Antisemitischer Vorfall in Herrenberg Die digitale Verrohung beflügelt den Antisemitismus

Bilder von Holocaust-Überlebenden zeigt zurzeit die Jörg-Ratgeb-Schule in Herrenberg. Foto: Luigi Toscano/ 

Der Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume hat am Mittwoch die Jerg-Ratgeb-Schule in Herrenberg besucht.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Wie jetzt bekannt wurde, waren es wohl zwei mutmaßliche Täter, die in Herrenberg Porträts von Holocaust-Überlebenden mit Nazi-Symbolen beschmierten, Die großformatigen Fotografien waren Teil einer Ausstellung mit dem Titel „Gegen das Vergessen“, die Fotograf Luigi Toscano gestaltet hat. Die Ausstellung in der Jerg-Ratgeb-Realschule war am Montagabend zusammen mit dem Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler und etwa 80 Gästen eröffnet worden. Wenig später wurden vier der 20 Porträts von Holocaust-Überlebenden verunstaltet.

 

Auf der polizeilichen Ebene kann man den Fall zu den Akten legen: Das Polizeipräsidium Ludwigsburg hat Hand in Hand mit dem Staatsschutz die mutmaßlichen Täter schnell ermittelt. Michael Blume, der Antisemitismus-Beauftragte Baden-Württembergs, bescheinigte der Polizei, hier hervorragende Arbeit geleistet zu haben. Er lobte auch das professionelle Vorgehen der Schule. Die Schulleitung habe zusammen mit den Eltern auf die Schüler eingewirkt und versucht, den Fall pädagogisch zu lösen. „Wenn sich die Schüler später radikalisieren, ist keinem geholfen“, sagt Blume.

Immer mehr antisemitische Vorfälle

Auf der politischen Ebene hat die Tat allerdings weite Kreise gezogen. Als Abgesandter des baden-württembergischen Staatsministeriums hatte Michael Blume schon am Dienstag die Schule in Herrenberg besucht. Er diskutierte dort mit der Schulleitung und vor allem mit den Schülern der Klasse 10, die in einem Schulprojekt diese Ausstellung organisiert hatten. Er sieht den Anschlag als Teil einer Welle von immer mehr antisemitischen Vorfällen, nicht nur in Baden-Württemberg oder in Deutschland, sondern weltweit. Schuld daran sei ein Phänomen, das Blume die „digitale Verrohung“ nennt. Schon Kinder kämen durch das Internet mit antisemitischen Inhalten in Berührung, dessen Symbole oder Aussagen sie nicht richtig einordnen könnten. Aber gerade Kinder seien noch in der Lage umzudenken und könnten Irrtümer einsehen. Ganz anders als die Erwachsenen, bei denen die Vorurteile schon manifest seien.

Schüler waren schockiert

Dennoch seien die Mitglieder der Projektgruppe schockiert gewesen, teilte die Schule am Dienstag auf ihrer Homepage mit, die mit der Ausstellung die Erinnerungskultur an den Holocaust wachhalten und ein Zeichen für Respekt, Freiheit und Demokratie setzen möchte. Als „Weckruf“ und „Auftakt“ bezeichnet die Jerg-Ratgeb-Realschule die jüngsten Geschehnisse und als einen Ansporn „ noch lauter und noch entschiedener für Freiheit, Gleichheit und Toleranz einzustehen.“

Bereits am Dienstag war auch der Fotograf Luigi Toscano nach Herrenberg gefahren, um den Schaden von rund 2000 Euro zu begutachten. Er hatte das Projekt vor acht Jahren ins Leben gerufen und wollte die letzten Überlebenden der Konzentrationslager porträtieren. Dabei ging es ihm nicht nur um die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, sondern alle Verfolgten sollten ein Gesicht bekommen. Er hat auch Sinti und Roma fotografiert, politisch Verfolgte und jene Menschen, die von den Nazis als „Asoziale“ diskriminiert wurden. Seine Ausstellungen fanden international große Beachtung, Toscano wurde kürzlich von der Unesco zum „Artist for peace“ gekürt.

Vom Besuch des Antisemitismus-Beauftragten haben die Schüler mehrfach profitiert. Er hat sie nach den Gesprächen zum Besuch ins Staatsministerium eingeladen.

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