Private Grundschulen, aber auch die Realschulen, sind in Stuttgart besonders beliebt. Foto: stock.adobe.
Auch für das kommende Schuljahr ist die Nachfrage nach Plätzen an den Privatschulen wieder deutlich höher als das Angebot. Nach welchen Kriterien wählen die Schulen aus?
Nirgendwo in Deutschland sind Privatschulen so beliebt wie in Stuttgart. Nicht nur hat Baden-Württemberg die meisten Schulen in freier Trägerschaft bundesweit. Hinzu kommt, dass der Anteil der Kinder, die eine Schule in freier Trägerschaft besuchen, in der Landeshauptstadt doppelt so hoch ist wie im Landesschnitt. Im Schuljahr 2023/2024 waren es 10.865 Mädchen und Jungen und damit 18,6 Prozent der Stuttgarter Schülerschaft.
Doch nicht alle Schularten sind gleich beliebt. In der Gunst der Familien kontinuierlich gestiegen sind in den vergangenen Jahren die privaten Grund- und Realschulen, während es bei den Gymnasien einen leichten Rückgang gegeben hat. Mit der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung zum Schuljahr 2024/2025 sinkt nun die Zahl der Gymnasiasten insgesamt. Stellt das Privatschulen vor ein Problem?
Merz-Schule hat Werbung für sich gemacht
Frederik Merz, geschäftsführender Schulleiter der Merzschule in Degerloch, beobachtet die Entwicklung. Im vergangenen Jahr sei er mit den Anmeldezahlen fürs Gymnasium „nicht glücklich“ gewesen. Die Schule habe daraufhin ihre Werbemaßnahmen verändert. „Wir haben unsere Kommunikation gestärkt, breiter informiert und uns noch mehr Mühe in den persönlichen Beratungsgesprächen gegeben“, sagt er. Damit habe man einen Treffer gelandet und für das kommende Schuljahr 49 Anmeldungen aus den Reihen der eigenen Grundschüler und 17 externe Anmeldungen erhalten. Damit sei man zurück auf dem Niveau vor der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung und könne drei Klassen „mit einer Traumgröße“ bilden.
Was die Grundschule betreffe, sei die Nachfrage weiterhin extrem hoch. Das sei geradezu verrückt, sagt Frederik Merz. Im kommenden Schuljahr werde man erneut drei Klassen mit je 24 Kindern haben. Größere Klassen wolle man bewusst nicht bilden. Die Bewerberzahlen seien aber weitaus höher gewesen. Zum Infoabend seien gut 150 Mütter und Väter gekommen.
Warum sich eine Bewerbung an der Waldschule immer lohnt
Auch die von der Montessori-Pädagogik inspirierte Waldschule in Degerloch erfreut sich sehr großer Beliebtheit. Das Interesse am Gymnasium sei konstant hoch, das an der Realschule und der Grundschule noch höher, sagt die Rektorin Karin Schneider. In allen drei Schularten starte man im kommenden Schuljahr wieder mit je zwei Klassen. Gefragt ist auch der Realschul-Aufsetzer der Waldschule, der in 13 Jahren zum Abitur führt und den es in dieser Form in Stuttgart nur noch am Mörike-Gymnasium gibt.
Karin Schneider ist die Rektorin der Waldschule Degerloch und Sprecherin der Schulen in freier Trägerschaft in Stuttgart. Foto: privat
Für alle Schularten hatte es deutlich mehr Anfragen als Plätze gegeben, sodass Absagen erteilt werden mussten. Dennoch betont Karin Schneider: „Eine Bewerbung lohnt sich immer.“ Einen Platz zu bekommen, sei nicht aussichtslos, man führe eine Warteliste. Auf die Frage, nach welchen Kriterien die Plätze vergeben werden, antwortet Karin Schneider ähnlich wie Frederik Merz. Es gehe um die Passung, also darum, ob die Familien hinter dem Konzept der Schule stehen und sich eine ernsthafte Erziehungspartnerschaft vorstellen können. Zudem haben Kinder von der eigenen Grundschule und Geschwisterkinder Pluspunkte. So argumentieren auch viele andere Privatschulen.
Konstante Anmeldezahlen an der Werkrealschule der FES
Konstant hoch ist auch das Interesse an der Freien Evangelischen Schule (FES) in Möhringen. Für das kommende Schuljahr gab es insgesamt mehr als 600 Anmeldungen. Damit war über alle Schularten hinweg die Nachfrage größer als das Angebot. „Wir mussten viele Absagen schreiben“, sagt der Geschäftsführer Michael Pross.
Erfreulich sei, dass die Anmeldezahlen für die Werkrealschule mit 58 konstant hoch gewesen sei – und das, obwohl die Werkrealschulen mit dem Auslaufen des Werkrealschulabschlusses potenziell an Attraktivität verloren haben. An der FES können nun erneut zwei Klassen gebildet werden. Das Interesse an der Realschule sei im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, das Interesse an dem noch jungen Gymnasium leicht gesunken. Aber die Unterschiede seien nicht signifikant, Schlussfolgerungen könne er daraus nicht ableiten.
Evangelische Schulstiftung überzeugt mit besonderen Konzepten
Zur Evangelischen Schulstiftung Stuttgart gehören:
die Mörike-Realschule und das Mörike-Gymnasium mit Realschulaufsetzer,
das Heidehof-Gymnasium und
die Johannes-Brenz-Grundschule.
„Ich erlebe uns in einer Konstanz“, sagt Elke Theurer-Vogt, die Vorsitzende des Stiftungsrats. Richtig sei, dass das Interesse an der Real- und der Grundschule besonders hoch sei. „Wir haben da aber auch besondere Konzepte“, sagt Theurer-Vogt und verweist auf die Bläserklasse der Mörike-Realschule und die altersgemischten Lerngruppen an der Johannes-Brenz-Schule.
Hinzu komme, dass es in Stuttgart nicht viele staatliche Real- und Gemeinschaftschulen gebe. „Wenn man sich eine bessere Verteilung wünscht, würde ich auf diesem Gebiet noch eine Aufgabe für die Zukunft sehen“, sagt die Schuldekanin. Die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung habe auf die Anmeldezahlen an den beiden evangelischen Gymnasien keinen Einfluss gehabt, denn man habe seit jeher nur Kinder mit einer Gymnasialempfehlung aufgenommen. „Als private Schule durften wir das“, sagt Theurer-Vogt.
„Absurd hohes Interesse“ an den Kolping-Realschulen
Die Kolping-Schulen haben in Stuttgart einen Gymnasial- und einen Realschulzug, im benachbarten Fellbach sind es jeweils zwei. Die Nachfrage war groß, es gab insgesamt viele Absagen. „Absurd hoch“ sei das Interesse an den Realschulen gewesen, sagt Markus Schwaigkofler, Vorstand des Kolping-Bildungswerks. Für die zwei Klassen in Fellbach habe man gut 150 Anmeldungen gehabt. Als Gründe nennt Schwaigkofler die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Hinzu komme: „Manche Eltern haben Fragezeichen, was die staatlichen Realschulen betrifft.“ Darüber hinaus habe man als Privatschule einiges zu bieten.