„Anonymous“-Attacke Streit ums Urheberrecht eskaliert

Von Markus Reiter 

Die Unterzeichner eines Schutzappells für das Urheberrecht werden im Internet von „Anonymous“-Datendieben bloßgestellt.

Das Plakat der Pro-Urheber-Kampagne Foto: © Das Syndikat / Armin Zedler
Das Plakat der Pro-Urheber-Kampagne Foto: © Das Syndikat / Armin Zedler

Stuttgart - In der griechischen Kolonie Sybaris im Golf von Tarent erfanden im Jahre 720 vor Christus die Herrscher das erste Urheberrecht der Geschichte: Wenn sich ein Koch in Sybaris ein neues Gericht ausdachte, durfte es ein Jahr lang niemand nachkochen.

Wir gestehen: Dieser wunderbare Einstieg in einen Artikel über den Streit um das Urheberrecht ist geklaut. Bernd Ziesemer hat ihn im „Handelsblatt“ benutzt. Er führt uns aber mitten hinein in eine Debatte, die in den letzten Tagen an Wucht zugenommen hat. Einige Rotzbuben des Internets fänden es nämlich im Prinzip völlig in Ordnung, wenn sich der Autor dieses vorliegenden Artikels Ziesemers Geschichte bediente, dessen Autorenschaft aber unter den Tisch fallen ließe. Menschen, die anderer Meinung sind, hätten mit einem Cyber-Angriff aus dem Internet zu rechnen.

Zum Hintergrund: am Donnerstag veröffentlichte die Wochenzeitung „Die Zeit“ den Aufruf „Wir sind die Urheber“, den inzwischen rund sechstausend Schriftsteller und Sachbuchautoren unterzeichnet haben, darunter Prominente wie Daniel Kehlmann, Günter Wallraff und Mario Adorf. Koordinator ist der Berliner Literaturagent Matthias Landwehr. Zu einer ähnlichen, aber kleineren Aktion hatten sich acht Krimiautoren unter dem Titel „Ja zum Urheberrecht“ zusammengetan. Einige verdeckt operierende Internetaktivisten der Gruppe „Anonymous“ starteten daraufhin einen Hacker-Angriff. Sie legten die E-Mail-Konten der Krimiautoren lahm und machten Adressen, Telefonnummern und E-Mail-Daten einiger der Unterzeichner von „Wir sind die Urheber“ öffentlich – als Einladung zur Schmähung der Betroffenen. Die amorphe Gruppe „Anonymous“ ist wiederholt durch illegale Veröffentlichungen von persönlichen Daten ihnen missliebiger Persönlichkeiten und Institutionen aufgefallen.

Damit hat sich die Debatte um das Urheberrecht zu einem Kulturkrieg entwickelt. Wobei Militärstrategen von einem „asymmetrischen Krieg“ sprechen würden, bei der eine Seite aus dem Hinterhalt agiert. Wie bei dieser Art der Kriegsführung nach Taliban-Logik üblich, müssen die Radikalen ihre Angriffe verschärfen, wenn sich zwischen den gemäßigteren Parteien ein Dialog abzeichnet. Die radikalen Urheberrechtsgegner lassen nämlich keine Kompromisse zu: Was im Netz steht und sich also kopieren lässt, gehört nach ihrer Auffassung allen. Künstler, die für ihre Leistungen eine Bezahlung erwarteten, sollten sich gefälligst trollen. Die Überschrift über die Datenbloßstellung der Künstler ist bezeichnend: „Fuck your copyright blah blah blah“. Das ist an Verblendung, Selbstgerechtigkeit und Ignoranz nicht zu überbieten.

Die Taktik könnte aufgehen

Die Taktik könnte aufgehen. Der Koordinator der Urheberaktion, Matthias Landwehr, verschärft seinerseits den Ton und spricht von einer Aktion, „wie man sie aus totalitären Staaten kennt.“ Dabei hatte es seit ein paar Wochen nach einer neuen, konstruktiveren Stufe der Auseinandersetzung ausgesehen. Rund fünftausend Menschen unterzeichneten einen Appell „Wir sind die Bürger“ im Internet. Darin betonen sie, nicht gegen das Urheberrecht zu sein. Sie stellen stattdessen Fragen, die bei einer Reform in der Tat zu beantworten wären. Zum Beispiel: „Wie viel Text darf man zitieren, ohne das Urheberrecht zu verletzen? Darf man zu seinem Lieblingslied singen oder tanzen und das Video dazu im Internet veröffentlichen? Darf man eine berühmte Filmszene nachsprechen oder im eigenen Sinn interpretieren?“. Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der FAZ, plädierte in einem Artikel unter der Überschrift „Schluss mit dem Hass“ für einen Ausgleich zwischen Urhebern und Internetnutzern. Vertreter der Piratenpartei, bislang Vorhut der Urheberrechtskritiker, luden die Urheber zu einem Dialog ein.

Kurzum: eine Versachlichung der Diskussion bahnte sich an. Wobei es den schwersten Brocken noch aus dem Weg zu räumen galt. Die Kritiker des derzeitigen Urheberrechts gehen nämlich davon aus, dass sich in der Debatte zwei gleichberechtigte Interessen gegenüberstehen. Auf der einen Seite befinde sich das Recht der Urheber, für ihre Leistungen bezahlt zu werden; auf der anderen Seite gebe es ein Recht der Internetuser auf die kostenfreie Nutzung künstlerischer Arbeit. Künstlerische Werke sind aber kein Gemeingut. Sie gehören dem Künstler und, wenn der sein Recht ganz oder teilweise abtritt, einer Nutzungsgesellschaft. Der Künstler hat selbstverständlich das Recht, seine Werke an die Internetnutzer zu verschenken. Ein Recht, beschenkt zu werden, existiert hingegen nicht.

Der Dialog bleibt schwierig

Dennoch verteidigen die Kritiker des derzeitigen Urheberrechts berechtigte Interessen. Dazu gehört die Frage, wie mit Mashups, kreativen Neuzusammenstellungen urheberrechtlich geschützter Inhalte, umzugehen ist. Oder wie man das Abmahnunwesen eindämmen kann.

Ein Lichtblick zeichnet sich ab. Dass die jüngste Bloßstellung von Künstler durch „Anonymous“ nicht dazu beträgt, die sachliche Debatte zu befördern, haben auch viele Urheberrechtskritiker erkannt. Im Kurznachrichtendienst Twitter ist in der für die sozialen Netzwerke typischen drastischen Sprache von „Maskendeppen“, „Vollspasten“ und „Griff ins Klo“ die Rede. Aber diejenigen, die ihr Gut-Böse-Schema nicht so schnell aufgeben wollen, verbreiten bereits das nächste haltlose Gerücht: Hinter der Aktion stünde gar nicht die edle Truppe von Anonymous, sondern eine böse Mafia aus Urhebern und Verlagen. Der Dialog bleibt schwierig.