Anthroposophie in Stuttgart Alles tanzen, was man fühlt

Das Else-Klink-Ensemble, benannt nach der langjährigen Leiterin des Eurythmeums, bei einer Aufführung Foto: Eurythmeum Stuttgart

Am Stuttgarter Eurythmeum wird ein Festwochenende gefeiert: Vor 100 Jahren wurde der Bau auf der Uhlandshöhe eingeweiht und die Ausbildung rund um die Bewegungskunst konnte offiziell beginnen.

Sie befanden sich im schweizerischen Dornach und im württembergischen Stuttgart: die beiden allerersten Eurythmieschulen. 1924 wurde das Eurythmeum in der Landeshauptstadt eingeweiht – auf der Uhlandshöhe gebaut nach Plänen von Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner. Das Jubiläum wird nun mit einem Festwochenende gefeiert: 100 Jahre Ausbildung und mittlerweile ein Studium. Neben der Zertifikatsausbildung zum Bühnen-Eurythmisten kann man den Bachelor in „Eurythmie mit pädagogischer Basisqualifikation“ und den Master in Studium „Eurythmiepädagogik“ erwerben.

 

Die Anfänge sind älter. Schon 1908 soll Rudolf Steiner bei einem seiner Vorträge über das Evangelium nach Johannes die Malerin und Schriftstellerin Margarita Woloschin gefragt haben, ob sie Passagen des Texts tänzerisch umsetzen könne. „Ich glaube, man könnte alles tanzen, was man fühlt“, antwortete Woloschin. Am Konzept arbeitete Steiner auch in den Münchner Inszenierungen seiner „Vier Mysteriendramen“ ab 1910.

Eurythmie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „schöne Bewegung“

Bewegung im wahrsten Sinne kam Ende 1911 hinein, heißt es bei verschiedenen Waldorfschulen in Deutschland. Damals fragte die Anthroposophin Clara Smits Steiner bei einem seiner Vorträge, ob es einen geeigneten Beruf und eine sinnvolle Bewegungsart auf anthroposophischer Basis für ihre Tochter Eleonore Clara Maria Lory Maier-Smits gäbe – sie sollte die erste Eurythmistin werden. Gerade mal 17 Jahre alt, bildete Steiner die spätere Darstellerin und Lehrerin aus, entwickelte mit ihr die Grundlagen der anthroposophischen Bewegungskunst weiter. Den Namen dafür prägte seine Frau Marie von Sivers: Eurythmie. Das aus dem Griechischen stammende Wort bedeutet so viel wie „schöne Bewegung“.

Eine Schule dafür habe das Paar in einer kulturell lebendigen Großstadt etablieren wollen, ist beim Eurythmeum zu erfahren. Die Studierenden sollten sich „in die Eurythmie vertiefen und gleichzeitig den Austausch und die Auseinandersetzung mit anderen künstlerischen Strömungen pflegen“. Mit dieser Aufgabe betrauten sie 1921 Alice Fels, die in Freiburg Kurse der „beseelten sichtbaren Sprache“ und des „sichtbaren Gesangs“ gab. Sie entschied sich für Stuttgart, bot dort Kurse an. Der Standort war ein Zentrum des modernen Tanzes – und wurde nun auch eines der Eurythmie. Früh gab es ein Eurythmieensemble, später benannt nach Else Klink, die die Institution von 1935 bis 1991 leiten sollte.

Mehr als nur Buchstaben zu tanzen

Die Bewegungsphilosophie stand von Anfang an auch bei den Waldorfschulen auf dem Lehrplan. Manche Absolventinnen und Absolventen der beiden Stuttgarter Waldorfschulen auf der Uhlandshöhe und am Kräherwald erzählen schmunzelnd, wie oft sie gefragt wurden, mal ihren Namen zu tanzen – nach dem Eurythmie-Alphabet, mit dem man individuelle Gesten und Klänge ausdrücke. „Eurythmie ist mehr“, betonen einige, Laut- und Toneurythmie beschreibend. Es gehe darum, durch Gebärden und Rhythmus die Elemente der Sprache und der Musik offensichtlich und fühlbar zu machen mit dem eigenen Wesen, der Seele, dem Geist. Professionelle Eurythmisten bräuchten außerdem Kenntnisse in Poetik, Anatomie, Musiktheorie, Farbenlehre, Lyrik, Rezitation, das letzte nannte Marie Steiner-von Sivers Sprachgestaltung.

Das Feld ist weit. Neben der Bühnen- und Kunsteurythmie gibt es Pädagogische Eurythmie, Therapeutische Eurythmie, also Heileurythmie, Vitaleurythmie, Eurythmie im Sozialen, etwa in Firmen, Jugendprojekten oder für Senioren. „Die Eurythmie ist ein Lernfeld, in dem ich viel über mich erfahre, körperlich wie seelisch. Sie hilft mir, mich zu entwickeln“, sagt Christina Lossen, Studentin am Eurythmeum. Ihre Kommilitonin Sophie Müller betont, es helfe, Seelenreiche zu entdecken. „Sie ermöglicht mir einen vertiefenden Zugang zur Welt.“

Das Jubiläumsprogramm des Else-Klink-Ensembles zum Festwochenende im Stuttgarter Eurythmeum vom Freitag bis Sonntag ist ausverkauft. Aber das Ensemble geht mit „Chiaroscuro“ auf Tour. Es ist etwa am 2. Oktober an der Freien Waldorfschule Überlingen zu sehen.

100 Jahre Eurythmeum in Stuttgart

Festwochenende
Das Jubiläumsprogramm des Else-Klink-Ensembles zum Festwochenende vom Freitag, 27. September, bis Sonntag, 29. September, ist ausverkauft. Aber das Ensemble geht mit „Chiaroscuro“ auf Tour. Es ist etwa am 2. Oktober um 20 Uhr an der Freien Waldorfschule Überlingen zu sehen. Weitere Tourorte unter www.eurythmeumstuttgart.de/kalender/veranstaltungen

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Waldorfschule