Stuttgart - Die einen streicheln die Katze, die andere ihre Zimmerpflanze. Im Hause von Lucius werden dagegen Bücher gestreichelt. Denn Akka und Wulf von Lucius interessieren sich nicht einfach für Bücher, nein, sie lieben sie leidenschaftlich. Nicht die billig gedruckten Blätter zwischen Pappdeckeln, sondern Bücher, die kleine Kunstwerke sind, weil sie liebevoll oder lustig illustriert wurden, kunstvoll oder kess – etwa mit einem knitzen Gesicht, das Picasso mit wenigen Strichen skizziert hat. Um die 12 000 Bücher besitzt das Paar, die genaue Zahl kennen sie selbst nicht. Gelesen haben sie natürlich nicht alle, angeschaut und gestreichelt aber sehr wohl.
In den nächsten Tagen finden wieder in Ludwigsburg und Stuttgart zwei große Antiquariatsmessen statt – und immer wieder hört man Klagen, dass keine passionierten Sammler nachkämen wie es Akka und Wulf von Lucius sind, die schon als junges Paar am liebsten in Antiquariate spazierten. Später bekamen die Kinder ein Eis in die Hand gedrückt, damit die Eltern in Ruhe stöbern können. Wulf von Lucius kann verstehen, dass es am Nachwuchs mangelt. „Um Bücher zu sammeln braucht man Stabilität“, sagt er, die fehlt, wenn man zum Beispiel plötzlich vom Arbeitgeber ins Ausland geschickt werde.
Für ein solches Hobby braucht man Platz
Aber auch die Wohnsituation, gerade auch in einer Stadt wie Stuttgart spricht nicht dafür, teuren Lebensraum an Bücher abzutreten. Das Ehepaar von Lucius hat dagegen Glück, es wohnt seit 42 Jahren in einem großzügigen Einfamilienhaus, aber freilich mussten trotzdem immer neue Regale angeschafft werden. Sogar ein Teil der Küche wurde geopfert und in ein Büchermagazin verwandelt. Fast im gesamten Haus sind die Regalböden schon zweireihig gefüllt. Eine Systematik gibt es nicht, die Bestände werden nach Format sortiert, weil alles andere zu viel Platz verbrauchen würde. „Deshalb gibt es traurige Tage“, sagt Wulf von Lucius, „weil ich etwas nach mehrstündigem Suchen immer noch nicht gefunden habe“.
„Wir sind einfach Sammler“, sagt Akka von Lucius, „wir haben dieses Gen“. Sie und ihr Mann staunen oft, wie leer die Wohnungen der jungen Leute heute sind. Sie dagegen mögen es, ihre Schätze um sich zu haben. „Alles griffbereit“ – sagt Wulf von Lucius und zieht schon wieder einen Band heraus mit lustigen Art-Déco-Sportmotiven. Man spürt die Begeisterung, „das ist doch köstlich“, sagen sie, „fabelhaft“ oder einfach nur „toll“.
Wulf von Lucius schaut sich auch gern den Stammbaum seiner Schätze an. Natürlich kleben auch die beiden in jedes neue Buch ihr „Ex libris“ ein, also das Namensschild der Besitzer. Früher war es ein großes, schön gestaltetes Zeichen, heute genügt den beiden ein kleines Lederblättchen mit ihrem Namen. Es freut Wulf von Lucius, dass sie damit in der Buchwelt „eine winzige Spur hinterlassen“.
Verkauft wird nichts – auch wenn sich die Regale biegen
Es kamen schon mehrfach Antiquare zu Besuch – in der Hoffnung, dass sich die beiden vielleicht von besonders wertvollen Exemplaren trennen, schließlich sind sie nicht mehr die Jüngsten. „Da weiß man, wo man steht“, sagt Akka von Lucius trocken. Aber Verkaufen kommt für sie nicht in Frage, nicht die Bücher zu ihrer Heimatstadt Heidelberg, die sie längst aufgehört haben zu sammeln. Und auch nicht die Werke, die sie versehentlich doppelt erworben haben. Wobei es bei dieser Leidenschaft eigentlich gar keine Dubletten gibt, schließlich ist die Druckqualität etwa von Lithografien in jedem Exemplar anders und jedes Buch damit einmalig.
Die beiden machen sich keine großen Hoffnungen, dass einer der drei Söhne die Sammlung weiterführen wird. Die Künstlerbücher, auf die sich die beiden im Lauf der Jahre konzentriert haben, fänden die Söhne zwar hübsch, mehr aber auch nicht. Einer hat in einem Auktionshaus volontiert, „Er wird schon für eine sinnvolle Verwertung sorgen“, sagt der Papa.
Ob die beiden auch ohne Bücher noch verheiratet wären?
Wulf von Lucius ist mit Büchern groß geworden, seine Mutter leitete in Jena den Gustav Fischer Verlag, in dem er später geschäftsführender Gesellschafter wurde. 1996 gründete er den Stuttgarter Fachverlag Lucius & Lucius. Mit Akka von Lucius scheint er die ideale Partnerin gefunden zu haben. Teure Fernreisen haben die beide nicht interessiert. „Ich habe auch nie ein Sportcabriolet oder ein Segelboot gehabt“, sagt er. Ob sie auch ohne ihr besonderes Hobby noch verheiratet wären? „Wir hätten etwas anderes gefunden“, sagt er überzeugt, „aber Sport wäre es nicht geworden.“
Manchmal allerdings wird Akka von Lucius aber doch bang angesichts der vielen Bücher. „Wir können uns nicht erlauben, noch sehr viel mehr reinzuschleppen“, sagt auch er. Aber es gibt ohnehin immer weniger Antiquariate, die zum Kauf verführen. Vollständigkeit war für die beiden nie wichtig. Sie sondieren zwar auch Kataloge, aber lieber stöbern sie und lassen sich überraschen – weshalb die Antiquariatsmesse und die Antiquaria sozusagen Höhepunkte ihres Jahres sind. Oft werden auf den Messen in Stuttgart und Ludwigsburg schon die Weihnachtsgeschenke besorgt. „So sind wir einfach“, sagt Akka von Lucius , während ihr Mann schon wieder überlegt, wen er als nächstes streicheln könnte – und schließlich einen großen Schinken mit weißem Rehleder-Einband aus dem Regal zieht.
Zwei Messen, zwei Preise
Der Preis für junge Sammlerinnen und Sammler, den der Verband Deutscher Antiquare verleiht, geht in diesem Jahr an Adela Sophia Sabban. Sie wurde 1992 geboren und hat Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie studiert und sich schon während des Studiums Verbindungen zwischen Literatur und Kunst interessiert. Die Initialzündung zum Sammeln lösten Stahlstiche von Wilhelm von Kaulbach für eine Gesamtausgabe von Goethes Werken aus. Sabban präsentiert auf der Antiquariatsmesse Stuttgart ihre Sammlung und ist am Sonntag um 15 Uhr zu Gast auf dem „Roten Sofa“.
Der 26.Antiquaria-Preis für Buch geht in diesem Jahr an den Autor und Grafiker Christoph Meckel. Er wird am 23. Januar um 20.15 Uhr in der Musikhalle in Ludwigsburg verliehen. Akka von Lucius war Mitglied der Jury.
Die Antiquariatsmesse Stuttgart im Kunstgebäude ist Freitag von 12 bis 19.30, Samstag 11 bis 18 und Sonntag 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Antiquaria Ludwigsburg findet in der Musikhalle Ludwigsburg statt am heutigen Donnerstag (15 bis 20 Uhr), Freitag von 11 bis 19 und Samstag 11 bis 17 Uhr.