Animationsstandort Stuttgart Die Branche steckt im Subventionsdilemma

Von Bernd Haasis 

„Game of Thrones“, Roland Emmerich und „Die Biene Maja“: Stuttgarter Animations- und Effektfirmen sind international gut im Geschäft – und nun alarmiert, weil sie im aktuellen Haushaltsentwurf des Landes bislang keine Rolle spielen.

Möwen ziehen ein Mauersegler-Kind auf:  Szene aus dem Stuttgarter Trickfilm „Manou – flieg flink!“ Foto: Verleih
Möwen ziehen ein Mauersegler-Kind auf: Szene aus dem Stuttgarter Trickfilm „Manou – flieg flink!“ Foto: Verleih

Stuttgart - Als Anfang Oktober der Entwurf für den baden-württembergischen Landeshaushalt 2020/21 erschein, rieben sich manche die Augen: Über 300 Millionen Euro für Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), alternative Antriebe – und von Animation und visuellen Effekten (VFX) ist keine Rede? „Wir sind binnen fünf Jahren zum Standort Nummer eins in Deutschland geworden“, sagt Heiko Burkardsmaier, Leiter der VFX-Abteilung der Stuttgarter Firma Mackevision. Sie hat Effekte zur Serie „Game of Thrones“ und zum Kinofilm „Jim Knopf“ beigesteuert. „Der Umsatz hat sich verdoppelt, die Zahl der Festangestellten auch, viele davon sind Absolventen hiesiger Filmhochschulen. Die Politik hat das gewollt und unterstützt, nun fragen wir uns: Hat sie Interesse daran, den ersten Platz zu halten?“

Petra Olschowski, Staatssekretärin im Kunstministerium, erwidert: „Das Ziel ist ganz klar, dass wir diesen enorm wichtigen Bereich weiter stärken. Wir wollen die Führungsposition auf jeden Fall halten.“ Wieso also taucht die Branche nicht im Haushaltsentwurf auf? Und wieso ist es ein Problem, wenn sich nichts ändern würde? „Wir haben Mittel für den Filmbereich angemeldet als Top-Priorität, aber in weiteren Verhandlungen des Finanzministeriums­ und der Haushaltskommission ist er nicht berücksichtigt worden“, sagt Olschowski. „In solchen Verfahren gibt es immer viele verschiedene Positionen, das sagt nichts über den Stellenwert dieser Szene aus. Wir sind nun dabei, das nachzuverhandeln.“

Die Fördermittel reichen nicht mehr

Tatsächlich wird die Branche gerade zum Opfer ihres Erfolges. Sie konkurriert auf einem von Subventionen getriebenen Markt, Länder wie Kanada, Neuseeland und Tschechien bieten hohe Steuererleichterungen, Baden-Württemberg hält dagegen mit Mitteln der MFG-Filmförderung. Sie steuert von ihren jährlich rund 14 Millionen Euro einen Teil zur Produktion bei, 2015 für Animation und VFX insgesamt rund 5 Millionen Euro, 2019 6,6 Millionen. „Jeder­ investierte Euro kommt vier- bis sechsfach zurück“, sagt Burkardsmaier und verweist auf eine Studie von 2018 zur britischen Filmindustrie.

Das Dilemma nun beschreibt Christoph Malessa, Stuttgarter Standortleiter der Firma Pixomondo, die aktuell an Roland Emmerichs „Midway“ und der Serie „Watchmen“ beteiligt war: „Das Auftragsvolumen ist gestiegen, da Firmen gewachsen und neue dazugekommen sind. Der Fördertopf ist nicht gewachsen. Sollten wir an eine Grenze stoßen und ich müsste Kunden wie Warner absagen, weil der Fördertopf leer wäre, gingen die beim nächsten Mal gleich woanders hin.“

Die Firmen entwickeln eigene Marken

Soweit soll es nicht kommen, wenn es nach Petra Olschowski geht: „Wir sind zuversichtlich, Mittel für die nächsten zwei Jahre zu bekommen“, sagt sie. Allerdings: „Diese spezielle Line-Producer-Förderung unterliegt keinem Auswahl-Kriterium und keiner Jury-Entscheidung, das gibt es sonst nirgends. So können wir schnell entscheiden, deshalb sind wir so erfolgreich. Aber wenn jetzt die Antragssummen in die Höhe schnellen, muss das mit Blick auf den Haushalt diskutiert werden.“

Für die Branche wäre das auch deshalb wichtig, weil sie einen Wendepunkt erreicht hat: von der Dienstleistung für andere hin zu eigenen IPs, „intellektual properties, eigenen Marken, die längerfristig Einnahmen bringen. „Man hat uns Studierenden an der Filmakademie gesagt: Bleibt hier, gründet Firmen! Das haben wir gemacht“, sagt Dominique Schuchmann von der Stuttgarter Firma M.A.R.K. 13, die an Kinofilmen wie „Ritter Rost“ und „Die Biene Maja“ beteiligt war, nun an „Wickie“ arbeitet und erstmals an einer eigenen Trickserie fürs ZDF. Die Stuttgarter Luxx Studios („Grand Budapest Hotel“) haben 2019 „Manou, flieg flink!“ in die Kinos gebracht, den ersten vollständig in Stuttgart produzierten Trickfilm. „Vom Drehbuch bis hin zum fertigen Film haben wir alles selbst gemacht“, sagt die Geschäftsführerin Andrea Block. „,Manou‘ läuft jetzt in den USA, Kanada und Asien und trägt Baden­-Württemberg in die ganze Welt.“ Die nächsten Projekte sind schon in der Entwicklung. Pixomondo hat für National Geographic ein virtuelles Aquarium erschaffen am Times Square in New York – „die Technik, die wir dafür entwickelt haben, ist auch eine IP“, sagt Malessa.

2020 gäbe es ein Jubiläum zu feiern

Ebenfalls nicht im Haushaltsentwurf steht die Stuttgarter Fachkonferenz FMX, bei der internationale Gäste über die Tricks in „Star Wars“ und „Toy Story“ reden und bei der zuletzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann sprach. Auch das Ludwigsburger Animationsinstitut, das die FMX veranstaltet und den Nachwuchs ausbildet, fehlt. 2020 feiert die FMX 25-Jahr-Jubiläum – aus Sicht der Branche eine perfekte Gelegenheit, sich als Standort zu zeigen.

Olschowski setzt auf eine neue Filmkonzeption, die im Frühjahr 2020 politisch die Weichen stellen soll. Bei Animation und VFX gebe es „keinen Anlass zu glauben, dass diese Felder vernachlässigt werden“, sagt sie. „Die Filmkonzeption reicht über die Legislaturperiode­ hinaus, wir wollen eine Zukunftsentwicklung festschreiben unabhängig­ von Amtsinhabern.“