Antilopen Gang im Stuttgarter Wizemann Antifantastisch

Humor ist Tragödie plus Zeit: die Düsseldorfer Antilopen Gang. Foto: Robert Eikelpoth /Pressebild
Humor ist Tragödie plus Zeit: die Düsseldorfer Antilopen Gang. Foto: Robert Eikelpoth /Pressebild

Mit Pop, Spaß und Revolution: Die Hip-Hop-Punks von der Antilopen Gang haben im Stuttgarter Wizemann musiziert und politisiert.

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Stuttgart - „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können“, rufen Danger Dan, Koljah und Panik Panzer den rund 1100 Zuschauern am Sonntagabend im Wizemann zu. Einem Großteil des Publikums scheint der Querverweis auf die Hamburger Punklegende Slime geläufig zu sein. Denn prompt ruft es zurück: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ Und ja: auch hier steht „Deutschland“ für alles Negative.

„Outlaws“ heißt das Lied der Antilopen Gang, und die Düsseldorfer Hip-Hop-Band überzeichnet dabei grandios das Wir-Gefühl von denen, die sich mit Rassismus, Sexismus, stumpfer Kultur, Zeitgeist und Parteien wie der AfD nicht abfinden wollen. Die Antilopen Gang lebt das Veto und trägt ihre Gründe vor – so gefällig, wie eben möglich, aber auch wortgewaltig und akzentuiert.

Sie selbst gehen dabei mit bestem Beispiel voraus und reißen Grenzen ein, wo sie welche finden. Spätestens beim „Goldenen Presslufthammer“ wird das launige Hip-Hop-Armgewedel plötzlich zu rüpeligem Punkrock mit Bass, Schlagzeug, Gitarre und Faust. Im Publikum üben sich eigens aus München angereiste Fans, junge Punks, Hip-Hopper und ein junger Mann im Trikot des 1. FC Kaiserslautern im Rempeltanz, daneben amüsieren sich angegraute Alt-Punker mit ihren Sprösslingen, alle vereint im kleinsten gemeinsamen Nenner: in Menschlichkeit und einem Misstrauen gegenüber Dingen, die „eben so sind“. Das ist Rapmusik auf dem Fundament von Punk, und das Thema ist nicht die eigene Geilness, sondern die Unzufriedenheit mit der Lebensrealität.

Hört Beate Zschäpe U2?

Blödsinn gibt’s auch, keine Frage: „Jeder, der behauptet, Antilopen können nicht rappen, lehnt sich zu weit aus dem Fenster wie der Sohn von Eric Clapton“ – da wird der Spaß runtergebrochen auf die alte Woody-Allen-Rechnung: Humor ist Tragödie plus Zeit. Beziehungsweise: Irgendwann wirst du darüber lachen. Sehr berechtigte Zweifel bleiben dennoch, ob Clapton je über den Tod seines damals vierjährigen Sohns lachen wird, der 1991 aus einem Fenster im 54. Stock eines Hochhauses fiel.

Feinsinniger erscheint da „Anarchie und Alltag“, der Titel ihrer dritten Platte, eine Referenz an die ebenfalls aus Düsseldorf stammende Post-Punk-Legende Fehlfarben und deren Debüt von 1980: „Monarchie und Alltag“. Die Antilopen Gang bereitet all das für ihre Generation auf. Und hier bedeutet die „Mitte der Gesellschaft“ eben: „Beate Zschäpe hört U2“.

Einst war diese Form des spaßigen Politisierens die Arbeit der Toten Hosen, der Ärzte oder der Anarchist Academy – heute übernehmen das Feine Sahne Fischfilet oder eben die Antilopen Gang. Nichts daran ist verkehrt. Und natürlich rennen sie bei ihren Fans damit offene Türen ein. Doch Bands mit derartigem Popappeal sprechen eben auch Menschen an, die noch zögern, durch diese Türen zu gehen. Deshalb ist die Antilopen Gang eine der derzeit wichtigen deutschen Popgruppen. Ein verschwitzer Junge ruft nach neunzig Minuten „Alerta, Alerta! Antifascista!“ und dann „Flughafen!“, weil das wie „Zugabe“ klingt. Und darum geht es hier auch: gelebter Antifaschismus von Leuten, die trotzdem lachen können.


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