Die Designerin Paula Straus in ihrem Haus in Gablenberg. Foto: Jüdisches Museum Berlin/JMB
Sie waren begabt und durften studieren. Stuttgart zog Künstlerinnen an. Viele jüdischen Glaubens. Die Nazis verfolgten sie gnadenlos. Was bleibt von Ihnen? Eine Spurensuche.
Sie verkörperte alles, was die Nazis hassten. Sie hatte Vorfahren jüdischen Glaubens, sie liebte eine Frau, sie hatte einen eigenen Kopf, sie war emanzipiert, sie war gebildet. Die Malerin Käthe Loewenthal wurde im Kaiserreich geboren, genoss die Freiheit der Weimarer Republik und ist 1942 im Lager in Izbica in Polen ermordet worden. Ihr und vielen anderen Künstlerinnen widmet Annika Gerber zwei Abende in den Wagenhallen.
Es ist ein besonderer Ort. Nicht nur weil hier eine Art von Kultur ein Refugium gefunden hat, die in dieser wohlhabenden Stadt sonst keine Heimat hat. Die Wagenhallen sind nur wenige Minuten entfernt von der Gedenkstätte Nordbahnhof. Von hier wurden tausende Schwaben in den Tod geschickt. Weil sie jüdischen Glaubens waren. Dort wird Annika Gerber am Sonntag und Montag jeweils um 16 Uhr ihre Spurensuche beginnen. Und um 17 Uhr im Projektraum des Kunstvereins fortsetzen. Und dabei fragen: „Was bleibt von einem Menschen, wenn so wenig bleibt?“ Von Stuttgarter Frauen jüdischen Glaubens waren das manchmal nicht mal mehr Kunstwerke.
Annika Gerber Foto: Marina Buneta
Von Paula Straus ist ihr letzter Brief überliefert. Die Kunstschmiedin und Designerin schreibt, kurz bevor sie vom Nordbahnhof nach Theresienstadt verschleppt wird. „Immer hab ich gedacht, wie viel man noch aushalten kann, aber jetzt bin ich an der Grenze dieser Kraft angelangt. Wenn ich auch erneut wieder die Absicht habe, mich nicht verschleppen zu lassen und lieber hier ein Ende nehmen möchte, als mich dort zu Tode quälen zu lassen. Dann hört ja alles auf.“ Am 10. Februar 1943 wird sie in Auschwitz ermordet.
Spurensuche im Projektraum des Kunstvereins Foto: fr
Käthe Loewenthal, Paula Straus, Maria Lemmé, Klara Neuburger, Elli Heimann, Alice Herburger, Lily Hildebrandt. Diese sieben Namen stehen stellvertretend für viele andere, auf deren Spuren sich Annika Gerber begeben hat. Seit sechs Monaten ist sie in Stuttgart, war zuvor in Osnabrück am Theater. Und hat dort gemeinsam mit Rebecca Riegel eine Performance über Felka Piatek entwickelt. Die Malerin wurde mit ihrem Partner Felix Nussbaum nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Während Nussbaums Ruhm als Maler seinen Tod überdauerte, war von Platek wenig überliefert.
Gerber und Riegel wollten dies ändern. Die Performance hat Gerber mitgebracht. Und erweitert um den Stuttgarter Aspekt. Sie hat recherchiert in Museen und im Stadtarchiv, im Hotel Silber, bei verschiedenen Initiativen, die sich um das Gedanken an die Opfer der Nazis kümmern. So sei sie auf 15 Namen gestoßen, jüdische Künstlerinnen, denen sie sich nähern wollte. „Wie waren sie als Künstlerin?“ Wie waren sie als Mensch“, fragt sie.
Ein Selbstbildnis von Käthe Loewenthal Foto: Nachlass
Doch nicht zu jeder Frau war etwas herauszufinden, geschweige denn Kunstwerke überliefert. So konzentriert sie sich auf die genannten Sieben, hat Reproduktionen der Werke bekommen, die sie zeigen wird. „Eine Art Ausstellung“, mit der sie den Frauen ihre Identität zurückgeben will, die durch die Verfolgung und die Morde und die lange Zeit unkenntlich wurde. Wer waren diese Frauen? Nehmen wir Käthe Loewenthal. Sie wird am 27. März 1878 in Berlin geboren. Sie hat fünf Schwestern, von denen nur die jüngste den Terror der Nazis überlebt. Ihre Mutter stammt aus einer reichen Kaufmannsfamilie in Hamburg, ihr Vater ist Arzt und Professor für Hygiene an der Humboldt-Universität. Er arbeitet mit Robert Koch und Paul Ehrlich, er lehrt und forscht im Ausland, in Tiflis, Lausanne, Paris, China, Bern und Argentinien. Die Familie ist weltgewandt, ihre jüdische Abstammung allenfalls Hintergrundrauschen.
Lily Hildebrandt hat den Terror der Nazis überlebt Foto: Staatsgalerie / Hans Schubert
Käthe will Malerin werden. Sie studiert in Bern bei Ferdinand Hodler und in Berlin bei Leo von König. König ist als Porträtist berühmt. Er malt Erich Mühsam, Gerhard Hauptmann, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz. Er wird geachtet, später geächtet. 1937 soll Hitler ein Loch in eines seiner Bilder getreten haben. Käthe Loewenthal lebt einige Jahre in München, zieht 1909 nach Stuttgart zu ihrer Freundin Erna Raabe. Diese ist bereits 1903 nach Stuttgart gekommen, um an der Kunstakademie zu studieren. Einer der wenigen Orte in Deutschland, wo dies einer Frau möglich ist. Hierzulande wurde nicht zufällig die Dialektik erfunden, denn der Schwabe lebt den Widerspruch, ist tatkräftiger Bruddler, biederer Rebell und verhockter Weltreisender.
Während man anderswo in Deutschland Künstlerinnen als „Malweiber“ verspottete, wurden an der Königlichen Kunstschule in Stuttgart bereits um 1860 Frauen zum Studium zugelassen. Als sich das herumsprach und immer mehr Frauen nach Stuttgart kamen, versuchten die Männer, ihnen das möglichst schwer zu machen. Mädchen galten als „außerordentliche Studierende“ und mussten 30 statt den sonst üblichen 20 Mark Aufnahmegebühr zahlen. Zudem mussten sie die Modelle selbst finanzieren. Doch die Frauen waren selbstbewusst geworden. Sie gründeten 1893 den Württembergischen Malerinnenverein und feierten auf Motto-Festen, auf denen sie in Männerkleidung tanzten.
Eine Staffel erinnert an Maria Lemmé Foto: Brigitte Wahlers
Adolf Hölzel war ein Wegbereiter der abstrakten Malerei, er gründete seine Damenklasse in Stuttgart, auch weil er dachte, „die besten Lehrer sind gerade gut genug für die Frauen“, die ja viel nachzuholen hätten, was Kunst anging. Käthe Loewenthal studiert von 1910 bis 1914 in der Damenklasse bei Hölzel, wenngleich sie dessen Malstil nie folgt. 1914 bekommt sie von der Stadt ein Atelier in der Ameisenbergstraße zugeteilt. Sie lebt in der Nähe, erst in der Albertstraße, dann in der Hackländerstraße, von 1928 bis 1941 in der Ameisenbergstraße. Sie arbeitet als freie Malerin, verdient ihr Geld vor allem mit Porträts. 1934 erhält sie Malverbot. Den Nazis gilt sie als Jüdin, sie wird aus dem Stuttgarter Künstlerbund ausgeschlossen, sie darf keine Leinwand oder Farbe kaufen, an keiner Ausstellung teilnehmen und keine Bilder mehr verkaufen. Sie verliert ihr Atelier. Ihre ehemalige Putzfrau Marie Nothdurft und die Familie Donndorf helfen ihr, so gut das in aller Heimlichkeit geht. Eine Mappe mit 250 Werken bringt der elf Jahre alte Walter Nothdurft zur Familie Donndorf, die sie bis zum Ende des Dritten Reiches aufbewahrt.
Die Konstante in ihrem Leben ist ihre Partnerin Erna Raabe. Für Käthe Loewenthal ist Erna ihre „Familie“. In einem Gedicht schreibt sie: „Hab’ keine Heimat gefunden/ und frier/Blute aus Hunderten Wunden/Sehn mich nach Dir.“ Erna Raabe schreibt zurück: „Wir wollen unsere Lebenszeiten – schon stolpernd oder fliegend – zusammen beenden.“ Weil Erna Raabe schwer krank ist, kehrt Käthe Loewenthal trotz aller Mahnungen ihrer Freunde 1935 aus der Schweiz nach Stuttgart zurück. Dort pflegt sie ihre Freundin bis zu deren Tod.
Und hat nun bald keine Chance mehr, dem Terror zu entkommen. Am 26. April 1942 wird sie mit 440 anderen Württembergern jüdischen Glaubens, darunter ein gerade mal 19 Tage altes Baby, vom Killesberg aus nach Izbica in Polen deportiert. Sie werden alle ermordet.
“Was bleibt von einem Menschen, wenn so wenig bleibt“
Vorstellung Am Sonntag, 15. Februar, und am Montag, 16. Februar, zeigt Annika Gerber ihre Ausstellung und Performance im Projektraum des Kunstvereins Wagenhallen. Am Sonntag ist um 16 Uhr ist eine Führung an der Gedenkstätte Nordbahnhof, Otto-Umfried-Straße 1. Um 17 Uhr beginnt die Performance. Der Eintritt ist frei. Am Montag beginnt die Führung um 17 Uhr. Die Performance dann um 18 Uhr.