Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel „Jede Sportart hat ihre Droge“

Fritz Sörgel schaut genau hin: Der Anti-Doping-Experte brandmarkt den Leistungsbetrug im Sport. Foto: dpa
Fritz Sörgel schaut genau hin: Der Anti-Doping-Experte brandmarkt den Leistungsbetrug im Sport. Foto: dpa

Fritz Sörgel ist einer der führenden Anti-Doping-Experten in Deutschland. An sauberen Spitzensport glaubt er schon lange nicht mehr – erst recht nicht in Russland: „Dort wurde über Jahre hinweg Staatsdoping betrieben“, sagt Sörgel im Interview.

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Stuttgart/Nürnberg - Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel über den russischen Sport, die vielen Meldoniumfälle und die Olympischen Doping-Spiele in Rio.

Herr Sörgel, die einstige Sportnation Russland zerfällt gerade in ihre Einzelteile, weil immer neue Dopingskandale bekannt werden. Haben Sie Mitleid?
Nein! Russland hat sich selbst in diese Lage manövriert. Die schlimmen Vorfälle, die zuletzt bekannt wurden, sind lediglich ein weiterer Beweis dafür, dass in Russland über viele Jahre hinweg Staatsdoping betrieben wurde – so wie wir es in Deutschland aus längst vergangenen Zeiten der DDR kennen.
Muss Russland von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden?
Alles andere als eine saftige Strafe, wie diesen Ausschluss, würde doch niemand mehr verstehen. Russland gehört auf die Anklagebank. Auf Staatsdoping muss reagiert werden. Nur das wäre anderen Ländern, in denen auch gedopt wird, eine Warnung.
In Russland gab es zuletzt enorm viele Sportler, die mit Meldonium erwischt wurden: Wenn Sie herzkrank wären, würden Sie dann Meldonium nehmen?
Natürlich nicht!
Warum nicht? Es ist doch ein Medikament für Herzpatienten.
Weil Meldonium, das ein lettisches Pharmaunternehmen herstellt, in keinem Land, in dem es eine einigermaßen kritische klinische Prüfung gibt, eine Zulassung als Medikament hat.
Wann soll Meldonium helfen?
Beim klassischen Angina-pectoris-Anfall, der auftreten kann, wenn die Arterien der Herzkranzgefäße verkalken. Aber dafür gibt es viel geeignetere Medikamente.
Warum haben so viele Sportler, vor allem aus Russland, Meldonium eingeworfen?
Die angebliche Wirksamkeit – eine bessere Durchblutung und damit Sauerstoffversorgung des Gewebes – ist in der Literatur beschrieben. Und jeder Spitzensportler hat in seinem Umfeld Mediziner, Pharmakologen oder andere vermeintliche Experten, die immer schauen, ob in der Fachliteratur irgendwo das Wort Leistungssteigerung auftaucht.
Und dann?
Wird experimentiert auf Teufel komm raus, und das nicht nur im Spitzen-, sondern auch im Breitensport, wo es auch einen großen Medikamentenmissbrauch gibt. Manche Hobby-Marathonläufer nehmen vor dem Start bis zu zehn Aspirin. Wenn dann ein Stoff wie Meldonium nicht auf der Dopingliste steht, verbreitet er sich allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda in der Sportszene rasend schnell. Bis hin zur massenhafte Einnahme in Russland oder der Ukraine.
Obwohl es keinen Beweis gegeben hat, dass die Substanz tatsächlich die Leistung steigert?
Genau. Ich denke, dass Meldonium nichts bringt – allerdings habe auch ich keinen Beleg dafür. Die veröffentlichten Meinungen schwanken zwischen Placebo, Dopingmittel und Dopingallheilmittel. Das passt aber ins Bild: Ich glaube, dass schon viele Sportler gesperrt wurden, weil sie ein Mittel eingenommen haben, das ihnen objektiv gar nichts gebracht hat, sondern dessen Wirkung nur Einbildung war.
Fakt ist, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Meldonium am 1. Januar auf ihre Verbotsliste gesetzt hat.
Ob zurecht, da bin ich mir nicht sicher. Deshalb ist es gut, dass es nun weitere Studien zur Wirksamkeit gibt.
Und auch zur Nachweisbarkeit im Urin. Angeblich könnte es sein, dass Meldonium noch mehrere Monate nach der Einnahme im Körper zu entdecken ist. Nun schöpfen viele überführte Athleten neue Hoffnung.
Ich meine: vergeblich. Der Stoff Meldonium hat uns viel gelehrt. Auch wenn im Anti-Doping-Labor in Köln sicher hervorragende Arbeit geleistet wird, und auch wenn ein Sportler größere Mengen Meldonium genommen hat – ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Substanz länger als acht Wochen nachweisbar ist. Nur wenn sich ein Athlet praktisch mit Meldonium einsalzt, behält er es auch sehr lange.
Das heißt im Umkehrschluss: Alle Athleten, die seit 1. März mit Meldonium erwischt wurden, sind Doper.
Ja – ohne dass ich damit sagen will, dass das Mittel, das sie genommen haben, auch tatsächlich leistungssteigernd war. Aber sie wollten zumindest ihre Form auf betrügerische Art steigern. Und schon das zählt als Kriterium für Doping. Wirkung hin oder her.

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