In einem historischen Moment der Befreiung beginnt Victor Klemperer zu erzählen, was ihn erniedrigt, bedrückt, verfolgt. Seine Notizen handeln davon, wie er sich in eine engstirnige Weltsicht gepresst fühlt, auf eine ihm zugeordnete Identität verengt, in ein Vorurteil gezwängt, eingemauert in ein Denken, das auf Hass gründet. In den Wochen, als Deutschland Demokratie wird, begegnet ihm der Antisemitismus als „Plauderthema“.
„Die Juden seien ein Beduinenstamm“, schwadroniert ein Bekannter, wie Klemperer am 17. Januar 1919 notiert. Es geht ihm nicht aus dem Kopf. Er denkt sich, „von Vater zu Großvater etc. etc. rückwärts gerechnet, mögen es kaum 200 Leute sein“, die ihn mit dem primitiven Vergleich verbinden. „Ich möchte diese Companie von Beduinen über den Ghettojuden bis auf das Heute vor mir antreten lassen! Welch ein Bild!“
Das Bild wird er nicht mehr los. Es begegnet ihm wieder, als er ein paar Wochen später, eben zum Professor an der Universität München ernannt, seine Antrittsbesuche bei Kollegen absolviert. Einer liegt krank zu Bett, seine Frau empfängt Klemperer: „Alte stattliche Dame in Hut und Schleier“, schreibt er am 12. Februar 1919. „Ihr drittes Wort war (…) die Juden seien am Krieg schuld. Die Juden also, (…) an allem Peinlichen sind immer sie schuld! Wir hören schweigend zu.“
Die „Erregung“ nach verlorenem Krieg und Revolutionswirren „schwoll doch allmählich“, berichtet er am 9. April 1919 in einer Zeitungsreportage. „Sie äußerte sich weder schön noch klug: antisemitisch.“ Tags zuvor wird er persönlich als Jude bloßgestellt. Klemperer erlebt das als „schwere u. wirklich unverdiente persönliche Kränkung“. Vor der Universität sagt eine Frau, selbst Jüdin, zu ihm, „ganz laut, mitten im Gedränge: ,Ich verkehre nicht mit convertierten Juden.‘ Klemperer notiert: „Wieso darf man (…) uns zum Vorwurf machen, was ich privat getan? Was habe ich mit dem Ghetto zu schaffen? Mir hat das den Tag verstört und verstört mich noch heute.“ Einige Tage später noch einmal: „Es ist eine Affaire, die mir immer wieder den Magen umdreht.“
Victor Klemperer, 1881 im westpreußischen Städtchen Landsberg an der Warthe geboren, ist zu diesem Zeitpunkt schon zweimal getauft: 1903 auf Drängen seiner Brüder, 1912 noch einmal aus eigenem Antrieb. Sein Vater war Rabbiner, von 1891 an Prediger der Reformgemeinde zu Berlin, die als liberalste jüdische Gemeinde in Deutschland galt. Er habe seinen Kindern „keine andere Orientierung als die des bürgerlich liberalen Deutschtums“ vermittelt, erinnert sich Klemperer. Das orthodoxe Judentum sei seiner Familie „eine fremde Welt“ gewesen.
„Seine jüdische Identität hat er nicht geleugnet, aber sie war ihm Geschichte“, schreibt der Historiker Hannes Heer. Ein „Willen zum Deutschtum“, so der Biograf Walter Nowojski, sei für Victor Klemperer prägend gewesen. Die deutsche Identität, so Peter Gentzel in einer Studie über dessen Tagebücher, habe für Klemperer vor allem „Offenheit und Toleranz“ bedeutet. Nationalismus ist ihm geradezu widerwärtig. Im Kaiserreich erlebt er den Antisemitismus als „vielfach sehr geringer“. Er beschreibt es so: „Es herrschte (…) eine unglaublich stärkere Spannung etwa zwischen Fabrikanten und Arbeitern oder Bayern und Preußen als zwischen Juden und Christen.“ Schon während des Studiums muss er sich aber gegen Stigmatisierung wehren: „Ich weigere mich, eine besondere jüdische Ehre anzuerkennen! Ich habe meine Ehre als Mensch und als Deutscher.“ Ein Burschenschaftler entgegnet ihm da: „Sie sind Jude und gelten überall in erster Linie als Jude.“
Klemperers Selbstbild ist ganz anders. Er „schämte sich seiner jüdischen Herkunft nicht, aber er sah sich vor allem als integraler Teil einer ungeteilten deutschen Gesellschaft“, so die Historikerin Yvonne Rieker. „Sollte es wirklich einen Unterschied zwischen reindeutsch und jüdisch-deutsch geben“, schreibt Klemperer selbst, „dann gehöre ich meinem Wollen und Denken nach auf die reindeutsche Seite.“ Und letztlich sind ihm solche Kategorien zuwider. „Der Geist entscheidet, nicht das Blut“, betont er. Vor allem als Liberaler und Demokrat versteht er sich. „Die eigentlich menschliche Welt ist mir die europäische, und Europa ist durch den Liberalismus geworden und lebt durch den Liberalismus.“
Die Weimarer Republik ist für viele Juden eine Zeit enttäuschter Hoffnungen. Nach Kriegsende radikalisiert sich die Judenfeindschaft. Das Etikett „Jude“ wird zu einem inflationär gebrauchten Schmähwort. So erlebt es auch Victor Klemperer. Trotz „meinem verheimlichten Judenmakel“ begegnet ihm Antisemitismus auf Schritt und Tritt. Von einer anstößigen Anekdote berichtet ein Tagebucheintrag aus dem Juli 1919: Ein Bekannter spricht ihn an, ihm sei erzählt worden, dass Klemperer Jude sei. „Ich (mit bestem Gewissen!): da müsste er sich verhört haben! Aber wie peinlich ist das. Und wie peinlich war es mir in meinem Lebenslauf (…) anzugeben: Confession evangelisch.“
Einige Wochen danach notiert er: „Die Nationalen betreiben den Antisemitismus immer widerlicher u. abstoßender. Es ist ein furchtbares Unglück und zugleich geradezu komisch mit den Juden, die an allem Schuld haben. (…) Niemand sympathisiert mit ihnen, niemand nimmt sie als Deutsche hin.“ Im September 1919 sitzt Klemperer zusammen mit Bekannten „sehr vergnügt bei einem schönen Frühstück“. Unter ihnen die Vermieterin eines seiner Studenten, vermeintlich „eine wirkliche Dame“ – die allerdings im späteren Gespräch einen „naiv schauerlichen Antisemitismus“ offenbart: „Märchen von grässlichen jüdischen Verrätereien, (…) Einblick in die grässliche Judenhetze, die in ganz Deutschland schamlos und bedrohlichst betrieben wird.“ Klemperer greift „aufklärend“ ein, was möglich sei, weil: „niemand hält mich hier für einen Juden“. Er zeigt Nachsicht, nennt die Verleumder „gute Leute, nicht ungebildet u. so aufnahmefähig für diese wahnsinnigen Hetzereien“. Letztlich sind sie aber unbelehrbar. „Klärt man auf, so sehen sie’s ein; aber gewiss sind sie morgen wieder verhetzt.“
Ein Schild schockt das Paar
Auf der Suche nach attraktiveren akademischen Positionen kommt Klemperer ins Grübeln, „welch neues Hindernis der Antisemitismus für mich bedeutet“, auch in beruflicher Hinsicht. Bei einer Kaffeerunde erklärt ihm ein Professor, er finde es „begreiflich, dass man einem Juden kein germanistisches Seminar übertrage, weil ein Jude als ,Nichtdeutscher‘ nicht den richtigen Grundton für die deutsche Dichtung finden könne“.
Lange vor dem Naziterror erfährt Klemperer die Stigmatisierung als Angriff auf seine Identität – als Ausgrenzung. „Jetzt stößt mich alles in Deutschland zurück zu den Juden“, notiert er am 6. August 1927. In den Wochen danach verbringt er mit seiner Frau Eva Urlaub auf Usedom. Bei einem Ausflug mit dem Dampfer schockt die beiden ein Schild am Landesteg von Zinnowitz: „Judenrein!“ steht darauf zu lesen. Im Tagebuch schreibt Klemperer dazu: „Es ist ekelhaft, dass solche Verhetzung erlaubt ist.“ Dies zu einer Zeit, die als „Goldene Jahre“ der Weimarer Republik gelten. Hitlers Partei hat in Preußen, zu dem Zinnowitz gehört, bei der letzten Reichstagswahl gerade einmal 2,5 Prozent der Stimmen erhalten.
Als die Republik in die Krise schlittert, wird die Hetze schlimmer. Das Gefühl der ideologischen Verbannung wächst. „Hie Juden – dort Arier“, schreibt Klemperer im August 1930. „Und wo bleibe ich? Wo bleiben die vielen, die geistig deutsch sind?“ Allmählich beschleichen ihn schlimme Vorahnungen. Im Juni 1931 denkt er über die Machtperspektiven der „Nationalsocialisten“ nach. Wenn sie ihn leben ließen, steht im Tagebuch, „wenn – dann (…) in einem Zimmer, bei Commißbrod, vielleicht mit mehreren in einem Zimmer (…) Jüdische Angstpsychose?“ Die vermeintliche Psychose wird wenige Jahre später zur Realität. Im August 1932 noch einmal: „Hitler ante portas (…)? Und was wird aus mir, dem jüdischen Professor?“
Kleine Ausflüge mit dem Automobil
Als die Nazis schließlich die Macht erlangen, erschüttert das Klemperers Identität: „Meine Prinzipien über das Deutschtum sind ins Wackeln geraten wie die Zähne eines alten Mannes“, vertraut er Anfang 1933 seinem Tagebuch an. Schon da wird ihm klar: „Ich muss dankbar sein, wenn man mich am Leben lässt.“ Mit der Naziherrschaft „verändert sich das Leben der Klemperers schlagartig und umfassend“, so fasst Peter Gentzel die Tagebuchnotizen jener Zeit zusammen. Neben der „beruflichen Exklusion“, die 1935 in der Entlassung aus dem Universitätsdienst gipfelt, beginnt sich „das soziale Umfeld stetig zu verengen“. Manche Freunde und Bekannte flüchten ins Ausland, andere wollen mit den Klemperers nichts mehr zu tun haben, weil sie Juden sind.
Als einziges Vergnügen bleiben kleine Ausflüge mit dem Automobil, nachdem Victor Klemperer 1936 im Alter von 55 Jahren den Führerschein erworben hat. Er sieht seinen Wagen „als letztes Stück Freiheit“ in „allertiefste(r) Einsamkeit“. Doch 1938 endet auch dies: die Nazis erlassen ein Fahrverbot für Juden. 1940 muss das Paar von seinem Eigenheim in eines der „Judenhäuser“ umziehen, von denen es 32 in Dresden gibt. Klemperer verzeichnet 35 einzelne Gesetze und Verbote für Juden, die ihm das Dasein zum Zuchthaus machen: Bibliotheksverbot, Ausgehverbote, Kinoverbot, Verbot von Spaziergängen in Parks, Rauchverbot, Verbot zur Nutzung der Straßenbahn, Verbot zum Friseur zu gehen. Gentzel zufolgen gab es insgesamt 2000 solcher Paragrafenwerke.
Besonders demütigend empfindet Klemperer die Anordnung, einen Judenstern zu tragen. Das gilt ab 1941. „Alle Welt mustert meinen Stern“, notiert er, „Tortur – ich kann mir hundertmal vornehmen, nicht darauf zu achten, es bleibt doch Tortur.“ Klemperer registriert sehr unterschiedliche Reaktionen der Deutschen. Jedes noch so unscheinbare Anzeichen von Wahrnehmung, jeden Anflug von Fürsorglichkeit deutet er als Ausdruck der Sympathie. „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“, glaubt er. Antisemitismus, so eine Studie des belgischen Soziologen Arvi Sepp, habe Klemperer auf Bildungsmängel und naive Gutgläubigkeit zurückgeführt, nicht mit schlichter Bosheit erklärt.
Letztlich verdankt Klemperer sein Überleben dem Umstand, dass seine Frau als „arisch“ gilt. „Ich bin nichts ohne Eva“, notiert er 1943. Einen Akt der Befreiung von dem Stigma des „Untermenschen“ erfährt er in einem Moment der Zerstörung. Während der Bombennacht am 13. Februar 1945, als die Alliierten Dresden in Schutt und Asche versinken lassen, trennt Eva ihm den Judenstern vom Mantel. Als ihm nach wochenlanger Flucht klar wird, dass der Albtraum ein Ende hat, schreibt er ins Tagebuch: „Dies war die Wendung zum Märchen.“