Kolumne von Anna Katharina Hahn Die Pracht der Ornamente

Wohnhaus der Architekten Gebrüder Emil und Paul Kärn in der Schickhardtstraße Stuttgart. Foto: imago/Peter Seyfferth

Die Fassadenkunst der Gründerzeithäuser mag übertrieben sein – im Vergleich mit der Ödnis heutiger Investorenarchitektur ist sie ein Augenschmaus, findet unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn.

Stuttgart - Die nackte Dame wird von zwei Kakadus eingerahmt. Unter einem Erker kringelt sich ein grinsender Drache. Eule und Pelikan hocken in Nischen, Faune tanzen Reigen. Die Fassaden vieler Stuttgarter Gründerzeithäuser, besonders im Süden und Westen, gleichen steinernen Wimmelbildern. Sie sind häufig fotografiert und bestaunt worden: Kleinode in einer Stadt, die den Großteil ihrer älteren Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg und den Jahren danach verloren oder selbst vernichtet hat.

 

Im zweiten Lockdown bin ich viel herumgelaufen. Dabei wanderte mein Blick über die vertrauten Hauswände. Zuerst ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Löwen in allen Stufen der Grimmigkeit, Ritter und Damen im prächtigen Ornat eines Fantasy-Mittelalters. Sie entsprechen am ehesten dem Selbstbild der Hausherren und Hausherrinnen: selbstbewusste wilhelminische Bürgersleute, die sich und ihrem Wohlstand Burgen im Kleinen errichten ließen und – das zeigen die vielen monogrammgeschmückten Wappenschilde – sich darin wahrhaftig fühlten wie Könige. Verschmitzter, weniger feierlich, wird es auf den zweiten Blick. Ich entdecke einen Krug mit Hopfenblüten, eine Reihe Affen, die Bierkrüge umklammern, einen Eingang, der von einer buckelnden Katze und einem zähnefletschenden Hund flankiert wird. Seerosen und Sonnenblumen wachsen um die Wette mit Bäumen, die aussehen wie die versteinerten Seelilien im Museum am Löwentor.

Unbekümmerte Verspieltheit, Freude am Augenschmaus

Meisterwerke der Bildhauerkunst sind diese Figuren nicht, eher solide Steinmetzarbeiten. Vieles hat Seriencharakter. Was mich an ihnen berührt, ist die unbekümmerte Verspieltheit, die Freude am Augenschmaus, am Futter für die Fantasie. Wenn ich durch die zugigen oder brennend heißen Schluchten des Europaviertels laufe, wird mir das besonders deutlich.

Adolf Loos’ Diktum vom modernen Menschen, der das Ornament verabscheut, kann jeder nachvollziehen, der die vor lauter Verzierungen unbrauchbaren Möbel und Alltagsgegenstände der Kaiserzeit kennt. Niemand wird die Fortsetzung einen solchen Deko-Furors verlangen. Die Gegenbewegung, als deren Erben sich die Schöpferinnen und Schöpfer der um die Stadtbibliothek versammelten Gebäude vermutlich verstehen, ist in ihrer betonierten Kargheit nicht weniger ekelhaft.

Sowjetisch anmutenden Betonreliefs

Der Turm am Mailänder Platz, gestartet als Prestigeprojekt der Innenstadtbegrünung, gelandet als Manifestation der Unwirtlichkeit mit seinen sowjetisch anmutenden Betonreliefs, verstellt den Blick auf die Bibliothek endgültig. In seiner Einfallslosigkeit und dreisten Brutalität ist er ebenso scheußlich wie jede achtlos hingesprayte Buchstabenfolge. Ich wünsche dieser Wüste architektonischer Bankrotterklärungen zahllose Taubennester, Flechtenwuchs, Moose und Wildkräuter in jeder Ritze, dazu viel Vogeldreck, damit die versäumte Begrünung schließlich doch ganz von selbst wächst.

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