Nach schwerer Kritik an der britischen Preisträgerin Caryl Churchill ziehen das Staatstheater Stuttgart und seine Fachjury ihre Entscheidung zurück.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Das Schauspiel des Staatstheaters Stuttgart hat am Dienstagmittag mitgeteilt, dass es in diesem Jahr nun doch keinen „Europäischen Dramatiker:innenpreis“ geben wird. Die Jury, so heißt es in einer Erklärung, habe in einer „erneuten Beratung“ am Montag beschlossen, „ihre Entscheidung zurückzuziehen“. Zum Wochenende seien Informationen bekannt geworden, „die der Jury bisher nicht vorlagen“.

Es geht um die 84-jährige britische Dramatikerin Caryl Churchill, die am 20. November im Schauspielhaus mit dem Europäischen Dramatikerpreis für ihr Lebenswerk und mit 75 000 Euro hätte ausgezeichnet werden sollen. Der Preis steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne). In ihrer Entscheidung vom April 2022 hatten die Juroren Churchill noch gepriesen als „Meisterin des Spiels“, die „formal anspruchsvoll, höchst variantenreich und immer gesellschaftlich engagiert“ schreibe. Die Jury habe sich für ein Werk entschieden, „das nicht an den aktuellen politischen Frontlinien steht – sondern für ein Schreiben, das sich aus der großen europäischen Tradition herschreibt und gesellschaftliche Konflikte thematisiert“. Churchills Werk sei „neu zu entdecken“.

Agitprop vom Gröbsten?

Entdeckt hat dann Thomas Wessel vom Journalistennetzwerk „Ruhrbarone“ in Bochum, dass Caryl Churchill – so wie nicht wenige linke britische Intellektuelle – seit langer Zeit die gegen Israel gerichtete Kulturboykottbewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) unterstützt. Bekanntlich hat die umstrittene Präsenz von BDS-Künstlern auf der Kasseler Documenta gerade erst die deutsche Öffentlichkeit lange beschäftigt.

Darüber hinaus sieht Wessel zum Beispiel in dem Stück „Seven Jewish Children“, das Churchill 2009 nach einer militärischen Operation in Gaza veröffentlicht hatte – vorausgegangen waren palästinensische Raketenangriffe auf die israelische Zivilbevölkerung –, klaren Judenhass. Die Autorin zeichne die Tötung palästinensischer Kinder in der Tradition angeblicher „jüdischer Ritualmorde“ nach, einem obszönen Klassiker antisemitischer Propaganda seit dem Mittelalter. Wessel meint, das Stück sei „Agitprop vom Gröbsten“ und werde von der Fachjury in seiner Preisbegründung wohlweislich nicht erwähnt.

Die fünfköpfige Fachjury – besetzt unter anderem mit den Theaterexperten Peter Kümmel („Die Zeit“), Thomas Ostermeier (Intendant der Schaubühne Berlin), Peter Michalzik (langjähriger Kritiker der „Frankfurter Rundschau“), aber auch Kunstministerin Petra Olschowski (Grüne) – stellt nun fest, eben bis zum Wochenende weder von den „BDS-Unterschriften“ der Autorin noch von dem Stück „Seven Jewish Children“ gewusst zu haben – obwohl dieses auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Auf Wikipedia klar dokumentiert

Eine Argumentation, der man nur mühsam folgen kann: Um ihr Engagement für die BDS-Ziele hat Churchill nie ein Geheimnis gemacht, und die Uraufführung des besagten Theaterstücks im Royal Court Theatre am 6. Februar 2009 wurde sowohl in englischen als auch in deutschen Feuilletons sehr kontrovers diskutiert. Beides ist selbst im Netzlexikon Wikipedia dokumentiert.

Womöglich war es dann doch ein Schreiben des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft an den Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, das den Ausschlag gab: Volker Beck hatte am Montag seinen Parteifreund Winfried Kretschmann aufgefordert, die Schirmherrschaft für den Dramatikerpreis „zurückzunehmen, falls die zuständigen Stellen an der Preisvergabe festhalten“. Einen Zusammenhang zwischen der Intervention Volker Becks und der erneuten Tagung der Theaterpreis-Jury weist das Ministerium zurück. Ob die Dramatikerin Caryl Churchill in der Zwischenzeit über den neuen Stand in Stuttgart informiert ist, blieb am Nachmittag unklar.