Anselm Kiefer in Ottersdorf Das bescheidene Elternhaus des weltberühmten Künstlers
Anselm Kiefer kehrt in sein Wohnhaus aus Kindertagen zurück: in Ottersdorf bei Rastatt. Dort entdeckt man Erstaunliches.
Anselm Kiefer kehrt in sein Wohnhaus aus Kindertagen zurück: in Ottersdorf bei Rastatt. Dort entdeckt man Erstaunliches.
Mit der Rechtschreibung hat es noch etwas gehapert. Aber das Haus, in das Anselm Kiefer als Sechsjähriger zog, faszinierte den Bub sehr. Immer wieder nahm der den Bleistift und zeichnete die verschiedenen Stockwerke – hier die Küche mit Ofen, dort das „Klo“, wie er dazu schrieb. Es gab ein „Glavier“ und einen „Bücherschrack“. Ein Zimmer war für die „Nemaschin“ und ein Raum in der oberen Etage ist besonders bemerkenswert: die „böse Kinderkammer“.
Man staunt, wie riesig dem Jungen das Wohnhaus damals vorkam. Denn in Wahrheit waren die zwei Wohnungen in dem alten Schulhaus von Ottersdorf zwar nicht beengt, aber auch keineswegs riesig. Sechs Jahre wohnte Anselm Kiefer hier in dem Dorf bei Rastatt – und die Zeit scheint sehr prägend für ihn gewesen zu sein, weshalb er das ehemalige Schulhaus nun in ein Museum verwandelt hat.
Vermutlich hat er nicht damit gerechnet, dass das Interesse daran so groß sein würde. Nicht nur Nachbarn, die die Familie kannten, schauen vorbei, seit der Eröffnung Ende April pilgern auch sehr viele Kunstfreunde in das 2500-Seelen-Dorf.
Das ist erstaunlich, denn die etwas mühsame Reise könnte man sich sparen, schließlich hängen die Arbeiten von Anselm Kiefer in so ziemlich allen großen Museen dieser Welt. Er gehört zu den erfolgreichsten Künstlern unserer Zeit, weshalb er im Kunstkompass, einem internationalen Ranking regelmäßig unter den ersten Zehn auftaucht. Im vergangenen Jahr kam er wieder auf Platz acht. Und auch sein 80. Geburtstag, den er im März gefeiert hat, ist Anlass für diverse Ausstellungen.
Man kommt inzwischen an der Kunst von Anselm Kiefer aber auch deshalb kaum noch vorbei, weil sie gigantische Ausmaße angenommen hat. Sein Atelier im südfranzösischen Barjac ist groß wie ein Hangar, damit er seine tonnenschweren Skulpturen und monumentalen Bilder mit Blei, Stroh und Farbmassen produzieren kann. Die Ausstellung im alten Schulhaus wirkt dagegen bescheiden. Die Formate sind praktikabel und die Bilder wurden ganz traditionell in den Zimmern verteilt. Wer Persönliches erwartet, Fotos aus alten Tagen oder Möbel von damals, wird enttäuscht. Auf einigen der frühen Bilder steht zumindest „für Julia“, seine erste Frau.
Anselm Kiefer wollte definitiv keine Gedenkstätte einrichten, und doch ist es überraschend, wie wichtig ihm dieses Wohnhaus von einst ist. Der Stempel Provinz, der im Kulturbetrieb eher schädlich für die Karriere ist, muss ihn nicht mehr schrecken – dafür ist er bereits viel zu berühmt.
Deutsche Künstlerinnen und Künstler verschweigen ihre Herkunft aber auch aus historischen Gründen gern, weshalb in Künstlerbiografien man eher „lebt in Berlin und New York“ liest als „lebt in Ottersdorf“. Während sich Künstler anderer Länder oft positiv mit ihrer Herkunft identifizieren, wollte man sich nach dem Nationalsozialismus von den eigenen Wurzeln distanzieren und sich lieber als Kosmopolit darstellen.
Viele Gemälde in der Ausstellung zeigen, dass sich Anselm Kiefer von Beginn an mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Schon als junger Mann reiste er durch Europa und malte und fotografierte sich immer wieder beim Hitlergruß. Er wollte aber nicht anklagen und sich offensiv und vorwurfsvoll von der Elterngeneration absetzen, sondern sich in deren politische Haltung der Elterngeneration einfühlen und deren Verehrung für den „Führer“ als körperlichen Akt nacherleben.
So hat Anselm Kiefer seine Wurzeln auch nie radikal gekappt, sondern den Kontakt zu seiner badischen Heimat immer gehalten. Obwohl er schon seit Jahrzehnten in Frankreich lebt, fuhr er regelmäßig an seinem Wohnhaus aus Kindertagen vorbei und stellte traurig fest, wie es sich veränderte und verkam. Und weil er wollte, dass es wieder so aussieht wie in seiner Kindheit, beschloss er, es der Stadt abzukaufen und zurückzubauen.
Geboren wurde Anselm Kiefer 1945 in Donaueschingen, nach Ottersdorf zog die Familie, weil der Vater eine Stelle als Lehrer in Ottersdorf und eine Wohnung im alten Schulhaus von 1875 bekam.
Den Gemüsegarten, den man auf einer Kinderzeichnung Kiefers noch sehen kann, gibt es nicht mehr, so, wie vom Baum vor dem Haus nur ein Stumpf geblieben ist. Das schön sanierte Gebäude liegt direkt an der Durchgangsstraße von Ottersdorf zwischen Zwei- und Dreifamilienhäusern, Schottergärten und ein paar verbliebenen Fachwerkhäusern.
Falls sich deutsche Künstler überhaupt mit dem Elternhaus befassen, so in der Regel mit kritischer Distanz. Gregor Schneider übernahm als 16-Jähriger ein Haus auf dem Grundstück seiner Eltern in Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach, und begann, es künstlerisch umzugestalten und labyrinthische Räume einzubauen. Er hat immer wieder Varianten dieses Hauses ausgestellt – am spektakulärsten was sein „Totes Haus u r“ auf der Biennale von Venedig 2001. Sein Elternhaus ist es zwar nicht, aber seine Beschäftigung mit Raum, Wahrnehmung und Identität ist eng mit dem Lebensgefühl aus Kindertagen verknüpft - und die klaustrophobische Wirkung beredt.
Umso einzigartiger ist es, wie liebevoll Anselm Kiefer nun die Doppelfenster ersetzen und historisch anmutende Lichtschalter einbauen ließ. Auch das neue Parkett wollte er genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Es ist unübersehbar, dass er sehr gute Erinnerungen an die Jahre in Ottersdorf hat und der Ort seine Fantasie enorm beflügelte. Auch die Kirche von Ottersdorf hat Kiefer gemalt – ihr in kindlichem Übermut aber kurzerhand einen fröhlich roten Anstrich verpasst.
Haus Kiefer, Friedhofstraße 1, Rastatt-Ottersdorf, Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag 14 bis 17 Uhr.