Antiheld in Stuttgart Sie kommen, um zu feiern

Von Thomas Morawitzky 

„Hier spielten schon fucking Nirvana!“ Die Band Antiheld, die vor wenigen Monaten ihr Album „Goldener Schuss“ veröffentlicht hat, tritt zweimal im LKA auf und singt von Stuttgarter Nächten.

Eindrücke vom Konzert von Antiheld in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig 8 Bilder
Eindrücke vom Konzert von Antiheld in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Bei all den Helden, die Jahr um Jahr über die Bühne der Popularmusik rennen, musste auch er irgendwann dort auftauchen: der Antiheld. Die Band, die sich sympathischen Verlierer­typus vieler Geschichten benannt hat, kommt aus Stuttgart, erschien vor fünf Jahren auf der Szene, hat auf Festivals und als Support von Mainstream-Größen gespielt und schon zwei Alben vorgelegt – „Goldener Schuss“, so heißt das jüngste, ist gerade drei Monate alt.

Am Donnerstag geben Antiheld das erste von zwei Konzerten in Folge im LKA. Während der Auftritt am Freitag ausverkauft ist, ist die Halle bei der nachträglich hinzugekommenen Zusatzshow am Donnerstag nur zu einem Viertel gefüllt. Für Antiheld allerdings sind die ­Konzerte in Wangen trotzdem eine ganz große Sache, die sie gründlich auskosten möchten. „Hier spielten schon fucking Nirvana!“, ruft der Sänger Luca Opifanti irgendwann einmal ins LKA hinaus, und seine Stimme zittert dabei, vielleicht vor Glück.

Irgendwo zwischen Selig und den Toten Hosen

Antiheld trauen sich was, konsequent. Sie sind gekommen, um zu feiern. Das kleine Publikum, vor dem sie spielen, feiert enthusiastisch mit ihnen. Und die Band, die auf ihrem neuen Tonträger klingt wie eine junge Rockband mit Texten, die von Schnaps und Liebe handeln, entpuppt sich auf der Bühne als ein ausgelassen spielfreudiges Ungeheuer, ganz beispiellos. Luca Opifanti pflegt eine kehlig raue Stimme, schlägt die akustische Gitarre; neben ihm der Gitarrist André Zweifel und der Bassist Matze Brendle, hinter ihm der Schlagzeuger Arne Brien. Henry Kasper spielt kein Keyboard, sondern das Akkordeon, setzt sich manchmal auch zum Boogie ans Klavier.

Dann beschwört Luca Opifanti Stuttgarter Nachtszenen herauf: „So, Ladies and Gentlemen“, sagt er, „verehrte Rock‘n’Roll-Hauptstadt“ – er meint Stuttgart. „Wir stellen uns jetzt vor, wir wären die letzten Assis, morgens um halb Fünf, die ins Oblomow nicht mehr reinkommen.“

Antiheld platzieren sich raubeinig irgendwo zwischen Selig und den Toten Hosen, singen von der großen und der verschütteten Liebe, toben ausgelassen für ihre Fans über die Bühne, verströmen Selbstbewusstsein in alle Richtungen – eine Band, die sehr genau weiß, was sie will und kann und die so viel offenkundigen Spaß an ihrer Musik hat, dass ihr gar keine Zeit bleibt, um sich zu verbiegen. Nenas Hit „99 Luftballons“ kommt bei ihnen als gitarrenschwere Rockballade mit Seitenhieben auf Zeitgeist und Flüchtlingspolitik, die scharfe Absage an Rechts darf nicht fehlen, und selbst dann, wenn Luca Opifanti gegen Nazis schimpf, hat das noch Charme. Antiheld, das verrät der Sänger nebenbei, arbeiten schon an ihrem dritten Album.