Antilopen Gang in Stuttgart Rap-Reime gegen Wirrköpfe

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Die Antilopen Gang erzählt nicht von dicken Autos oder wie sie Frauen abschleppt. Vielmehr feiern die drei Rapper mit politischem Deutschrap Erfolge. Am Samstag spielen sie in Stuttgart.

Koljah, Danger Dan und Panik Panzer haben mit protzig auftretenden Rappern  wie Bushido   nichts zu schaffen. Foto: Thomas Schermer
Koljah, Danger Dan und Panik Panzer haben mit protzig auftretenden Rappern wie Bushido nichts zu schaffen. Foto: Thomas Schermer

Stuttgart - Rapper erzählen in ihren Texten gerne von dicken Autos und davon, wie sie sich in ihrem Viertel durchgeboxt, wie sie Konkurrenten umgehauen und Mädchen rumgekriegt haben. Rapper erzählen eher nicht davon, dass sie in der Schule gemobbt wurden und deswegen alleine auf dem Pausenhof herumgestanden sind. Sie tragen auch selten Mützen, auf denen der Schriftzug „Pro Homo“ prangt, also zur Solidarität mit Homosexuellen aufgefordert wird. Bislang jedenfalls.

Einen gegenläufigen Trend könnte nämlich die Antilopen Gang setzen. Diese Band ist ein bisschen anders als der Hip-Hop-Mainstream – Koljah, Panik Panzer und Danger Dan dichten bissige, oft auch sehr lustige Verse, ohne genretypisch ultramaskulines Gebaren. „Ja, wir sind die Außenseiter / Leute, die so sind wie wir, gibt’s da draußen haufenweise / Wir sind die Armee der Kaputten und der Hässlichen“, heißt es in dem Song „Outlaws“; in dem Stück erzählen sie davon, wie es war, in der Schule ausgegrenzt zu werden. Wie könnte man jetzt das Verhalten derer kopieren, unter denen man als Heranwachsender gelitten hat, nur weil es die Codes einer Szene verlangen?

Endlich politischer Deutschrap

Mit protzig auftretenden Rappern wie Bushido oder Prinz Porno haben die Antilopen nichts zu schaffen. Genauso wenig wie mit dem pädagogisch wertvolleren Deutschrap, der in den Neunzigern boomte, aber so harmlos daherkam, dass er für Abiturientenbälle taugte. „Im Beruf ein Konkurrent, zuhause Vorzeigeknabe / Ihr kommt pünktlich zum Meeting und zahlt pünktlich die Miete / Widersprecht nie dem Chef, um keine Kündigung zu kriegen“, polemisieren die Antilopen gegen einen wohlfeilen Konformismus.

Wie auch gegen dessen hässlichere Verfallsform: die Zusammenrottung des Mobs auf den Straßen. In fast schon unheimlicher Vorwegnahme der Pegida-Aufmärsche heißt es in dem Song „Anti Alles Aktion“: „Wenn die Massen sich erheben / schmeiß’ ich aus dem Flugzeug eine Brandbombe auf Dresden“. Diese wütende Attitüde und die ruppigen Parolen erinnern eher an Punkbands wie Slime oder Die Golden Zitronen als an die zahmen Reime Cros oder das irre Gehampel von Deichkind. Hier ist der Deutschrap, bei dem es endlich mal schön politisch wird!

„Beate Zschäpe hört U2“

Außerhalb von Hip-Hop-Zirkeln bekannt wurde die Antilopen Gang vor allem durch das Stück „Beate Zschäpe hört U2“. Dieser Song, der die Verbreitung rechts­extremer Ideologie in der Mitte der Gesellschaft thematisiert, verschaffte den Musikern unerwartetes Medieninteresse. „Wir haben damit wohl einen Nerv getroffen. An dem Tag, als wir das Video zu dem Stück gedreht haben, fand die Hogesa-Demo in Köln statt, kurz darauf nahm die Pegida-Bewegung ihren Anfang“, sagt Koljah. Plötzlich berichtete das Fernsehen über die bereits seit 2009 bestehende Band, eine Sendung im Deutschland­­radio übte sich an dem Lied in der Kunst der Textexegese. Und es flatterte das Schreiben einer Anwaltskanzlei bei der Plattenfirma ein.

Der Verschwörungstheoretiker und ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen leitete rechtliche Schritten gegen die Antilopen ein: Er fühlte sich von einer Passage von „Beate Zschäpe hört U2“ verunglimpft, in der unter anderem er als Antisemit bezeichnet wird. Jebsen hatte wegen wirrer politischer Äußerungen 2011 seinen Job beim Rundfunk Berlin-Brandenburg verloren. Inzwischen betreibt er das Internetportal KenFM und ist auch gern gesehener Redner bei Veranstaltungen wie den „Mahnwachen für den Frieden“, auf denen sich allerhand politische Irrlichter versammeln.

Der Streit mit Jebsen bringt ordentlich Publicity

Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass Jebsen auf Anraten des Landgerichts Köln, das auf die Kunstfreiheit verwies, seinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung zurückgenommen hat. „Es war ohnehin nicht so, dass wir wegen der Angelegenheit allzu viel Bammel hatten“, sagt Koljah. „Der Tenor der Berichterstattung richtete sich ja ebenfalls eher gegen Jebsen. Das hat er wohl schließlich selbst gemerkt.“ Trotzdem sei das zugrunde liegende Problem nach wie vor vorhanden. „Es geht uns ja nicht um Einzelpersonen, sondern um gesellschaftliche Tendenzen. Und es gibt immer noch genug denkfaule Leute, die ein diffuses Unbehagen an der Gegenwart verspüren und die für die einfachen Erklärungen, die Verschwörungstheorien anbieten, empfänglich sind“, sagt der Rapper.

Den Musikern bescherte die Auseinandersetzung mit Jebsen jedenfalls ordentlich Publicity. Gleich mehrfach in den vergangenen Wochen haben sie auf ihrer Website bekannt gegeben, dass Konzerte der aktuellen Tour ausverkauft sind oder wegen der großen Nachfrage in größere Clubs verlegt werden mussten. Die im November erschienene Platte „Aversion“, die das Trio in Koljahs Düsseldorfer Wohnung aufgenommen hat, ist das erste kommerziell vertriebene Album der Antilopen.

Der Name der Band lässt sich übrigens am besten als Wortspiel aus den Begriffen „Anti“ – eine Reminiszenz an den Geist des Punkrocks – und „Opel Gang“ aufschlüsseln, dem Titel der ersten Platte der Toten Hosen. Auf Youtube gibt es einen witzigen Song, in dem Koljah sich als glühender Fan der Düsseldorfer Band zu erkennen gibt. Dadurch wurde deren Plattenlabel auf die Antilopen aufmerksam und nahm sie schließlich 2014 unter Vertrag. Die im Internet zu lesende Story, die Musiker seien beim Verspeisen von Antilopenfleisch auf die Idee zu dem Bandnamen gekommen, darf man dagegen als reichlich krude Theorie verbuchen – wenn auch als eine vergleichsweise harmlose.