InterviewCoronavirus und Verschwörungsmythen Antisemitismus-Beauftragter warnt vor weiterer Eskalation

Von Simon Wörz 

Baden-Württembergs Antisemitismus-Beauftragter Michael Blume befürchtet eine Hochkonjunktur alter Verschwörungstheorien. In seinem Podcast „Verschwörungsfragen“ erklärt er, was libertärer Antisemitismus ist und was Xavier Naidoo mit Hexenverbrennungen zu tun hat.

Michael Blume setzt sich schon lange mit Verschwörungstheorien auseinander. Foto: dpa/Marijan Murat
Michael Blume setzt sich schon lange mit Verschwörungstheorien auseinander. Foto: dpa/Marijan Murat

Stuttgart - Michael Blume und sein Team wollten schon lange einen Podcast machen. Nachdem im März wegen der Corona-Pandemie alle Veranstaltungen des Landesbeauftragten für Antisemitismus abgesagt wurden, war es dann soweit. Seit mehreren Wochen veröffentlicht Blume zweimal pro Woche eine neue Folge von „Verschwörungsfragen“.

Herr Blume, wie kam die Idee zu Ihrem neuen Podcast zustande?

Das war schon länger geplant, weil wir wahrgenommen haben, dass sich Verschwörungsglauben vor allem über das Internet radikalisiert. Schon in der Vergangenheit ist mit neuen Medien auch immer ein Aufschwung von Verschwörungsmythen einhergegangen. Bei den Nationalsozialisten war es das Radio und heute ist es das Internet.

Sie meiden konsequent den umgangssprachlichen Begriff „Verschwörungstheorien“.

Interessanterweise hat der Begriff „Verschwörungstheorie“ schon seinen eigenen Verschwörungsmythos. Die Verschwörungsgläubigen glauben, der Begriff wurde von der CIA im Zusammenhang mit der Ermordung von John F. Kennedy erfunden. Das ist aber Quatsch.

Woher stammt der Begriff?

Der Begriff wurde schon früher von Karl Popper geprägt. Er warnte davor, dass es keine Wissenschaft mehr sei, wenn bei jedem Thema von vornherein klar sei, wer am Ende schuld sein soll. Mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ räumt man der anderen Seite ein, sie würde wissenschaftlich argumentieren und geht damit schon in die Falle. Das sind keine wissenschaftlichen Theorien, wie zum Beispiel die Evolutionstheorie, sondern Mythen, die die Leute glauben wollen.

In einer Podcast-Folge geht es um die Wurzeln des christlichen Antisemitismus, in der anderen um Xavier Naidoo. Wie passt das zusammen?

Da wäre zum Beispiel der Bereich „QAnon“. Das ist ein Verschwörungsmythos aus den USA, wonach Donald Trump gerade dabei ist, eine große Weltverschwörung aus Juden und Frauen zu zerschlagen. Kaum zu glauben, aber dieser Mythos geht in Süddeutschland bis zu den großen Hexenverfolgungen im 15., 16. Jahrhundert zurück. Damals hieß es, Juden und Hexen begehen den Hexensabbat, würden christliche Kinder töten und daraus Hexensalbe machen. Und genau dieser Mythos wird jetzt unter dem Stichwort Adrenochrom unter anderem von Xavier Naidoo wiederbelebt. Solche jahrhundertealten Mythen werden heute im pseudotechnologischem Gewand aufgewärmt.

Woher kommt das menschliche Bedürfnis, diese kruden Erzählungen zu glauben?

Wir Menschen sind veranlagt, an Mythen zu glauben, aber es sind nicht automatisch gute Mythen. Genauso wie wir an Gott, Menschenrechte oder Vernunft glauben, können Menschen auch an die Weltherrschaft des Teufels, Intuition und Weltverschwörungen glauben. Da hilft nur Aufklärung und vielleicht ein etwas realistischeres Menschenbild. Diese Menschen sind weder dumm, noch nehmen sie sich selber als böse wahr. Sie glauben tatsächlich, sie leben in einem Staat unter jüdischer und satanistischer Herrschaft. Deswegen kommen wir nicht darum herum, uns mit diesen Mythen auszukennen und sie richtig einzuordnen.

In Stuttgart haben am Samstag rund 5000 Menschen an der sogenannten fünften „Mahnwache Grundgesetz“ der Initiative „Querdenken 711 – Stuttgart“ teilgenommen. Kritiker warnen vor einer Unterwanderung der Initiative durch Verschwörungsgläubige und Rechtspopulisten. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Zunächst ist es ein legitimes Recht, dass Bürger und Bürgerinnen ihre Grundrechte verteidigen. Aber ich empfehle den Organisatoren und Mitläufern sich klar von Antisemitismus abzugrenzen. Libertärer Antisemitismus spielt im Narrativ „der Staat bedroht unsere Freiheitsrechte“ eine sehr große Rolle.

Libertärer Antisemitismus, was ist das?

Viele Leute sind der Meinung, sie verteidigen die Menschenrechte, wollen nicht geimpft werden oder einfach ihre Freiheiten wiederhaben. Das ist tückisch. In der Wahrnehmung eines großen Teils libertärer Antisemiten ist der Staat an sich das Böse. Ärzte, Medien, Wissenschaft – alle diese Player werden unter Verschwörungsverdacht gestellt. Solche Leute berufen sich nicht auf klassisch rechtsextreme Muster, sondern auf vermeintlich freiheitliche Werte. Deswegen sind diese Demos immer querfrontmäßig angelegt und wir haben dort rechten, linken und libertären Verschwörungsglauben zusammengebacken. Ich halte das für sehr gefährlich und gehe davon aus, dass das in den nächsten Monaten stark zunehmen wird.

Was empfehlen Sie den Menschen, die gegen die Einschränkung der Grundrechte demonstrieren und sich von antisemitischen Verschwörungsmythen distanzieren?

Ich vermute, dass es unter den Demonstrierenden sehr viele Leute gibt, die nicht antisemitisch denken und ausschließlich liberale Werte verteidigen wollen. Die müssen sich jetzt aber mit solchen libertär antisemitischen Gruppen auseinandersetzen. Es ist ganz schwierig für seriöse Kritiker, legitime Kritik zu äußern, wenn sie gleichzeitig von antisemitischen Gruppen unterwandert werden. Ich fürchte, wir werden in den nächsten Monaten noch eine weitere Eskalation erleben und dafür ist jeder verantwortlich, der jetzt die Augen davor verschließt.

Wie könnte eine solche Eskalation aussehen?

In den USA haben wir Vorfälle bei denen bewaffnete Gruppen ein Regierungsgebäude stürmen. Ich plädiere dafür, dass man diese Demonstrationen sehr ernst nimmt.

Wo hört seriöse Kritik auf, und wo beginnen verschwörungsideologische Narrative?

Es ist wichtig, die Begriffe klar zu ziehen. Wann reden wir von Dualismus, der Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“, wann reden wir von Verschwörungsglauben, und wann reden wir von Antisemitismus? In der Realität vermischen sich diese Gruppen, auch durch den Rückzug in eigene Medienblasen. Man muss sorgfältig sein und deswegen mache ich auch diesen Podcast. Die Leute sollen diese Mythen identifizieren und sich damit auseinandersetzen können.

Wie ist denn die bisherige Resonanz auf den Podcast?

Ich bin begeistert, die Abrufzahlen liegen weit über unseren Erwartungen. Es gibt offensichtlich ein großes Interesse daran zu verstehen, was da mit dem eigenen Nachbar oder im eigenen Familien- und Freundeskreis los ist. Man kann Verschwörungsgläubige nicht einfach als dumm bezeichnen. Wer kann schon in Dokumenten des 15. und 16. Jahrhunderts nach Hexensalbe recherchieren? Für viele Menschen ist es hilfreich, wenn das aufgearbeitet wird. Deswegen sind wir damit online.

Dr. Michael Blume hat Politik- und Religionswissenschaften studiert und ist seit über zwei Jahren Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung. 2019 veröffentlichte er das Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht – Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“.

Alle Episoden des Podcasts „Verschwörungsfragen“ sind auf einer eigenen Webseite, einem Wissenschaftsblog sowie bei Spotify, Deezer, iTunes und YouTube frei verfügbar.