Stuttgart - Eigentlich hat Anna Wilken gelernt, sich nichts anmerken zu lassen. Vor der Kamera hat die 25-Jährige innerhalb von Sekunden ein Repertoire an Stimmungen parat: Da ist das Model mal die Unnahbare, die Verführerin, die Starke. Aber es gibt auch andere Bilder von Anna Wilken, in denen sie unverstellt Einblicke in ihr Leben gewährt. Sie sind über den Social-Media-Kanal Instagram zu finden: Hier zeigt sich die junge Frau im Krankenhaus mit Flügelhemdchen – kurz nach einer Gebärmutterspiegelung. Oder sie zeigt die Aufnahme von einem Schwangerschaftstest in ihren Händen. Auf der Digitalanzeige sind die Worte „Nicht schwanger“ zu lesen.
Eines von zehn Paaren ist ungewollt kinderlos
„Ich weiß, solche Bilder sind nicht das, was man auf einem Instagram-Account erwartet“, sagt Anna Wilken. „Aber auch sie sind Teil meines Lebens – und wenn man die Statistik anschaut, auch Teil des Lebens vieler anderer Frauen.“ Seit vier Jahren versucht das Model aus Heidelberg mithilfe einer Kinderwunschklinik schwanger zu werden.
Sie und ihr Partner gehören somit zu den rund zehn Prozent der Paare, die nach Angaben des Bundesfamilienministeriums ungewollt kinderlos sind. „Darüber wird aber nie öffentlich gesprochen“, sagt Wilken. Stattdessen müsse man sich häufig die Frage anhören, wann sich endlich der Nachwuchs ankündige. „Das ist unangemessen und verletzend – selbst wenn es gut gemeint ist.“ Häufig gibt es schwerwiegende Gründe, warum es mit dem Kinderkriegen nicht klappen will.
Eine chronische Erkrankung
Bei Anna Wilken ist es eine chronische Erkrankung, die sie beinahe unfruchtbar macht. Sie leidet an Endometriose: Bei dieser Unterleibserkrankung breiten sich kleine Inseln von Zellen der Gebärmutterschleimhaut im Körper aus – etwa in den Eierstöcken, im Bauchfell, an der Darmwand oder an der Blase. Wie im Uterus folgen auch diese Zellinseln einem Zyklus: Sie schwellen an, setzen Botenstoffe frei, bilden Zysten. Das führt zu Entzündungsreaktionen, die häufig mit heftigen Schmerzen einhergehen.
Doch es sind nicht nur die physischen Auswirkungen der Krankheit, die Kraft kosten. „Man muss dafür kämpfen,mit seinem Leiden vom Umfeld überhaupt ernst genommenzu werden“, sagt Wilken. Obwohl in Deutschland bis zu 15 Prozent der Frauen diese Krankheit haben, herrsche darüber ein großes Unwissen.
Das bestätigt Klaus Bühler von der Stiftung Endometriose-Forschung: Der Frauenarzt und Reproduktionsmediziner aus Saarbrücken beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Erkrankung. „Noch immer dauert es im Schnitt acht bis zehn Jahre, bis ein Arzt die Endometriose bei einer Frau entdeckt.“
Schmerzen vor und bei der Regel gehören abgeklärt
Dabei lässt sich mithilfe einer genauen Befragung der Patientin zu ihrer Regelblutung und zu ihrem Sexualleben schnell ein Verdacht erhärten. Auch gibt es einige gynäkologische Untersuchungen, die zumindest einen Teil der Verwachsungen und Herde erkennen lassen. „Ganz gleich was Frauen von ihren Müttern oder von Ärzten gehört haben: Schmerzen kurz vor und bei der Regelblutung sind ein Warnzeichen und sollten abgeklärt werden“, sagt Bühler.
Denn eine chronische Endometriose kann auch die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. So kommt es etwa zu Verklebungen in den Geschlechtsorganen – speziell der Eileiter. Auch die Befruchtung der Eizelle ist häufig behindert. „Zudem ist die Qualität der Eizellen nicht so gut wie die von Frauen, die keine Endometriose haben“, sagt Bühler. So nisten sich diese Eizellen schlechter in die Gebärmutterschleimhaut ein. Auch ist ihre Teilungsfähigkeit eingeschränkt. „Diese Prozesse sind ausgeprägter, je länger die Entzündung im Körper andauert.“ Weshalb Bühler Betroffenen dazu rät, die Familienplanung nicht lange aufzuschieben.
Anna Wilken hat mit Anfang 20 gewusst, dass sie mit der Kinderplanung beginnen sollte
Anna Wilken hat diesen Ratschlag mit Anfang zwanzig zu hören bekommen. „Ich hatte gerade meine erste Endometriose-Operation hinter mir.“ In einer Kinderwunschklinik wollte sie sich über die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Behandlung informieren. Bei der Gelegenheit ließ sie auch die Qualität der Eizellen testen. „Prompt wurde mir gesagt: Meine Werte seien so schlecht, wir sollten sofort beginnen.“
Zwar kann allein schon die operative Entfernung von Endometrioseherden die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Schwangerschaft erhöhen, bestätigt Uwe Andreas Ulrich, Chefarzt der Frauenklinik am Martin Luther Krankenhaus in Berlin und Leiter des dortigen Endometriosezentrums. Doch bei einem Teil der betroffenen Frauen ist eine künstliche Befruchtung die glücklichere Entscheidung.
„So hat sich gezeigt, dass Frauen mit Endometriose trotz der operativen Entfernung der Herde die Chancen auf eine Schwangerschaft oft mithilfe einer Kinderwunschbehandlung erhöhen können – ähnlich wie Frauen, die jene aus anderen medizinischen Gründen vornehmen lassen“, sagt Ulrich, der Mitglied der Arbeitsgruppe Endometriose-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist. „Allerdings darf nicht vergessen werden, dass eine Kinderwunschbehandlung nicht nur eine körperliche, sondern auch seelische Belastung bedeutet.“ Vor allem, wenn mehrere Versuche scheitern.
Das Paar hat schon viele Tiefschläge einstecken müssen
Anna Wilken weiß um den Schmerz, wenn alle Hoffnung nichts genützt hat: Ein herber Schlag war ihre Fehlgeburt im vergangenen Jahr. Sie hat auch aus dieser Erfahrung kein Geheimnis gemacht, hat ihre 421 000 Abonnenten auf Instagram an ihrer Trauer und ihrem Umgang damit teilhaben lassen. Nun ist daraus mit der Co-Autorin Saskia Hirschberg ein Buch entstanden („Na, wann ist es denn so weit?“, erschienen im ZS Verlag). „Es ist ein Ratgeber, der fachlich über Kinderwunschbehandlungen informieren soll und neben meiner persönlichen Geschichte auch andere Betroffene zu Wort kommen lässt“, beschreibt Wilken den Inhalt. „Das Buch soll Paaren, die ungewollt kinderlos sind, Mut machen.“
Anna Wilken will anderen Paaren Mut machen
Sie selbst hatte erst nicht gedacht, dass sie sich für dieses Thema so öffnen könne, gibt Wilken zu. Inzwischen sei der öffentliche Umgang mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit für sie ein Geben und Nehmen: „Die Dankbarkeit, die ich für meine Beiträge erfahre, ist für mich zum Antrieb geworden, alle, die möchten, auf meinem Weg mitzunehmen.“