Krimikolumne

Annelie Wendeberg: „Teufelsgrinsen“ Pingpong auf Augenhöhe

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Der Bakteriologe Dr. Anton Kronberg heißt in Wirklichkeit Anna und ermittelt im viktorianischen London gegen verbrecherische Ärzte. Ihm/ihr zur Seite steht ausgerechnet Sherlock Holmes – „Teufelsgrinsen“ ist das furiose Debüt der Umweltmikrobiologin Annelie Wendeberg.

Die Wissenschaftlerin Annelie Wendeberg hat als Schriftstellerin ganz schön was zusammengeköchelt . Foto: André Künzelmann
Die Wissenschaftlerin Annelie Wendeberg hat als Schriftstellerin ganz schön was zusammengeköchelt . Foto: André Künzelmann

Stuttgart - Was wohl dabei herauskommt, wenn eine Umweltmikrobiologin in Grimma (Sachsen) eines Morgens aufwacht und sich denkt: „Ich schreib mal was!“ Nicht irgendwas, sondern einen Krimi, in dem ausgerechnet Sherlock Holmes die männliche Hauptrolle spielt. Nun? Was kann da herauskommen?

Um es kurz zu machen: sehr viel!

Annelie Wendeberg, nebenbei auch noch Adjunct Professor in Uppsala, hat ihr „Teufelsgrinsen“ von Anfang an mit Elan, Witz und Spannung angelegt. Sie erzählt die Geschichte des Bakteriologen Dr. Anton Kronberg, der erstens im viktorianischen England zu den ganz wenigen Vertretern seines Fachs gehört. Und der zweitens eine deutsche Frau namens Anna Kronberg ist, für die im Geschlechtertausch die einzige Chance auf Studium und Arztberuf lag. Jetzt lebt die ansonsten sehr Unerschrockene aber in der ständigen Furcht, enttarnt und ins Gefängnis geworfen zu werden.

Mr. Holmes sieht gleich, was Sache ist

Scotland Yard ruft Kronberg zu einem Toten, der möglicherweise an Cholera gestorben ist. Hatte sie bis dahin nur wenig Mühe, ihre wahre Identität mittels kurzer Haare, eingeschnürtem Busen und schroffem Auftreten zu verbergen, so wird sie am Fundort der Leiche innerhalb weniger Minuten entlarvt. Sherlock Holmes braucht sie nur etwas näher anzuschauen, um zu merken, was Sache ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine nicht spannungsfreie Partnerschaft, bei der sie auf Augenhöhe ein geistreiches Pingpong spielen.

Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass skrupellose Ärzte Menschen aus der untersten Gesellschaftsschicht zu medizinischen Versuche missbrauchen: sie hantieren mit Cholera- und Tetanuserregern. Und so wird es für Kronberg und Holmes irgendwann einmal auch ziemlich eng.

Der Beginn einer vielversprechenden Krimireihe

Was den Roman ausmacht – Annelie Wendeberg hat ihn übrigens auf Englisch geschrieben – ist die Atmosphäre der in Reich und Arm gespaltenen Gesellschaft, die manchmal ironische, aber nie karikierende Zeichnung ihrer Figuren, das Spannungsfeld, in das sie ihre Heldin steckt und natürlich auch der naturwissenschaftliche Hintergrund der Autorin. So ist das „Teufelsgrinsen“ (Risus sardonicus) von jetzt an nicht mehr nur ein typisches Symptom des Wundstarrkrampfs, sondern auch der Beginn einer vielversprechenden Krimireihe – Band zwei harrt bereits der deutschen Übersetzung.

Annelie Wendeberg: „Teufelsgrinsen.“ Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 256 Seiten, 14,99 Euro. Auch als E-Book, 12,99 Euro.

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