Anne Frank Jüdisches Mädchen wäre am Mittwoch 90 Jahre alt geworden

Von red/kna 

Am Mittwoch vor 90 Jahren, am 12. Juni 1929, wurde das jüdische Mädchen Anne Frank geboren. Frank ist die Autorin des wohl berühmtesten Tagebuchs der Welt. Die Unesco nahm das Werk in die Liste des Weltdokumentenerbes auf.

Anne Frank wäre am 12. Juni 90 Jahre alt geworden. Foto: dpa
Anne Frank wäre am 12. Juni 90 Jahre alt geworden. Foto: dpa

Bonn - Der Asteroid 5535 hat einen Durchmesser von acht Kilometern und ein kartoffelförmiges Aussehen. Nichts besonderes unter den vielen Felsbrocken, die durch das Weltall sausen. Und doch hat der 1942 vom deutschen Astronomen Karl Reinmuth entdeckte Himmelskörper etwas ganz Spezielles: Er ist nach dem jüdischen Mädchen Anne Frank benannt, das im selben Jahr mit dem Tagebuchschreiben begann und ihr berühmtes Versteck im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 267 bezog.

Am Mittwoch vor 90 Jahren, am 12. Juni 1929, wurde der Teenager, Autorin des wohl berühmtesten Tagebuchs der Welt, als zweites Kind des Kaufmanns Otto Frank und seiner Frau Edith in Frankfurt geboren.

Familie wandert nach Amsterdam aus

Das kurze Leben der Anne Frank ist schnell erzählt: Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wandert die Familie nach Amsterdam aus. 1940 werden die Niederlande von der Wehrmacht besetzt, die jüdische Bevölkerung bekommt die „Rassenpolitik“ zu spüren. Als Annes Schwester Margot Anfang Juli 1942 einen Aufruf für den Transport in das Lager Westerbork erhält, taucht die Familie unter.

Gut zwei Jahre leben sie - zusammen mit der Familie van Pels und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer - versteckt in einem Hinterhaus des Firmengebäudes von Otto Frank. Am 4. August 1944 werden sie verraten, verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo die Mutter unmittelbar vor der Befreiung 1945 stirbt. Die beiden Töchter kommen noch 1944 in das KZ Bergen-Belsen. Dort sterben sie im März 1945 an Typhus.

„Liebe Kitty“, beginnen Annes Einträge in ihr rot-weiß kariertes Tagebuch. Das Papier ersetzte dem Mädchen die Freundin. „Ich hoffe, dass Du mir eine große Stütze sein wirst“, schrieb sie. Anne begann ihre Aufzeichnungen an ihrem 13. Geburtstag, am 12. Juni 1942.

Briefe an Kitty spiegeln Alltag

Die Briefe an Kitty spiegeln vor allem den Alltag der im Hinterhaus eingesperrten Notgemeinschaft. Der Tagesablauf der Bewohner war streng reglementiert. Für Toilettengänge und Hausarbeiten gab es feste Zeiten, denn es durften keine Geräusche nach außen dringen. Gestohlene Jugendjahre. „Lesen, Lernen und Radio sind unsere Welt“, schrieb Anne.

Zur Sprache kommen Gedanken über Gott, Sexualität und Familie. Auch die unvermeidlichen Spannungen unter den Versteckten, die tägliche Angst vor Entdeckung. „Das englische Radio berichtet von Gaskammern“, notierte Anne am 9. Oktober 1942. Zugleich gibt das Tagebuch auch Aufschluss über Annes persönliche Entwicklung und zeichnet ihren Weg zwischen Kindsein und Erwachsenwerden nach.

Ein Buch mit großer Wirkung: Übersetzt in einer Millionen-Auflage in mehr als 70 Sprachen, ab kommender Woche sogar in Maori. Nicht nur in Deutschland ist es Schullektüre. Die Unesco nahm das Werk in die Liste des Weltdokumentenerbes auf.

Briefe zunächst nur für sich selbst

Kein Wunder, dass Holocaust-Leugner immer wieder behaupten, das Buch sei gefälscht. Als vermeintlicher Beweis muss die komplizierte Entstehungsgeschichte herhalten: Zunächst schrieb Anne die Briefe an Kitty nur für sich selbst. Im März 1944 aber hörte sie im Radio den Aufruf des niederländischen Erziehungsministers im Exil, Gerrit Bolkestein, die Leiden des niederländischen Volkes unter der deutschen Besatzung zu dokumentieren, um sie nach Kriegsende zu veröffentlichen. Dafür arbeitete sie den ursprünglichen Text um.

Eine der Helferinnen, Miep Gies, verwahrte Annes Aufzeichnungen und übergab sie nach dem Krieg dem Vater Otto Frank. Er stellte aus beiden Manuskripten eine 1947 veröffentlichte Fassung zusammen, in der er allerdings aus seiner Sicht zu intime Passagen etwa über Familienstreitigkeiten und Sexualität ausließ.

Seitdem sind immer neue Ausgaben des Tagebuchs erschienen, 2017 sogar in Form eines Comics. Anlässlich des 90. Geburtstags von Anne und ihres 75. Todestags im März 2020 hat der Verlag S. Fischer kürzlich unter dem Titel „Das Hinterhaus. Het Achterhuis“ eine Sonderausgabe herausgegeben. Erstmals seien beide Fassungen in der originalen Vollversion in einem Leseband versammelt und mit einführenden Texten versehen, hieß es in Frankfurt. Geplant sind außerdem eine überarbeitete Lesedition für Schulen und eine kritisch-wissenschaftliche Edition der Tagebücher. Sie erscheint voraussichtlich im Herbst 2020.