Anklage gegen Volkswagen und Telekom Das große Reinemachen

Wirtschaftsfahnder der Stuttgarter Staatsanwaltschaft haben über Monate gegen Manager von Volkswagen und Telekom ermittelt. Foto: Heinz Heiss 3 Bilder
Wirtschaftsfahnder der Stuttgarter Staatsanwaltschaft haben über Monate gegen Manager von Volkswagen und Telekom ermittelt. Foto: Heinz Heiss

Die Staatsanwaltschalt hat Anklage gegen fünf Manager von Volkswagen und Telekom erhoben. Dabei brachte die Telekom die Sache selbst ins Rollen.

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Stuttgart - Seit je begehrt der Mensch die Früchte des verbotenen Baums. Das hat sich nicht geändert seit Adam und Eva, die in ihrem Paradies nicht widerstehen konnten, dem Einzigen, das ihnen verwehrt war. Dabei hatten sie es doch so schön.

Die Adams und Evas unserer Tage bedienen sich nicht ganz so offensichtlich. Davon kündet ein Fall, welcher die Staatsanwaltschaft in Stuttgart derzeit ebenso beschäftigt wie die Chefs zweier Weltunternehmen, die seit Langem enge Beziehungen pflegen und sich möglicherweise ein bisschen zu stark verflochten haben. Die Rede ist vom Vorstandsvorsitzenden der Telekom, René Obermann in Bonn, und von VW-Chef Martin Winterkorn in Wolfsburg.

Auslöser ist eine Korruptionsaffäre

Zwischen beiden, so heißt es, sei das Verhältnis in diesen Tagen belastet. Auslöser ist eine Korruptionsaffäre, die ein Schlaglicht wirft auf neues Gefüge in einem zunehmend undurchsichtigen Spiel zwischen den Guten und den vermeintlich Bösen, zwischen Anklägern und Beschuldigten, zwischen Unternehmen, die sich um innere Reinigung bemühen, und solchen, die eher den kleinen Dienstweg bevorzugen.

Der Fall ist in Stuttgart anhängig. Vor Kurzem haben die dortigen Ermittler Anklage erhoben gegen aktuelle und ehemalige Mitarbeiter von Volkswagen und Telekom. Es geht um fünf Beschuldigte, von denen einer aus der Region Stuttgart stammt und zuletzt Geschäftsführer bei der Telekom-Tochter T-Systems in Leinfelden-Echterdingen war. Sein Vertrag war gerade verlängert worden, als ihm das Unternehmen fristlos kündigte, weil er angeblich an gemeinschaftlicher Bestechung in einem besonders schweren Fall beteiligt gewesen sein soll. Der Korruptionsverdacht wurde von der Telekom selbst angezeigt. Interne Aufklärer hatten den Stein ins Rollen gebracht, für die fristlose Entlassung des betroffenen Geschäftsführers gesorgt und ihre Ermittlungsergebnisse an die Staatsanwaltschaft gegeben. Die Telekom, die sich noch vor wenigen Jahren in der Bespitzelungsaffäre dem Vorwurf ausgesetzt sah, zu lasch gehandelt zu haben, kehrt im Bemühen um ein sauberes Image mittlerweile offenbar mit eisernem Besen. Schwere Verdachtsfälle werden selbst dann öffentlich gemacht, wenn millionenschwere Geschäftsbeziehungen darunter leiden.

Lukrative Aufträge an die Überweisung gekoppelt

Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung geht es in der pikanten Angelegenheit um einen Sponsoringvertrag für den VfL Wolfsburg mit einem Volumen von 16 Millionen Euro. Das Geld sollte von T-Systems, einem international operierenden Dienstleister für Informations- und Kommunikationstechnologie, zu dessen größten Kunden der VW-Konzern gehört, über vier Jahre an den Werksclub bezahlt werden. Das wäre an sich nicht verwerflich, wenn die beteiligten Manager der Telekom-Tochter für ihr Sponsoring nicht im Gegenzug lukrative Aufträge an die Überweisung gekoppelt hätten, wie dies nach Ansicht der Ermittler geschehen ist. Aus internem Schriftverkehr unter den Beteiligten schließen sie, dass es bei dem "Deal" um Aufträge von 340 Millionen Euro gegangen ist. Durch die Transaktion sollten offenbar Mitbewerber ausgebootet werden. Die Beschuldigten beider Unternehmen haben die Vorwürfe gegenüber den Strafverfolgern zurückgewiesen, die Firmen geben mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine Stellungnahme ab.

Vollzogen wurde das eingefädelte Geschäft nicht. Als das Sponsoringpaket ausgehandelt war, befasste sich der Telekom-Vorstand mit dem Vertrag. Der war weniger begeistert, wohl auch deshalb, weil das Logo von Europas größtem Telekommunikationsunternehmen bereits auf den Trikots der Bayern-Spieler prangt, welche bekanntlich in Konkurrenz stehen zu den Kollegen, die in Wolfsburg von Felix Magath trainiert werden. So platzte der Handel und die beteiligten Herren aus beiden Firmen standen mit abgesägten Hosen da.

Tipps aus den Firmen

Früher hätte man in den Chefetagen über ein solches Geschäftsgebaren den Mantel des Schweigens gebreitet. Das sagt jedenfalls der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Hans Richter, 63. Seit Jahrzehnten arbeitet der Leiter der Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung von Wirtschaftsstraftaten gegen kriminelle Machenschaften in württembergischen Unternehmen und Banken an. Neuerdings bekommt der Chefermittler immer häufiger Tipps aus den Firmen selbst, die mit Blick auf eine neue Kultur notfalls auch ihre eigenen Leute anschwärzen. Zumindest in den großen Dax-Unternehmen stellt der Jurist einen Trend zur inneren Reinigung fest, der auch im nun angeklagten Korruptionsfall zwischen der Telekom-Tochter und dem Volkswagenkonzern eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Wenn es um den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität geht, gilt Oberstaatsanwalt Richter als Koryphäe. Wer zu ihm will, muss in der Stuttgarter Fahnderhochburg durch schlecht beleuchtete Gänge gehen. Im Labyrinth des Verdachts stapeln sich Kartons voller Papiere über obskure Geschäfte. Jeder Dezernent bearbeitet hier mindestens 80 offene Verfahren. Im Schnitt vergehen dreieinhalb Jahre von den ersten Ermittlungen bis zur Anklage. Die Verflechtungen sind nicht selten so kompliziert, dass den Anklägern die Fälle davonschwimmen. Manchmal dauert es mehr als zehn Jahre, bis sich Aktendeckel schließen. Da kommt ein bisschen Entlastung von firmeninternen Aufklärern durchaus gelegen.




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