Etwa 75 Prozent der rund 600 Landwirte im Kreis Esslingen sind im Nebenerwerb tätig. Einer davon ist Tobias Melchinger, der zusammen mit seiner Frau Ulrike den Köngener Lerchenhof, der im Landschaftschutzgebiet Sauhag an der westlichen Gemarkungsgrenze liegt, in der dritten Generation bewirtschaftet. Die Besonderheit: Seit Mitte der 1980er Jahre wird auf artgerechte Mutterkuhhaltung von Angusrindern gesetzt – sprich: die Kühe werden nicht gemolken, stattdessen kommt die Milch nur den Kälbern zugute. Und die liefern dann, wenn sie ausgewachsen sind, feinfaseriges Fleich aus der Region für die Region. Im Zuge der „Gläsernen Produktion“, einem vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz geförderten Projekt, gaben die Melchingers jetzt Einblick in ihre Arbeit.
Zwei Mal im Jahr wird gekalbt
Stolz reckt der stattliche Zuchtbulle „Hermann“ inmitten seiner Nachkommenschaft sowie deren Müttern auf der saftigen grünen Weide seinen ungehörnten – das ist genetisch bedingt – Schädel in die Luft. Wenn er ausgewachsen ist, wird er rund 1000 Kilogramm auf die Waage bringen. „Bei uns stehen die Tiere im Regelfall von März bis November auf der Weide“, sagt Tobias Melchinger. Die Rasse sei zwar robust genug, um das ganze Jahr über draußen zu sein, sagt der Köngener: „Allerdings sind unsere Böden hier für eine ganzjährige Freilandhaltung nicht geeignet.“ Gehalten werden die 18 bis 20 Mutterkühe in zwei Herden – und die kriegen abwechselnd ein paar Wochen im Jahr Gesellschaft von „Hermann“. Gekalbt wird dann zwei Mal im Jahr. „Damit können wir eine gleichmäßigere Vermarktung des Fleischs über das ganze Jahr hinweg gewährleisten“, sagt Tobias Melchinger. Zur Familie gehören auch drei Söhne sowie Tobias Melchingers Vater Helmut. Alle helfen mit. Leben könne man vom Hof dennoch nicht, insofern habe man sich für den Nebenerwerb entschieden.
Von den etwa 20 Kälbern pro Jahr bleiben zwei bis drei als künftige Mutterkühe auf dem Lerchenhof. Dabei muss man aber darauf achten, dass die wiederum nicht von ihrem eigenen Vater bestiegen werden. Deswegen sind auch die Tage des jeweiligen „Hermanns“ auf dem Lerchenhof gezählt: „Spätestens nach drei Jahren müssen wir den Bullen tauschen.“
Nach 15 Monaten werden die Rinder geschlachtet
Seine Rinder seien keine Kuscheltiere, warnt der 49-Jährige. Anders wie bei der Milchviehhaltung, bei der es die Kühe gewohnt sind, dass ihnen Menschen regelmäßig ans Euter fassen, sind bei den Köngener Angusrindern mehr Respekt und ein gesunder Abstand angeraten. Geschlachtet werden die Rinder nach etwa 15 Monaten im Schlachthof in Göppingen, zerlegt kommt das Fleisch wieder zum Lerchenhof zurück, wo das Gros direkt vermarktet wird. Die Abnehmer der Zehn-Kilo-Pakete, in denen vom Filet über Gulasch bis zur Beinscheibe alles drin ist – eine von Ulrike Melchinger geschriebene „Bedienungsanleitung“ gibt es gratis obendrauf, kommen alle aus der Region. Zertifiziert ist der Lerchenhof nach den Bio-Richtlinien der EU, kontrolliert wird das jährlich. „Wir sind in keinen Verband wie Demeter oder Bioland, da sich das bei uns mit der Direktvermarktung nicht lohnt“, erklärt Tobias Melchinger.
Kritik an Fleischimporten aus Übersee
Für Klimakiller hält der Köngener seine Rinder nicht: „Das Kühe Methan ausstoßen ist quasi ‚bauartbedingt’. Aber wenn die Anzahl der Tiere wie bei uns auf die Fläche angepasst ist und sie auf der Weide gehalten werden, ist das unproblematisch.“ Im Gegensatz dazu stehe die Massentierhaltung. Für fatal hält der Köngener die Tatsache, dass viele Endverbraucher Fleisch aus Übersee kaufen: „Das wurde dann zusätzlich zu einer möglichen Massentierhaltung auch noch über die Ozeane bis zu uns gekarrt.“