Anonyme Sexaholiker Sexsucht in Stuttgart: „Mit exzessiver Selbstbefriedigung fing es an“

Sexsucht kann Männer und Frauen treffen – und der Leidensdruck ist oft enorm. Foto: IMAGO/Zoonar

Pornosucht, exzessive Masturbation, viele Sexkontakte ohne Bindung: Eine Frau und zwei Männer der Anonymen Sexaholiker Stuttgart erzählen von ihrer Sexsucht.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Rein äußerlich war ihr Leben geregelt: Akademikerfamilie, in der Schule lernt das Mädchen leicht, Studium, Lehramt – da läuft sie durch. Doch die Trennung der Eltern, der Auszug der Mutter mit den drei Kindern aus dem vertrauten Heim ist ein Schock. Damals ist Paula vier Jahre alt. Jetzt nur nichts falsch machen. „Ich hatte totale Angst, meine Mutter auch noch zu verlieren“, sagt sie heute. Brav sein, lernen, nicht aus der Reihe tanzen. Wenigstens nach außen kriegt sie das alles hin.

 

Doch Paula lebt auch in einer Parallelwelt. „Mit der Droge Selbstbefriedigung fing es an“, sagt die heute 68-Jährige. „Die habe ich schon sehr früh entdeckt.“ Lesen, Musikhören, Masturbieren: Es sind kleine Fluchten eines funktionierenden, aber unglücklichen Kindes. „Ich hab nur noch in meinem Kopf gelebt und mich schrecklich gefühlt“, erzählt sie. Selbstbezogen, mit Groll auf die Mutter und abgeschnitten von ihren Gefühlen.

Beginn der Sexsucht: Erste Affären in der Pubertät

In der Pubertät habe die Sexsucht angefangen. Wechselnde Männergeschichten. Bei den Affären geht es nur um Sex, nie um Beziehung. Die kurzen Episoden sind unbefriedigend, sexuell wie menschlich. Sie entwickelt eine Magersucht, später dazu eine Bulimie. Sie fühlt sich minderwertig. „Ich habe Bestätigung bei den Männern gesucht“, sagt sie. „Ich war abhängig von Berührungen.“

Mit einer großen Tasse Tee sitzt Paula an einem langen Tisch. Graues Haar, Kurzhaarschnitt, groß, schlank, gepflegt. „Es war die Sucht, mich scheinbar lebendig zu fühlen“, erklärt sie in abgeklärtem Ton. Tatsächlich fühlte sie sich aber „leer und tot“. Aids bringt Paulas fragiles Leben endgültig ins Wanken. Plötzlich ist beziehungsloser Sex gefährlich, Paula wird von Todesangst erfasst.

Ein schummriger Raum in einem Hinterhof in Heslach. Hier treffen sich die Anonymen Sexaholiker (AS) Stuttgart. Außer Paula sind Adam und Rolf gekommen. Auch die beiden Männer erzählen von ihrer Sexsucht, auch sie haben eigentlich andere Vornamen. Die Nachnamen kennen nicht einmal die Teilnehmer untereinander. „Anonymität ist für uns das Wichtigste“, sagt Adam.

Der 62-Jährige ist im Finanzbereich tätig und seit 1995 in der Gruppe. Rolf zählt sogar schon 76 Jahre, der ehemalige Buchhalter hatte bereits Ende der 80er ein erstes Mal Kontakt zu dem Betroffenenkreis.

Stuttgarter Betroffener: Sexsucht trotz Hilfe „nicht im Griff“

Hört das nicht irgendwann auf mit der Sexsucht? „Ich brauche die Gruppe immer noch“, sagt Rolf. Auch Adam ist überzeugt: „Ich werde bis an mein Lebensende in dem Programm sein.“ Obwohl auch er seit vielen Jahren „trocken“ ist, wie er sagt. Aber was heißt das schon. „Im Griff habe ich nix“, gibt der groß gewachsene schlanke Mann zu.

Entstanden sind erste AS-Gruppen in Deutschland vor vier Jahrzehnten, die Stuttgarter wurde 1986 gegründet. Seit Pornografie im Netz jederzeit verfügbar ist, sind auch Rolf und Adam ihr immer wieder verfallen. Kein Wunder: Nach jüngeren Studien sind weltweit bis zu 13 Prozent des Internet-Traffics Pornografie, ältere Schätzungen gingen von 30 Prozent aus.

Dabei sind Paula, Rolf und Adam noch vor dem Internetzeitalter aufgewachsen. Als dieses begann, hatte sich ihre Sexsucht bereits herausgebildet. Exzessiver Pornokonsum sei denn auch eher das Problem „der Jüngeren in der Gruppe“, sagt Rolf. Zwischen zehn und 15 Betroffene kommen jede Woche in Heslach zusammen.

Abschalten durch „dieses schöne Gefühl des Orgasmus“

Auch bei Adam fing es an mit Selbstbefriedigung. Er habe schon in jungen Jahren „sehr viel onaniert, viel zu viel“. Vor allem, wenn er frustriert war, mit dem Leben nicht klarkam, wollte er zum Abschalten „dieses schöne Gefühl des Orgasmus“. Kleine Fluchten in einem unglücklichen Alltag. Nach Adams Heirat hat seine Sexsucht die Ehe fast zerstört. „Lüsternheit“ habe ihn getrieben, dass er seine Frau betrog. „Das waren für sie und für mich sehr schlimme Jahre“, sagt er.

Schon lange davor empfand er vor allem Leere, Isolation und Scham. „Das Schöne war nur vordergründig, wurde immer kürzer, das Schreckliche immer länger“, so beschreibt Adam die Entwicklung seiner Gefühlslage. Er bekam nie genug, aufhören konnte er nicht. „Aber ich spürte, es war falsch.“

Rolf erging es ähnlich. Sich nach Bedarf einen Orgasmus zu verschaffen, war auch für ihn früh eine Kompensation empfundenen Unglücks. „Ich habe mich von Jugend an nie angenommen gefühlt.“ In seinen jüngeren Jahren hatte er viele wechselnde Sexbeziehungen. „Liebe habe ich immer nur vorgetäuscht.“ Seine erste Ehe scheiterte wegen einer anderen Frau. „Ich habe gedacht, mit der anderen gibt es mehr und besseren Sex.“ Dabei war er stets „voller Schuld und Scham“. Rolf, er ist wieder verheiratet und Vater zweier Kinder, hatte außerdem ein massives Alkoholproblem.

Sexsucht führt zu immensem Leidensdruck

Der Leidensdruck war bei allen drei irgendwann so groß, dass sie Hilfe suchten. Zu einer Zeit, als von Sexsucht noch keine Rede war. Allenfalls in Fachkreisen von „Hypersexualität“ oder von „Nymphomanie“ bei Frauen und „Satyriasis“ bei Männern. Erst seit Anfang 2022 ist Sexsucht als eigenständige Krankheit anerkannt. Nach dem ICD-11-Diagnoseschlüssel ist sie heute als zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung klassifiziert, Code 6C72.

Auch mit Psychotherapie haben Paula und Adam versucht, sich von ihrer Sexsucht zu befreien, Selbstkontrolle zurückzugewinnen und ein neues Selbstwertgefühl zu finden. Vergeblich. „Mir hat man gesagt: hab doch Freude daran“, erzählt Adam. Aber er wollte nicht Freude empfinden, er wollte aufhören mit der zwanghaften und quälenden Hypersexualisierung. Paula erging es ähnlich. „Ich war nur noch ein Zombie und innerlich völlig leer – die Therapeutin hat meine Sucht gar nicht verstanden.“ Heute ist die allein lebende Paula überzeugt: Nur Betroffene können es begreifen.

Offenheit in der Stuttgarter Gruppe hilft Betroffenen

Erst die Selbsthilfegruppe hat ihnen einen Ausweg gewiesen. Hier sprechen sie offen wie nirgendwo sonst. „Es ist ein Raum, in dem man ehrlich sein kann“, sagt Paula, sie ist seit Anfang der 2000er Jahre dabei. „Als ich hierher kam, habe ich Kraft bekommen, ich spürte eine höhere Macht.“

Die Gruppe heißt nicht zufällig Anonyme Sexaholiker (AS). Ihr Vorgehen ist angelehnt an das Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (AA). Das bedeutet zuallererst: Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit, radikale Seeleninventur, Hingabe und Vertrauen in eine höhere Macht.

Religiös im konventionellen Sinn verstehen die Mitglieder das nicht. „Wir wählen unsere höhere Macht selbst“, betont Paula. Aber die Anonymen Sexaholiker verstehen Sexsucht als spirituelle Verirrung, die man nicht selber lösen kann.

Wie die Anonymen Alkoholiker ihr legendäres Blaues Buch, haben sie das Weiße Buch. Darin zentral: die Analyse der Lüsternheit. Rolf sagt: „Normale Sexualität hat mit Lüsternheit nichts zu tun, normale Sexualität ist körperlich, Lüsternheit ist im Kopf.“ Sie verderbe, verzerre die natürliche Sexualität, mache aus ihr einen „unnatürlichen Appetit, wie bei Esssüchtigen“. Weil ihr eigentlicher Zweck der Abbau von Isolation, Einsamkeit, Unsicherheit, Angst und Spannung sei, verfehle sie Nähe, Verbundenheit und Liebe. Was bleibt, sei leer laufende Unersättlichkeit.

Die Gruppenmitglieder erleben immer wieder Rückfälle

Das Ziel „Sexualität ohne Lüsternheit“, wie Adam es formuliert, verlangt den Betroffenen viel ab. Auch Strecken völliger Enthaltsamkeit. Rückfälle eingeschlossen. Die eigentliche Stütze der angestrebten neuen Spiritualität, die laut dem Weißen Buch „eine neue Freiheit und ein neues Glück“ verheißt, ist der Gemeinschaftsgeist. Auch und gerade in Krisen. „Die Meetings sind die Therapie“, sagt Rolf. „Der Erfahrungsaustausch ist entscheidend“, findet Paula. Und Adam sagt: „Wir helfen uns gegenseitig.“ Das verlorene Ich getragen vom Wir.

Anonyme Sexaholiker Stuttgart

Hilfe
Wer ein ähnliches Problem hat und sich mit anderen Betroffenen in Stuttgart austauschen will, kann sich an folgende E-Mail-Adresse wenden: as-stuttgart@posteo.de. Informationen finden sich unter: https://anonyme-sexsuechtige.de.

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