Der Bochumer Rassismusforscher Karim Fereidooni klärt über Rassismus auf und zeigt Lösungswege auf. Foto: Stefanie Schlecht
Der Schulforscher Karim Fereidooni spricht beim Auftakt der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ am Kaufmännischen Schulzentrum Böblingen Klartext: Rassismus ist allgegenwärtig und auch an Schulen Alltag.
Von Mitschülern beleidigt, von Lehrkräften benachteiligt und vor der Klasse verbal herabgewürdigt werden, oder in der Gruppe einen verletzenden Witz über sich ergehen lassen – Rassismus tritt in unterschiedlichen Gewändern auf. Mal kommt er direkt, mal subtil daher. Immer aber hat Rassismus dieselben Ziele: Menschen werden abgewertet, und ihnen wird das Recht auf eine würdevolle und gleichwertige Behandlung abgesprochen.
Auch im Kreis Böblingen und seinen Schulen ist rassistische Ausgrenzung kein Randphänomen. Für viele der Mehrheitsgesellschaft dürften die Ergebnisse einer kleinen Schülerumfrage, die am Montag bei der Auftaktveranstaltung der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ im kaufmännischen Schulzentrum präsentiert wurden, wohl unangenehm gewesen sein: Mobbing, Sprüche und Ausgrenzung kennen die Schüler auch aus ihrem Schulalltag.
Trotz großer Vielfalt: Schulen sind kein rassismusfreier Ort
Für Professor Karim Fereidooni, Schulforscher an der Ruhr-Universität Bochum, sind diese Erkenntnisse keine Überraschung. Der Rassismusexperte forscht seit vielen Jahren zu dem Phänomen. Weil Fereidooni früher selbst Lehrer war, kennt er die Realitäten in Schulen. In seiner Rede betont Fereidooni ganz ohne Umschweife: „Es gibt keine Schule ohne Rassismus.“
Realität in der Schule und doch nicht immer von allen verinnerlicht. Foto: Stefanie Schlecht
Die bekannte Plakette an Schuleingängen – „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – weise zwar darauf hin, dass die Einrichtung Teil eines „rassismussensiblen“ Netzwerks sei, eine Garantie für einen rassismusfreien Ort sei dies aber nicht. Rassistische Denkweisen sind seit Jahrhunderten tief im menschlichen Verhalten verankert. Und zwar unabhängig davon, ob ein Mensch einen akademischen Titel habe oder bildungsfern sei. „Rassismus ist weit größer als die AfD. Er ist mitten in der Gesellschaft“, so Fereidooni.
Studien belegen: rechtsextreme Einstellungen nehmen zu
In den vergangenen Jahren erlebte Rassismus trotz seines konstanten Daseins noch einmal eine Steigerung, wie der Sozialwissenschaftler anmerkt: „Wir beobachten, dass die Akzeptanz von Vielfalt abnimmt.“ Studien belegen, dass die Zahl derer, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben oder antimuslimischen oder antijüdischen Äußerungen zustimmten, zunimmt.
Besonders groß sei die Ablehnung gegenüber muslimischen Menschen. „Der Satz ‚Muslime passen aufgrund ihrer Kultur nicht nach Deutschland’ erntet in Studien regelmäßig große Zustimmungswerte“, hebt Karim Fereidooni hervor. Der Rassismus, der Gruppen bestimmte kulturelle Merkmale zuweist, sei populärer und bis in die gesellschaftliche Mitte salonfähig geworden, sagt der Wissenschaftler. Als Beispiel dafür dienten sowohl die Erfolge der in Teilen rechtsextremen AfD als auch die Äußerungen des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU), wonach Menschen migrantischen Ursprungs „das Stadtbild“ störten.
Dieser auf kulturelle Zuschreibungen basierende Form der Abwertung sei „viel schwieriger“ beizukommen als dem biologistischen Ansatz, der Menschen „von Natur“ bestimmte Eigenschaften zu- und sie in Hierarchien einordnet. Bis heute glaubt trotz klarer wissenschaftlicher Widerlegung rund die Hälfte der Deutschen an die Existenz von menschlichen Rassen.
Rassistische Denkweisen haben alle Menschen in sich
Dass im Übrigen niemand vor rassistischen Einstellungen gefeit ist, zeige sich auch anhand seiner eigenen Biografie, so Fereidooni: „Meine Familie hat iranische Wurzeln. Ich erinnere mich noch an Aussagen, wie ‚wir Iraner sind mehr wert als Araber oder Türken’.“ Rassismus sei regional geprägt und manifestiere sich aufgrund der nationalen Konstellationen im Iran anders als in Tansania. Global zu beobachten dagegen sei der Gegensatz zwischen Weiß und Schwarz.
Der Bochumer Professor spricht sich jedenfalls gegen die Verwendung des oftmals bemühten Terminus des „alten weißen Mannes“ aus. Denn weiß sei nicht nur eine Hautfarbe, sondern auch eine gesellschaftliche Kategorie. „Irische Einwanderer in den USA und Großbritannien im 19. Jahrhundert erfuhren starke Diskriminierung. Damals hieß es in Wohnungsannoncen: „No Blacks, no Dogs, no Irish.“ Zudem ist der Wissenschaftler überzeugt, dass die Metapher wenig nützlich sei: „Das vertieft die Gräben weiter.“ Und trotzdem sollte über Privilegien weißer Menschen nachgedacht werden.
Positiv bewertet Karim Fereidooni eine im Vergleich vor Jahrzehnten gestiegene gesellschaftliche Sensibilität und Widerspruchsbereitschaft. Auch sei man dem Phänomen nicht ausgeliefert, wie der Sozialforscher betont: „Rassismus ist heute schnell erlernt. Kann also auch verlernt werden. Dafür muss man sensibel und aktiv sein und vor allem eines an den Tag legen: Empathie.“
Fereidooni rät jedem Einzelnen, selbstkritisch mit seinen Denkmustern umzugehen, junge Menschen mehr zu befähigen, in Schulen und Parlamenten mitzubestimmen, sich Experten auf dem Feld einzuholen und Kommunikationskanäle für von Rassismus Betroffene aufzubauen. Auch die Lehrerausbildung sollte dem weiter bestehen Problem des Rassismus angepasst und neu gedacht werden: „Lehrkräfte müssen sensibilisiert werden für rassistisches Denken und Sprache. Dafür braucht es in ihrem Studium entsprechende Inhalte.“ Das, so Karim Fereidooni, sei etwas, das die Politik umsetzen könne, ohne dass sie Geld dafür zur Verfügung stellen müsse.
Eckdaten Vom 16. bis 29. März finden bundesweit die Wochen gegen Rassismus statt. Sie stehen unter dem Motto „100 % Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“.
Veranstaltungen Auch dieses Jahr steht wieder ein buntes Programm zum Thema an. Aufgelistet sind die Veranstaltungen im Kreis Böblingen im Netz unter https://www.lkbb-bb.de/