Antiquar Herbert Blank feiert 90. Geburtstag Die Legende aus der Bücherwelt

Geistig frisch und fleißig wie immer: der Antiquar Herbert Blank wird am Donnerstag 90 Jahre alt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Bei ihm kauften Hans L. Merkle, Helmut Kohl, Roman Herzog und Frank Schirrmacher – der Antiquar und Herr von 20 000 Büchern, Herbert Blank, wird 90 Jahre alt. Sein größter Coup glückte ihm im Jahr 2001.

Stuttgart - Herbert Blank betrachtet die allgemeine Lage gerne mit einem Schuss schwarzen Humors: „Wenn ich in die Zeitungen schaue und die Todesanzeigen lese, dann erfahre ich, dass immer mehr meiner alten, treuen Sammler und Kunden sterben.“ Er selbst nimmt’s mit Wehmut, aber auch mit Gelassenheit und der Disziplin der alten Schule: „Ich weiß schon jetzt, was ich meinen Kunden zur nächsten Stuttgarter Antiquariatsmesse anbieten werde. Ich arbeite bereits an meinem Katalog für den Januar 2020.“ Näheres verrät er natürlich nicht. Ohne seine tägliche Arbeit, ohne seine 20 000 Bücher im Haus an der Melonenstraße in Riedenberg, ohne den stetigen Kontakt zu Kunden und Kollegen ist Herbert Blank, der älteste, noch immer aktive Antiquar in Deutschland nicht zu denken. Passion und Beruf sind bei ihm eins, die Bücher seine Berufung.

 

Schicksalhafte Begegnung in Stuttgart

In Nürnberg ist Herbert Blank geboren, aufgewachsen bei seiner Großmutter. Schon auf dem Gymnasium interessierte er sich für die Weltgeschichte und das Theater, wollte Sänger und Regisseur werden, wirkte als Statist an der Oper mit. Im Juli 1944 überlebte er, halb verschüttet im Keller, einen Bombenangriff. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, machte sich der 16-Jährige heimlich auf, wanderte zu Fuß in Richtung Südwesten, verdingte sich auf Bauernhöfen, wurde Bäckerlehrling, allerdings nur für kurze Zeit – seine Träume kreisten mehr denn je um die Literatur und das Theater. Eine schicksalhafte Fügung brachte Herbert Blank 1946 nach Stuttgart: Der Richter Erich von Houwald und seine Frau Erika von Tessin nahmen ihn auf, ermöglichten dem jungen Mann den Besuch der Waldorfschule auf der Uhlandshöhe; das Ehepaar hatte drei Söhne – alle waren im Weltkrieg gefallen.

Blank sagt im Rückblick: „Es war mein großes Glück, dass mir diese beiden Menschen geholfen haben.“ Er nutzte die sich ihm bietenden Chancen, vertiefte sich in die Philosophie, in die Mathematik, verzichtete gerne auf das Abitur, begann statt dessen eine Lehre als Buchhändler bei Koch, Neff & Oettinger. „Ich wollte nicht mehr zur Schule, sondern etwas praktisches Arbeiten“, sagt er im Nachhinein.

1951 startet er seine Laufbahn

Anfang 1951 begann Herbert Blanks erstaunliche Laufbahn, zunächst als Buchhändler, später als Antiquar. Von Mitte der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre leitete er den Stuttgarter Verlag Freies Geistesleben, gab eine gelehrte Buchreihe heraus, die sich unter anderem mit Goethe und Schiller beschäftigte, aber auch mit dem Anthroposophen Rudolf Steiner. Als Verleger hielt Blank engen Kontakt zu Schriftstellern, hielt Vorträge, gab Seminare, trug sich mit dem Gedanken ganz ans Theater zu gehen. Schließlich blieb er doch bei seinen Büchern: „Im Oktober 1965 habe ich mich selbstständig gemacht als wissenschaftliches Antiquariat. Ich wollte mein eigener Herr sein“, sagt er.

Die Geschichte mit Bosch-Chef Merkle

Seit 1970, also seit knapp einem halben Jahrhundert, hat der Name Herbert Blank in den deutschen und internationalen Bücherwelten einen besonderen Klang. Seine jährlichen Kataloge sind längst so legendär wie er selbst. Als Richard von Weizsäcker Bundespräsident war, erwarb das Präsidialamt regelmäßig bibliophile Seltenheiten, um sie als wertvolle Gastgeschenke im Ausland zu überreichen. Blank erinnert sich: „Als der Bundespräsident in Polen Lech Walesa besuchte, überreichte er ihm die Erstausgabe von Immanuel Kants ,Zum ewigen Frieden´.“ Als sich eines Tages am Telefon ein Mann meldete und sagte, er sei Hans Merkle und interessiere sich für die Klassiker, da merkte Herbert Blank lange Zeit gar nicht, um wen es sich da tatsächlich handelte: um Hans L. Merkle, den „Gottvater“ an der Spitze des Weltkonzerns Bosch. Aber auch Roman Herzog, Helmut Kohl, Klaus Kinkel, Jürgen Rohwedder, Frank Schirrmacher und Otto Schily zählten zu seinen ambitionierten Kunden. Leider ist es wahr: Die Gruppe der besonders belesenen Bildungsbürger schrumpf, Herbert Blank sieht es mit Betrübnis.

In den neunziger Jahren veranstalteten Blank und seine 2014 verstorbene Frau Inge Thöns in ihrem Haus an der Melonenstraße unvergessene Autorenabende: Arnold Stadler und Johannes Poethen lasen dort, auch Peter Bichsel und Hilde Domin, Hermann Lenz und Siegfried Lenz, Durs Grünbein und Urs Widmer, um nur einige zu nennen. In Erinnerung an seine Frau hat Herbert Blank erst vor wenigen Monaten ein gemeinsames Buch über die jüdisch geführte Buchhandlung der vor den Nazis geflohenen Exilanten an der Rue Vignon in Paris vollendet und veröffentlicht – ein berührendes Werk.

Blanks größter Coup

Im Jahr 2001 glückte Herbert Blank sein größter Coup. „Über viele Jahre hinweg hatte ich akribisch die etwa 200 Bände umfassende, private Bibliothek von Franz Kafka nachgesammelt; ich habe die Liste seiner Bücher.“ Als Porsche seinerzeit in Prag eine Niederlassung gründete, stifteten die Autobauer aus Zuffenhausen der dortigen Kafka-Gesellschaft die beim Stuttgarter Antiquar erworbene Sammlung – ein weltweites Echo in der Szene der Antiquare und der Büchersammler machte den genialen Kenner und Könner aus Riedenberg berühmt.

Herbert Blank hat allerdings nie ein Ladengeschäft geführt, eine Internetseite von ihm und über ihn sucht man vergeblich. Das war und das wird nicht seine Welt. „Seit 1971 habe ich jedes Jahr einen Stand auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse, damals liefen die Anfänge im Gustav-Siegle-Haus.“

Am 19. Juni vollendet Herbert Blank, geistig frisch und fleißig wie eh und je, sein 90. Lebensjahr. Seiner Gesundheit gibt er selbst das Prädikat „zufriedenstellend“, seine Bücher, seine zwei Söhne, seine Sammler und Weggefährten halten ihn auf Trab. Im Januar 2020 will er wieder präsent sein auf „seiner“ Büchermesse im Kunstgebäude – vielleicht zu letzten Mal, wie er andeutet. Schaun mer mal.

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