuellen Spinnen!

Bilder wie dieses werden den Patienten über eine Datenbrille präsentiert. Die Patienten wissen, dass es nur virtuelle Spinnen sind, doch die Panik ergreift sie trotzdem. Foto: Uni Würzburg 6 Bilder
Bilder wie dieses werden den Patienten über eine Datenbrille präsentiert. Die Patienten wissen, dass es nur virtuelle Spinnen sind, doch die Panik ergreift sie trotzdem. Foto: Uni Würzburg

Außer Kontrolle geratene Ängste können das Leben zur Hölle machen. Therapeuten setzen oft darauf, dass sich ihre Patienten der Ursache ihrer Phobie stellen. Nun zeigt sich: auch die virtuelle Konfrontation funktioniert ganz gut.

Stuttgart - Mitten im Raum sitzt eine riesige Spinne mit langen Beinen. Sie krabbelt auf dem Boden herum und springt auf eine Frau zu – eine Spinnenphobikerin. Panik steigt in der Frau auf, obgleich sie weiß, dass es keine echte, sondern eine virtuelle Spinne ist. Über eine Videobrille taucht sie nämlich in einen für sie echt wirkenden, virtuellen Raum ein.

Der Ort des Schreckens ist ein Labor der Universitätsklinik in Würzburg, der Mann an ihrer Seite ist der Psychologe Andreas Mühlberger. Durch ihren Schreckenstrip im Cyberspace will sie der Angst ins Auge sehen, statt davor wegzulaufen. Diese virtuelle Konfrontationstherapie, die auf Englisch VRET abgekürzt wird, ist eine noch recht junge Form der Verhaltenstherapie. Der Anblick des Angstobjektes, also zum Beispiel der Spinne, aktiviert das sogenannte Furchtnetzwerk im Gehirn, das sich mit der Zeit gebildet hat. Neu erlernte positive Informationen werden eingearbeitet und das Netzwerk so umgebaut.

Der Patient merkt, dass er die Situation aushalten kann. Die Angst wird kleiner. Wenn der Patient sich nach der virtuellen oder realen Konfrontation immer wieder den früher Angst auslösenden Situationen oder Objekten stellt, verschwindet sie häufig ganz. „Bei der Therapie der Angststörungen machen wir die Erfahrung, dass zwar die Exposition häufig sehr stark Angst auslöst, diese aber dann auch sehr schnell wieder nachlässt, worüber die Patienten oft erstaunt sind“, sagt Mühlberger.

Das Ziel: die Simulation muss möglichst echt wirken

Auch die Ängste vor dem Fliegen, vor Kakerlaken, vor großen Höhen und engen Räumen lassen sich virtuell behandeln. Dafür stehen die Betroffenen im obersten Stockwerk eines Hochhauses direkt an dessen Glasfront und blicken nach unten. Sie quälen sich durch völlig überfüllte Kaufhäuser oder bleiben im eng besetzten Fahrstuhl hängen. Auf einem hydraulisch gesteuerten Sitz, der vibrieren und Schieflagen einnehmen kann, erleben sie heftige Turbulenzen im Flugzeug. In Mühlbergers Labor machen die geeigneten Geräusche wie Donnergrollen und Durchsagen der Stewardessen alles noch realistischer.

Die VRET ähnelt der herkömmlichen Konfrontationstherapie darin, dass sich der Patient der Ursache seiner Angst stellen muss. Die reale Konfrontationstherapie mit echten Spinnen, zu besteigenden Kirchtürmen und Flugzeugen ist eine bewährte Therapiemethode, wenn es um Phobien geht. Schon Goethe, der an Höhenangst litt, wagte erfolgreich den Weg auf das Straßburger Münster, um sich gezielt seiner Angst zu stellen. Beide Therapieformen sind Leistungen, die von den Krankenkassen übernommen werden.

Erfolgreich ist jedoch auch die virtuelle Konfrontation mit Angstsituationen und Angstobjekten. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die virtuelle Konfrontation ähnlich effektiv ist wie die reale Konfrontation“, sagt Mühlberger. Die Patienten wissen, dass die Situation nur virtuell ist. „Aber die Wahrnehmung ist einfach stärker als das Wissen um die gestellte Situation.“

Ein Vorteil: bei der virtuellen Therapie guckt niemand zu

Derzeit sind etwa fünf jeweils ein- bis anderthalb Stunden lange Expositions­sitzungen nötig, bis ein Spinnenphobiker eine Spielzeugspinne streicheln kann. Mitunter geht es auch schneller. Doch wenn beide Vorgehensweisen zum ähnlichen Erfolg führen, warum braucht man dann die virtuelle Konfrontation? „Die Therapie in der virtuellen Realität hat Vorteile gegenüber der realen Konfrontationstherapie“, sagt Mühlberger. So sind die Patienten abgeschirmt von der gaffenden Umwelt, die Situation ist durch den Therapeuten kontrollier- und der Verlauf der Konfrontation individuell anpassbar – und es besteht nicht das Risiko, dass ein Höhenphobiker sich verletzt, wenn er, um seine Angst zu be­kämpfen, auf einen hohen Turm klettern muss. „Manche Patienten würden sich ansonsten gar nicht behandeln lassen, weil sie vor der realen Konfrontation zu viel Angst haben. Und die reale Exposition wird bei der Angsttherapie mitunter gar nicht gemacht, weil sie einen erheblichen Zusatzaufwand bedeutet, der nicht honoriert wird“, sagt Mühlberger.

Die virtuelle Welt kann aber auch ihre ganz eigenen Nebenwirkungen haben. „Bei manchen Menschen können durch die Simulation Kopfweh und Übelkeit, sogenannte Simulator-Sickness auftreten“, erklärt Mühlberger. „Unsere Erfahrung zeigt aber, dass die sehr selten vorkommt.“

Angststörungen sind weit verbreitet, insbesondere soziale Phobien. Die Angaben zur Häufigkeit sozialer Phobien liegen in europäischen Studien bei vier bis zwölf Prozent der Bevölkerung. Sogar bei einer derart komplexen Angststörung kann die VRET helfen. Die Betroffenen haben Angst vor Ablehnung, Gespräche mit anderen Menschen sind für sie eine Qual. Um die Betroffenen virtuell genau in diese gefürchtete Situation zu versetzen, haben niederländische Forscher der Technischen Universität Delft die Simulation „Blind Date“ entwickelt, bei der Avatare den Part des Gesprächspartners übernehmen. Das kann zum Beispiel eine attraktive Blondine, eine brünette Schönheit oder ein arrogant wirkender Schönling sein. Die Sätze der Avatare sind vorformuliert und lassen sich per Mausklick abrufen. Es gibt nette Sätze, aber auch solche mit verletzendem Inhalt – der Therapeut entscheidet, was wann für seinen Patienten gut ist. Mal geht es um Smalltalk im virtuellen Café, mal ums Einkaufen oder um eine Rede vor einer großen Zuhörerschaft.

Für die nahe Zukunft plant Mühlberger, auch die Zahnarztphobie virtuell zu therapieren. „Wir starten demnächst mit der Behandlung dieser Phobie und werden das Szenario beim Zahnarzt auch durch entsprechende Bohrgeräusche so realistisch wie möglich gestalten“, kündigt er an. Vielleicht ist es sogar möglich, den typischen Geruch einer Zahnarztpraxis in der Simulation nachzuahmen? Interessant wäre es: „Die Bedeutung von Gerüchen ist nicht zu unterschätzen“, sagt der Psychologe, „da sie im Gehirn direkt mit den Zentren für die Emotionsverarbeitung verschaltet sind.“

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