Antisemitische Cancel Culture Rhetorik kostet nichts, Solidarität schon

In der Sankt-Bavo-Kathedrale in Gent führt das Freiburger Barockorchester Bachs h-Moll-Messe auf. Der israelische Dirigent Lahav Shani und die Münchner Philharmonikern hätten einen Tag später dort konzertiert, wären sie nicht vom Flandern-Festival ausgeladen worden. Foto: Susanne Hamann

Alle regen sich über den Rauswurf des israelischen Dirigenten Lahav Shani beim Flandern-Festival auf. Aber boykottiert werden die antisemitischen Boykotteure nicht.

An diesem Mittwoch gastiert das Freiburger Barockorchester beim Flandern-Festival in Gent. Zusammen mit dem belgischen Vokalensemble Vox Luminis und seinem Leiter Lionel Meunier führen die weltweit renommierten Originalklang-Cracks Bachs h-Moll-Messe auf. Genau einen Tag später hätten beim selben Festival am selben Ort die Münchner Philharmoniker mit ihrem designierten Chefdirigenten Lahav Shani konzertieren sollen – wären sie nicht von der Festivalleitung aus dem Programm geschmissen worden. Grund: Shani ist israelischer Staatsbürger. Und Jude. 21 Prozent aller israelischen Staatsbürger sind keine Juden, sondern palästinensische Araber. Es ist müßig zu spekulieren, ob Shani auch ausgeladen worden wäre, zählte er zu dieser israelischen Bevölkerungsgruppe. Die Begründung der Festivalleitung lässt mit ihrem heuchlerischen und zynischen Ton die Antwort ahnen.

 

Da wird offen eingeräumt, Shani habe sich „in der Vergangenheit einige Male zugunsten von Frieden und Versöhnung geäußert“. Aber man sehe sich außerstande, „die nötige Klarheit zu schaffen über seine Haltung zu dem völkermörderischen Regime in Tel Aviv“. Ihre Zweifel zieht die Festivalleitung aus der Tatsache, dass Shani auch Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra ist.

Was damit gesagt ist? Eine gewundene Formulierung, eine erratische Argumentation, ein logischer Zirkelschluss auf der Basis einer realitätsfreien Behauptung, die lautet: Israel ist ein totalitäres System, wo kein Handtuch zwischen Regierung, Staat, Kriegspolitik und Mehrheitsgesellschaft passt und jede kulturelle Institution, sogar ein Sinfonieorchester, zum Propagandainstrument wird.

Demütigende Erpressungsgeste

Gerade weil ein Minimum an sachlicher Informiertheit dieses Konstrukt einstürzen lässt, offenbart es die Absicht derer, die es in Stellung bringen: gegen den verhassten jüdischen Staat und um einen jüdischen Künstler in Kollektivhaft zu nehmen. Festivalleiter Jan Briers hat noch nachgelegt und der Tageszeitung „De Standaard“ im Tonfall eines Ultimatums gesagt, wenn „bis Montag“ eine Erklärung von Shani vorliege, in der er „den Völkermord durch Israel eindeutig verurteilt“, könne das Konzert doch noch stattfinden. Eine demütigende Erpressungsgeste, die unterstreicht, um was es wirklich geht. Nicht um eine politische Position. Nicht mal, was schlimm genug wäre, um eine Staatsangehörigkeit.

Diskrepanz zwischen Empörung und Handeln

Dass es hier um puren Antisemitismus geht, haben Politiker und Künstler in aller Deutlichkeit benannt. Kann man bei einem antisemitisch geführten Festival gastieren? Das Drama, dem sich jetzt nicht nur das Freiburger Barockorchester (FBO) ausgesetzt sieht, handelt von der Diskrepanz zwischen Empörung und Handeln. Das FBO sagt sein Gastkonzert so wenig ab wie das Residenzorchester Den Haag mit dem Dirigenten Joep Beving, die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, der Hammerklavierspieler Kristian Bezuidenhout und andere Künstler im Festivalprogramm.

Eine Absage des Gastkonzerts in Gent wäre eine „finanzielle Katastrophe“, heißt es vom Freiburger Barockorchester. Foto: FoppeSchut.nl

Warum kein Boykott der antisemitischen Boykotteure? Für das FBO als nicht von der öffentlichen Hand oder einer Rundfunkanstalt getragenes Orchester „wäre eine Absage eines Konzerts dieser Größenordnung eine finanzielle Katastrophe. Eine solche Forderung verkennt die Realität unserer Arbeit und gefährdet unsere Existenz“, teilt Intendant Hans-Georg Kaiser auf Anfrage mit. Zugleich lässt er keinen Zweifel, was er und die Orchestermitglieder von den skandalösen Vorgängen halten: „Wir verurteilen ausdrücklich die Ausladung von Lahav Shani und den Münchner Philharmonikern aus Gründen, die für uns nicht nachvollziehbar sind. Eine solche Entscheidung widerspricht dem Geist der Kunst, die auf Offenheit und Begegnung beruht.“

Deutsche Botschaft beendet Partnerschaft

Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat treffende Worte zu der antisemitischen Cancel Culture gefunden („Schande für Europa“). Zur Frage, ob die Bundesregierung bei den finanziellen Auswirkungen einer Konzertabsage einspringen könne, ist aus Weimers Haus jedoch nur eine ausweichende Antwort zu hören: Die Frage bedürfe „auch angesichts der unterschiedlichen Trägerschaft für Kultureinrichtungen einer sorgfältigen Prüfung“. Rhetorik kostet nichts, praktizierte Solidarität schon. Immerhin hat die deutsche Botschaft in Belgien mittlerweile die Partnerschaft mit dem Flandern-Festival beendet. Ihr Logo ist von der Website ebenso verschwunden wie von der Online-Ankündigung des FBO-Konzerts.

Insider: Kulturministerin übte Druck aus

In Belgien werden derweil Rücktrittsforderungen gegen Festivalpräsident Briers, aber auch gegen die flämische Kulturministerin Caroline Gennez laut, eine scharfe Gegnerin Israels. Sie hat die Kulturinstitutionen zu einem „echten Boykott“ aufgefordert und trägt nach offizieller Darstellung die Konzertabsage uneingeschränkt mit. Nach Insider-Informationen wird umgekehrt ein Schuh draus: Der Rauswurf Shanis erfolgte demnach erst auf Druck von Gennez.

Während FBO-Intendant Kaiser beteuert „Kunst darf nicht zur Spielfläche politischer Auseinandersetzungen werden, Musik lebt von Offenheit, nicht von Ausgrenzung“, schreiten Politisierung und Ausgrenzung stramm voran. Auch die einer ganz anderen Musik: Nach Irland haben die Niederlande, Slowenien, Island und nun auch Spanien ihren ESC-Boykott angekündigt, sollte Israel mitmachen dürfen. Entsprechende Forderungen, wohlgemerkt, kommen von der Politik, die ein Schlagerwettbewerb gar nichts angeht. Außer in totalitären Regimen.

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