Anschläge in Madrid Spaniens Bevölkerung ist immer noch gespalten

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  Wahrscheinlich irrt sich Manjón. Fernando Reinares, Terrorismusforscher am staatlichen Real Instituto Elcano, hat jahrelang alle Spuren des 11. März verfolgt und kommt in seinem aktuellen Buch „Bringt sie um! Wer steckte hinter dem 11-M und warum wurde ein Attentat in Spanien verübt“ zu dem Schluss, dass die Idee zu den Anschlägen schon Ende 2001 geboren wurde, lange vor der Invasion des Irak. Die Bombenattentate seien eine Antwort auf den Schlag der spanischen Polizei gegen eine spanische Al-Kaida-Zelle um den gebürtigen Syrer Abu Dahdah gewesen.

Doch die Stimme Reinares geht im lauten ideologischen Streit um die Deutung des 11. März in Spanien unter. „Die Attentate haben die Spanier gespalten, und diese Spaltung hält zehn Jahre später an“, sagt der Politologe.   Während die Einen noch immer Aznar eine Mitverantwortung an den Anschlägen geben wollen, versuchen die Anderen, die Theorie von einer Beteiligung der Eta oder anderer, dunkel bleibender Mittäter lebendig zu erhalten.

Opfer und Hinterbliebene fühlen sich nicht verstanden

Weil der Sozialist Zapatero drei Tage nach den Attentaten die Wahlen gewann, müsse der Regierungswechsel das eigentliche Ziel der Anschläge gewesen sein, glaubt zum Beispiel der PP-Politiker Jaime Ignacio del Burgo, immerhin der Sprecher seiner Fraktion im einstigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum 11. März. Seine Thesen erklärt del Burgo im jüngst erschienenes Buch „11-M, das Attentat, das die Geschichte Spaniens veränderte“. Doch die Attentate haben Spaniens Geschichte nicht verändert. Das taten im besten Fall die Wähler.

Sie entschieden sich für den Sozialisten Zapatero, der Spanien vorsichtig modernisierte, aber längst wieder abgewählt ist; sein konservativer Nachfolger Mariano Rajoy versucht gerade die politische Kehrtwende. So wie es üblich ist in Demokratien.   Die Opfer und Hinterbliebenen der Anschläge vom 11. März 2004 fühlen sich von keiner der Regierungen verstanden, weder von den früheren noch von der jetzigen. „Sie versprachen uns den roten Teppich auszurollen“, sagt Pilar Manjón, die Präsidentin der Asociación 11-M, in der mehr als 1700 Betroffene zusammengeschlossen sind. „Also haben sie ein Team von 20 Psychologen engagiert, das am 31. Dezember 2004 wieder entlassen wurde. Eine wunderbare Hilfe“, fügt sie ironisch hinzu.

„Die Wunden sind noch offen“

Die Zapatero-Regierung habe Distanz zu ihnen gehalten, „eine Distanz, die uns schließlich vergessen machte“. Niemand sollte denken, habe man ihnen erklärt, dass sich die Sozialisten ihrer, der Opfer, zu propagandistischen Zwecken bedienten.   Solche Sorgen kennt die Rajoy-Regierung nicht. Für die Volkspartei steht die Asociación 11-M auf der falschen, auf der gegnerischen Seite. Im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen hat sie deshalb die Subventionen für den laufenden Betrieb des Vereins von 100 000 Euro auf 40 000 Euro im Jahr gekürzt, berichtet dessen Schatzmeister Ángel de Marcos. „Sie versuchen uns langsam die Luft abzuschnüren“, glaubt er. „Aber wir machen weiter, selbst wenn wir betteln müssen.“

Für die Mitglieder ist der Verein ein Zuhause, für viele der einzige Ort, an dem sie sich verstanden fühlen. Zehn Jahre sind keine lange Zeit, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat oder als Überlebender mit den schrecklichen Bildern vom Tag des Anschlags leben muss. „Die Wunden sind noch offen“, sagt Pilar Manjón. „So frisch, so brennend, so schmerzhaft.“  




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