Anna Viebrock inszeniert Debussy in Mannheim Was sich nicht sagen lässt

Von Susanne Benda 

Anna Viebrock hat am Nationaltheater Mannheim einen Abend rund um Claude Debussys Opernfragment „The Fall oft he House of Usher“ nach Edgar Allen Poe gestaltet.

Graham F. Valentine als „La Peur“ und Statisten in „House of Usher“ Foto: Walter Mair
Graham F. Valentine als „La Peur“ und Statisten in „House of Usher“ Foto: Walter Mair

Mannheim - Was für ein Stoff! Was für unglaubliche Möglichkeiten für die Musik, genau das zu tun, was sie am besten kann: Atmosphäre herstellen, Stimmungen zeichnen, Zwischenwelten beleuchten! Vor gut einem Jahrhundert hat Claude Debussy Edgar Allan Poes Erzählung „The Fall of the House of Usher“ in Charles Baudelaires Übersetzung gelesen. Sein erster Impuls war es, über das subtile, ungreifbare Grauen dieser Geschichte eine symphonische Dichtung zu schreiben. Sein zweiter, daraus eine Oper zu machen. Wie so oft, wäre der erste der bessere gewesen. Debussy indes ist dem zweiten gefolgt, hat in seinen letzten Lebensjahren bis 1918 für „La Chute de la la maison Usher“ aus dem Prosatext ein eigenes Libretto gemacht und den Text zu vertonen begonnen. Er ist gescheitert; die Oper blieb Fragment. An dieses hat sich immerhin 1976 der Rockmusiker Alan Parsons erinnert und, aufbauend auf Debussys starkem Orchestervorspiel, ein Konzeptalbum über Poes Horrorgeschichten herausgebracht.

Die Rekonstruktion des Stücks, die Robert Orledge 2006 für die Bregenzer Festspiele unter Zuhilfenahme von (oft fast wie Filmmusik wirkenden) Originalpassagen des Komponisten vornahm, wurde damals musikalisch durch Ballettmusik Debussys und szenisch durch Reminiszenzen an die Jugend der handelnden Figuren ergänzt. Ein durchschlagender Erfolg war dieser Wiederbelebungsversuch nicht, und leider ist von dem Unterfangen, das jetzt am Mannheimer Nationaltheater die kaum vorstellbare Vorstellungszahl von sechs zu erreichen versucht, noch deutlich Schlechteres zu berichten. „House of Usher“, eine Anna-Viebrock-Bühnenfantasie im Sinne Christoph Marthalers(und begleitet bzw. mitgestaltet von dessen Dramaturg Malte Ubenauf und dessen Lieblingsdarsteller Graham F. Valentine), potenziert die Probleme, an denen schon Debussy scheiterte: Es macht konkret, was nicht gesagt werden darf. Poes subtile Andeutungen, die den Leser zum mitdenkenden, mitahnenden, mitfürchtenden Akteur machen: Sie werden erst vom Libretto totgeschwätzt und dann von der Szene noch einmal überfahren.

Am Anfang des Abends gibt es auf einer mit Rätselhaftem vollgestellten Drehbühne zu Debussys dissonanzengesättigter, oft bitonaler Musik noch hübsche Irritationen zwischen Live-Szene und (obendrüber projizierten) versetzten Videosequenzen, und der Rahmen der Aufführung – eine gelangweilte Gesellschaft unterhält sich in einem abgehalfterten Salon über Poe – hat etwas durchaus Plausibles und Poetisches. Dann jedoch beginnt das Ganze zu kippen. Ein Hocker fährt wie von Geisterhand bewegt hin und her, ein mysteriöser Rothaariger („La Peur“) windet sich aus dem Kamin. Der Besucher des Hauses und sein Freund Roderick Usher (Jorge Lagunes und Thomas Jesatko, beide sehr gut besetzt) halten sich bei ihrem Dialog Mikrofone unter die Nase, szenische Details verdoppeln das Gesagte, und im überlangen Viebrock-Nachspiel zum Stück, in dem die zuvor verblichene Lady Madeline (Estelle Kruger) erst wie eine Influencerin vor einer Kamera posiert und dann Damenwäsche über Grabsteine stülpt, gibt es neben allerlei filmischer Ironie (gezeigt werden Ausschnitte Elio Petris „La decima vittima“ von 1965) und neben ein bisschen Mediensatire reichlich Gebrochenes.

Dazu spielen erst der Pianist Antonis Anissegos, dann das Orchester des Nationaltheaters unter Benjamin Reiners Ausschnitte aus anderen Werken des Komponisten. Das ohnehin zur zweiten Vorstellung nur schütter erschienene Publikum dünnt sich zunehmend aus. Man beginnt zu gähnen. Und sich darüber zu ärgern, dass ausgerechnet Anna Viebrock, die eigentlich doch so wunderbar mit Räumen und Zwischenräumen zu spielen versteht, dem von Poe zum Mitspieler geadelten Raum hier das Mitspielen verweigert und dem Schwebenden das Konkrete und Bodenverhaftete vorzieht. Man möchte fliehen, sich lesend mit Poe zum heimlichen Gruseln zurückziehen. Das immerhin hat der Abend erreicht.

Nochmals am 20. 4., 16. und 31. 5., 18. 6.