Animal Hoarding in Stuttgart Tierheim muss sich auf einen Schlag um mehr als hundert Tiere kümmern

Das Tierheim Stuttgart muss mehr als 100 Tiere zusätzlich versorgen. Sie stammen allesamt aus einer Wohnung. Foto: 7aktuell/Andreas Werner
Das Tierheim Stuttgart muss mehr als 100 Tiere zusätzlich versorgen. Sie stammen allesamt aus einer Wohnung. Foto: 7aktuell/Andreas Werner

Ein schwerer Fall von mutmaßlichem Animal Hoarding bringt das Stuttgarter Tierheim in Botnang in Betreuungsnöte. Es geht um 50 Katzen und 94 Vögel, die zuvor in einer Wohnung in Stuttgart lebten und sich dort offenbar unkontrolliert vermehrt hatten.

Digital Unit : Sascha Maier (sma)

Stuttgart - 50 Katzen und 94 Vögel sind Mitte Januar im Tierheim des Tierschutzvereins Stuttgart in Botnang aufgeschlagen. Ein mutmaßlicher Fall von sogenanntem Animal Hoarding: Einer Frau ist die Tierbetreuung offenbar über den Kopf gewachsen, bis sich die Katzen und Vögel unkontrolliert auf eine Gesamtzahl von deutlich über hundert vermehren konnten.

Derzeit werden die Tiere, darunter Katzen im Alter von ein paar Tagen bis 20 Jahren, Wellensittiche, Zebrafinken und Nymphensittiche, nach Angaben des Tierschutzvereins tiermedizinisch betreut. Einen Teil der Katzen und alle 94 Vögel will die Halterin gar nicht zurückhaben. Sie suchen bald ein neues Zuhause, sowie die medizinischen Untersuchungen abgeschlossen sind. Der Tierschutzverein versucht unterdessen, die Frau dazu zu bewegen, sich auch von den verbleibenden Katzen loszusagen – in der Hoffnung auf eine künftig artgerechtere Haltung.

Die Vorgeschichte beginnt im vergangenen Jahr. „Das Ordnungsamt hat Ende 2020 von dem Verdacht erfahren und anschließend eine Vor-Ort-Besichtigung durchgeführt“, sagt Martin Thronberens ein Sprecher der Stadt Stuttgart.

Bei der Kontrolle am 4. Januar bot sich den Beamten laut Thronberens folgendes Bild: Die Katzen und die Vögel haben sich unkontrolliert vermehrt, der größte Teil der Katzen war jünger als ein Jahr. Die Vögel waren in einer großen Voliere untergebracht, wo sie brüteten. Nach Einschätzung der Behörden war die Frau mit der Flut an Jungtieren überfordert.

Weniger als ein Quadratmeter pro Tier

Obwohl die Wohnung mit etwa 100 Quadratmetern wohl viel zu klein für diese Zahl an Tieren gewesen ist, habe es sich nicht um eine vermüllte Wohnung gehandelt. „In manchen Bereichen war die Wohnung durch die Ausscheidungen der Tiere verschmutzt. Dies lässt sich bei einer derart großen Zahl an Tieren allerdings kaum vermeiden“, heißt es aus dem Ordnungsamt. Die Tiere haben demnach überwiegend auch keinen stark vernachlässigten oder kranken Eindruck gemacht, hatten allerdings Parasiten.

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Derzeit wird geprüft, ob sich die Frau strafbar gemacht hat. Bei der Polizei ist der Fall aktuell allerdings noch nicht Gegenstand eines Ermittlungsverfahren, wie eine Sprecherin dort mitteilte.

Die Schuldfrage ist im Tierheim in Stuttgart ohnehin hintangestellt. „Bei so vielen Tieren ist das ein Wahnsinnsakt und ein logistisches Problem“, sagt Petra Veiel, Pressesprecherin des Stuttgarter Tierschutzvereins. 600 bis 1000 Tiere seien immer vor Ort.

Wenn so viele neue Tiere wie jetzt auf ein Mal dazukommen, führe das bei den Pflegern zu „Schweißperlen“ – und koste außerdem eine Menge Geld. Denn die Tiere müssten zunächst nicht einfach nur untergebracht werden. „Es geht um Impfungen, Kastrationen und trächtige Katzenmamis“, sagt Veiel. Und bevor die neu eingetroffenen Tiere zu den anderen dürften, stehe außerdem ein Aufenthalt in der Quarantäne-Station an.

Animal Hoarding als Krankheit

Petra Veiel beobachtet, dass Fälle von Animal Hoarding wie hier immer öfter vorkommen. „Meistens geht es dabei aber um Kleintiere und das fällt Nachbarn oft gar nicht auf“, sagt sie. 2019 sorgte etwa ein Fall für Aufsehen, als das Stuttgarter Tierheim 150 Ratten aus einem einzigen Haushalt übernahm, die sich dort unkontrolliert vermehrt hatten.

Veiel und andere Experten sehen im Animal Hoarding, was man frei mit dem Wort Tiersammeln übersetzen könnte, eine psychische Erkrankung. Die bayerische Grünen-Landtagsabgeordnete Kerstin Celina fordert beispielsweise mehr niedrigschwellige Hilfsangebote für Betroffene. Mit Tierhalteverboten sei niemandem dauerhaft geholfen. Solche sind in Deutschland auch gar nicht so leicht zu erwirken: Es gibt mit der Ausnahme von Hunden keine Obergrenze für private Tierhaltung. Und 90 Prozent der Fälle von Animal Hording, das sagt zumindest eine schon etwas ältere Erhebung des Deutschen Tierschutzbundes aus dem Jahr 2012, betreffen Katzen.




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