Anne Will in der ARD „Herr Spitzer, können Sie mich hören?“

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Es sollte eine Diskussion über die „Schöne neue Arbeitswelt“ werden. Doch dann setzte sich die Talkrunde bei Anne Will mit allerlei Auswüchsen der Digitalisierung auseinander. So mündete das Gespräch im unstrukturierten Schlagabtausch.

Anne Will (rechts) ist die Diskussion mit Manfred Spitzer, Christian Lindner und Sascha Lobo (von links) um die digitalisierte Arbeitswelt stellenweise entglitten. Foto: ARD/NDR Presse und Information
Anne Will (rechts) ist die Diskussion mit Manfred Spitzer, Christian Lindner und Sascha Lobo (von links) um die digitalisierte Arbeitswelt stellenweise entglitten. Foto: ARD/NDR Presse und Information

Stuttgart - Was macht eine Politikerin, die über die automatisierte Arbeitswelt reden möchte und dann mit einer ausufernden Diskussion über die Gefahren der Digitalisierung konfrontiert wird? Irgendwie mitreden? Ja, wenn die anderen Gäste es zulassen. Leni Breymaier, eine Woche zuvor zur SPD-Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg gekürt, hatte am Sonntagabend einen schweren Stand bei „Anne Will“ (ARD). Denn der Gastgeberin ist die Talkshow stellenweise entglitten.

Der Talk und der Bremer „Tatort“ („Echolot“) zuvor sind als Auftakt zur ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ gedacht. So beginnen die Probleme schon damit, dass sich keine vernünftige Brücke schlagen lässt von digitalen (Selbst-)Mördern und Cyberdoppelgängern im Krimi hin zu Robotern im Pflegeheim und automatisierten Supermarktkassen. Das anfängliche Bekenntnis Breymaiers, dass sie abends nach halb sieben nicht mehr einkaufen gehe, muss dem Zuschauer, der beide Sendungen verfolgt, zwangsläufig als harter Bruch vorkommen. Die bisherige Verdi-Landeschefin prognostiziert, dass im Zuge der Automatisierung nicht so viele neue Arbeitsplätze entstünden, wie zugleich wegfallen würden. Für Widerspruch ist gesorgt: Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Bitkom, verweist auf die Erfahrung, wonach „nicht gegen IT, sondern wegen IT“ mehr Beschäftigung entstanden sei, „als wir jemals hatten“.

„Panikmache“ gegen „Ahnungslosigkeit“

An der Stelle könnte man nun intensiv darüber reden, welche Folgen die „Schöne neue Arbeitswelt“ für die oft freiberuflich Beschäftigten hat und ob Arbeit in der Zukunft völlig neu definiert werden muss, doch da kommt bereits Manfred Spitzer zu Wort. Der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm ist auf einer Mission gegen die „Cyberkrankheit“ und macht das ganz große Fass auf: Er habe nichts gegen Computer und Internet – aber Bluthochdruck, Depression, Sucht, Demenz, Schlafstörungen, Schulversagen und einiges mehr sind für ihn das Resultat des Umgangs mit Tablets und Smartphones. Schon Wlan im Klassenzimmer verschlechtere die schulische Leistung um 15 Prozent, behauptet Spitzer mit Verweis auf eine Studie – wie er überhaupt für jede These eine Studie parat zu haben scheint. Zum Beispiel für die Erkenntnis, dass die Empathiefähigkeit der Kinder in der digitalisierten Welt schwinde. Er selbst habe täglich mit den Betroffenen zu tun.

Spitzers altbekannter Gegenspieler ist der Berufsblogger Sascha Lobo, ein Internet-Aktivist mit Irokesen-Schnitt, der sich kaum weniger zu vermarkten weiß. So liefern die beiden, was Will von ihnen erwartet: Die von Spitzer betriebene „Dämonisierung“ der technologischen Entwicklung trage nicht dazu bei, dass man diese verstehe, attackiert Lobo. Spitzer betreibe „kontraproduktive Panikmache“, damit er seine Bücher besser verkaufen könne. „Ganz falsch“, tönt dieser immer wieder und „einfach nur Unsinn“. „Sie mögen schöne Haare haben“, giftet der Psychiater, aber „Sie haben keine Ahnung von dem, was Sie da reden“. Die beiden Streithähne beharken sich so leidenschaftlich, dass Anne Will Mühe hat mit der Gesprächsleitung: „Herr Spitzer, können Sie mich hören?“

Ist die Handschrift verzichtbar?

Erst im Alter von 14 bis 16 Jahren dürfe man den Jugendlichen die Smartphones überlassen, behauptet Spitzer. Dann seien es schon junge Erwachsene, protestiert FDP-Chef Christian Lindner. „Da sind Sie bei den Amish People in den USA.“ Digitalisierung sei die Chance, „unseren Wohlstand zu erhalten“ und die individuelle Bildung zu verbessern, versichert der Liberale. Wenn man bei jeder Innovation immer nur die Risiken sehe, „werden es andere für uns machen“. Die Runde möge doch „kein historisches Dokument produzieren“, das in 25 Jahren für Belustigung sorge nach dem Motto: Wie man sich irren kann. Da es aber Bernhard Rohleder als Sprachrohr der digitalen Wirtschaft zuvor für hinnehmbar erklärt hat, wenn die Jugend das Schreiben mit der Hand verlernt, sieht sich selbst der streitbare Lindner in der Mediatorenrolle. Bitte nicht diese Extreme!

Um die automatisierte Pflege alter Menschen geht es auch irgendwann. In Japan werden schon Kuschelmaschinen in Heimen eingesetzt. „Ein Roboter kann menschliche Zuwendung nie ersetzen“, sagt Breymaier. Sie wünsche sich keine Welt, in der Kassenpatienten von den Automaten gepflegt werden – während sich Privatpatienten menschliche Hilfe leisten können.

Als zum Schluss die Gefahren des autonomen Fahrens unter ethischen Gesichtspunkten debattiert werden (darf ein selbststeuerndes Auto ein Kind überfahren oder eher das Leben der Insassen aufs Spiel setzen?), geht die Struktur der Talkrunde vollends verloren. Immerhin kann Breymaier noch auf den „Riesenzuwachs“ an psychischen Erkrankungen in der neuen Arbeitswelt hinweisen und die Notwendigkeit unterstreichen, Digitalisierung zu gestalten. „Wir werden den Geist nicht in die Flasche zurückkriegen“, sagt sie. Hinter diesem Satz können sich immerhin wohl alle Talkgäste versammeln. Ausnahmsweise.