Ansturm auf Böblinger Repair-Café Zum Wegschmeißen zu schade

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Kaputte Wasserkocher, Radios oder Lederjacken landen viel zu schnell auf dem Müll. Im Repair-Café werden sie hingegen von Ehrenamtlichen wieder instand gesetzt – für eine kleine Spende.

Martin Langlinderer repariert den Wasserkocher von Linda Strunz. Foto: factum/Granville
Martin Langlinderer repariert den Wasserkocher von Linda Strunz. Foto: factum/Granville

Böblingen - Der kleine Wasserkocher von Linda Strunz wirkt eigentlich noch intakt. „Aber der Deckel schließt nicht mehr richtig“, sagt die Böblingerin. Bei anderen wäre das Küchengerät längst im Müll gelandet. Nicht so bei Strunz: sie hat ihn am Samstag zum ersten Repair-Café in Böblingen mitgenommen. Freiwillige haben im Büro des grünen Ortsverbandes am Samstag fünf Stunden lang kostenlos Elektrogeräte, Fahrräder, Kleidungsstücke und Spielzeug repariert, um ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität zu setzen.

Die Repair-Café-Bewegung stammt aus Holland. 2009 organisierte dort eine Journalistin das erste Treffen, bei dem Freiwillige mit handwerklichem Geschick kaputte Gegenstände wieder flott machten – gegen eine kleine Spende. Inzwischen hat sich die Bewegung auf der ganzen Welt verbreitet. Auch im Landkreis Böblingen gibt es Repair-Cafés bereits in Holzgerlingen und Waldenbuch. In Zukunft soll es sie einmal im Monat abwechselnd auch in den Nachbarstädten Böblingen und Sindelfingen geben.

„In Deutschland werfen wir unfassbar viel weg“

Der kaputte Wasserkocher von Linda Strunz landet erst einmal auf dem Tisch von Martin Langlinderer. Der 34-jährige Böblinger ist als ehrenamtlicher Helfer gekommen – und auf Elektrogeräte spezialisiert. Nach kurzem Suchen entdeckt er, warum der Deckel des Wasserkochers nicht mehr schließt. Er holt die Klebepistole, dann darf Linda Strunz ihr Gerät wieder zuschrauben. „Es geht auch darum, dass man die Leute ermutigt, kaputte Gegenstände selber einfach mal aufzuschrauben“, erklärt Langlinderer.

Initiiert hat das erste Böblinger Repair-Café die Grünen-Gemeinderätin Dorothea Bauer. „In Deutschland werfen wir unfassbar viel weg“, findet sie. „Auch Gegenstände, denen fast nichts fehlt und die nach einer einfachen Reparatur wieder zu gebrauchen wären.“

Nur wenige junge Leute wollen Sachen reparieren lassen

Die ehrenamtlichen Helfer beim Repair-Café sind Experten in unterschiedlichen Bereichen: bei Elektrogeräten, Handys und Laptops, mechanischen Geräten oder Näharbeiten. An einer Nähmaschine sitzt Tabea Bauer, die Tochter der Initiatorin. Ein älterer Herr hat seine Lederjacke abgegeben, die einen neuen Reißverschluss benötigt. „Wegen des dicken Stoffes sind Lederjacken besonders anspruchsvoll zu reparieren, aber ich bekomme das schon hin“, sagt Bauer optimistisch. Nähen, häkeln und stricken hat sie in der Waldorf-Schule gelernt. „Für mich ist das ein guter Ausgleich zu meinem naturwissenschaftlichen Studium“, sagt die junge Frau. „Deshalb finde ich es auch schade, dass aus meiner Generation viele solche Techniken nicht mehr beherrschen.“

Auffällig ist jedoch, dass beim Böblinger Repair-Café der größte Teil der Besucher der Generation 50plus angehört. Es sind Frauen und Männer, die in ihrer Jugend Wohlstand und Überfluss noch nicht als Selbstverständlichkeit erlebt haben. „Viele junge Leute schmeißen Sachen viel schneller weg, wenn sie kaputt sind oder auch nur das Design nicht mehr in Mode ist“, findet die Wasserkocher-Besitzerin Linda Strunz. „Wenn ein Handy schon ein Jahr alt ist, kaufen sich viele lieber ein neues, als es reparieren zu lassen“, hat auch Peter Rößler beobachtet – der Vorsitzende des Grünen-Kreisverbandes hat am Samstag ehrenamtlich Fahrräder repariert.

Werkstatt mit Töpferscheibe und 3D-Drucker

Doch nicht alle jungen Leute wollen sich mit einer Wegwerf-Gesellschaft abfinden. Die Ehrenamtlichen im Böblinger Repair-Café sind überwiegend junge Menschen, die andere an ihrem technischen oder handwerklichen Wissen teilhaben lassen wollen. Und Martin Langlinderer, der den Wasserkocher mit dem kaputten Deckel vor der Verschrottung gerettet hat, will aus seiner Leidenschaft sogar bald einen Beruf machen.

Mit Gleichgesinnnten möchte der studierte Wirtschaftsingenieur in Stuttgart eine offene Werkstatt einrichten, in der Menschen kaputte Gegenstände reparieren, aber auch basteln, schrauben und nähen können – quasi einen gemeinschaftlichen Hobbykeller. Modernste und uralte Techniken sollen hier gleichberechtigt praktiziert werden können: Einen 3D-Drucker soll es ebenso geben wie eine Töpferscheibe. Besucher sollen die Geräte benutzen und sich Rat bei Experten holen können. Im Gegensatz zum Repair-Café sollen aber hauptamtliche Mitarbeiter durch Nutzergebühren bezahlt werden.

Wo man seine Lieblinge reparieren lassen kann

Das nächste Repair-Café in Sindelfingen findet am Samstag, 18. Juli, zwischen 10 und 15 Uhr im Umweltzentrum (Herrenwäldlestraße 13) statt. Bereits am Samstag, 20. Juni, können Interessierte ihre kaputten Gegenstände in Waldenbuch (Im Sonnenhof, Vordere Seestraße 19) reparieren lassen.




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