Antidepressiva und Sex Depressiv – und keine Lust mehr auf Sex

Manche Medikamente, wie zum Beispiel Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, können sexuelle Funktionsstörungen auslösen. Foto: Fotolia/psdesign1

Antidepressiva helfen vielen Menschen durch eine schwere Depression. Allerdings können sie Nebenwirkungen haben. Viele Patienten beklagen sexuelle Funktionsstörungen. Was kann helfen?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Wer unter einer schweren Depression leidet, hat häufig andere Sachen im Kopf als Sex. So gehört die sexuelle Unlust auch zu den häufigen Symptomen einer depressiven Erkrankung oder auch anderer psychischer Erkrankungen wie Angst-, Zwangs- und Essstörungen sowie Süchten. Allerdings geht es vielen Erkrankten irgendwann auch wieder besser. Was bleibt, ist dann oft: keine Lust auf Sex. Oder es funktioniert schlicht nicht mehr.

 

„Ja, Depressionen an sich können häufig zu Libidoverlust führen“, sagt der Psychiater Jan Dreher, Chefarzt der Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie Königshof in Krefeld. Reine sexuelle Funktionsstörungen seien in der Regel aber eher auf das jeweilige Medikament zurückzuführen.

Für viele Erkrankte ist das Thema immer noch ein Tabu

In ärztlichen Gesprächen ist das Thema für viele Patienten immer noch häufig ein Tabu – daher war lange auch nicht klar, dass bestimmte Medikamente gegen psychische Erkrankungen wie Antidepressiva oder Neuroleptika tatsächlich sexuelle Probleme bereiten können. Inzwischen weiß man: Sehr häufig sind diese Medikamente der Grund für die sexuelle Unlust oder Probleme wie Anorgasmie bei Frauen und Ejakulationsstörungen oder Impotenz bei Männern. „Es ist eine sehr häufige Nebenwirkung, die in der Regel aber abklingt, wenn das Medikament abgesetzt wird“, sagt Dreher. Lange hätte man dies Patienten nicht geglaubt. „Aber die erfinden das ja nicht einfach.“

Über 2000 Einträge listet die medizinische Datenbank Pub Med zu den Stichwörtern Antidepressiva und sexuelle Funktionsstörungen. Die Stiftung Warentest schreibt in einer Zusammenfassung, dies betreffe vor allem die Medikamente aus der Gruppe der Selektiven-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) – der heutzutage am häufigsten verschriebenen Wirkstoffgruppen bei Depressionen. Allein in Deutschland werden mehr als 1,5 Millionen Tagesdosen dieser Mittel verschrieben.

Bei SSRI kommen sexuelle Funktionsstörungen sehr häufig vor

Die Forscher Alessandro Serretti und Alberto Chiesa vom Institut für Psychiatrie an der Universität Bologna haben in einer Meta-Analyse herausgefunden, dass 26 bis 80 Prozent der Patienten, die SSRI/ SNRI bekommen, unter sexuellen Störungen leiden – im Vergleich zum ebenfalls eingesetzten Placebo. Keinen Unterschied zur Placebostudie wurde wiederum bei anderen antidepressiven Wirkstoffen wie zum Beispiel Agomelatin, Amineptin, Bupropion, MAO-Hemmern Mirtazepin und Nefazodon gefunden. Die Forscher schließen daraus, dass von diesen Wirkstoffen keine sexuelle Störungen ausgehen.

Seit 2019 müssen die Beipackzettel dieser Antidepressiva laut der Europäischen Arzneimittelagentur den Warnhinweis enthalten, dass SSRI/SNRI nicht nur sexuelle Funktionsstörungen auslösen können, sondern dass diese auch noch lange nach dem Absetzen anhalten können. Denn bei einigen Patienten kann in seltenen Fällen die Störung nicht abklingen, selbst wenn sie die Medikamente längst abgesetzt haben. Bei manchen dauert es tatsächlich Monate oder gar Jahre, bis die sexuellen Probleme aufhören.

Lange ging man aber genau davon aus, nämlich dass die sexuellen Probleme mit dem Absetzen einfach wieder verschwinden – eine wissenschaftliche Grundlage gab es allerdings nicht zur Annahme. Inzwischen gibt es aber zumindest etwas Forschung zu dem Thema und auch einen Namen: Post-SSRI sexual dysfunction (PSSD/deutsch: persistierende sexuelle Funktionsstörung nach dem Absetzen von SSRI/SNRI). „Das ist allerdings sehr selten“, sagt Jan Dreher. Forscher gehen von einem einstelligen Prozentbereich an Patienten aus, die nach dem Absetzen der Medikamente langwierige Probleme haben.

Die neurologischen Hintergründe von PSSD sind ebenfalls unklar, wie ein israelisches Forscherteam in einem aktuellen Beitrag in der Fachzeitschrift „Sexual Medicine Reviews“ schreibt. Die Behandlung sei deshalb herausfordernd, viele Strategien hätten bisher bei Patienten nicht angeschlagen. Es fehle vor allem an Forschung, wie diesen Patienten geholfen werden könne.

Bis heute werden die Relevanz und die Häufigkeit des Problems daher auch von vielen Ärzten unterschätzt. In Internetforen wie zum Beispiel adfd.org, auf dem sich Nutzer über Nebenwirkungen von Antidepressiva und Probleme beim Absetzen austauschen, werden sehr häufig sexuelle Funktionsstörungen und vor allem Impotenz beklagt – und auch die Ignoranz vieler Ärzte. Vor allem Frauen beklagen, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie über sexuelle Unlust klagen.

Ein Medikamentenwechsel ist oft hilfreich

„Die Sensibilität des Arztes ist sehr wichtig“, sagt Dreher. Wenn seine Patienten die Thematik sehr belastet, versucht er, auf andere Medikamente umzusteigen wie zum Beispiel Bupropion. Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der Amphetamine und wird auch zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. „Das macht diese Nebenwirkung gar nicht“, sagt Dreher.

Eine andere Alternative wäre aus seiner Sicht, die Dosis herunterzusetzen oder das Medikament ganz abzusetzen. „Bei Kranken, die in der Klinik im Bett liegen, ist das nicht immer möglich, aber auch nicht notwendig. Für die spielt Sex zunächst einmal ohnehin in dem Moment keine so große Rolle“, sagt Dreher.

Aber allgemein ist Dreher der Meinung, dass in Deutschland Antidepressiva ohnehin zu schnell verschrieben werden. „Bei starken Ängsten, Zwangsstörungen und schweren Depressionen sind das sehr wirkungsvolle Mittel“, betont er. Aber wenn jemand eine depressive Phase aufgrund von Beziehungsproblemen oder einer Trennung habe, warte er häufig erst einmal ein paar Wochen ab oder empfehle eine Psychotherapie.

Ein Medikament sei daher nicht bei jedem Patienten notwendig, sodass ein langes Leiden unter sexuellen Funktionsstörungen aus medizinischer Sicht nicht zwingend in Kauf genommen werden müsse.

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