Antiterror-Übung in Stuttgart Der Albtraum eines Anschlags

Von Wolf-Dieter Obst 

Schonungslose Szenen haben sich im Stuttgarter Hauptbahnhof abgespielt: 1000 Polizisten übten den Ernstfall eines Terroranschlags. Was hatte das für Folgen?

Der Terror ist gespielt, der Stress ist echt: Polizisten üben im Stuttgarter Hauptbahnhof den Ernstfall. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 19 Bilder
Der Terror ist gespielt, der Stress ist echt: Polizisten üben im Stuttgarter Hauptbahnhof den Ernstfall. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Bomben gehen hoch, Terroristen feuern mit Sturmgewehren, Panik bricht aus. Wenn der Terror auf Gleis 4 anrückt, wenn der Hauptbahnhof in einem Inferno aus Schüssen und Schreien untergeht, wenn 1000 Polizisten ein Szenario des Grauens inszenieren – dann muss erst mal der Stand für vegane Lebensmittel vorzeitig schließen. „Wir müssen früher raus, weil der halbe Bahnhof abgesperrt wird“, sagt der 50-jährige Betreiber, und packt ein. Auch der Zeitschriftenladen hat am 11. September, dem Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York vor 17 Jahren, bereits um 20 Uhr Feierabend. Diese Nacht gehört dem inszenierten Schrecken.

Beamte der Bundes- und Landespolizei haben am Stuttgarter Hauptbahnhof einen Albtraum geprobt – gegen ein böses Erwachen. Der Terror im Herzen der Stadt: Zum Glück alles nur eine Übung. Aber als eine Bedrohung „nicht völlig unrealistisch“, sagt Peter Holzem, der Präsident der Bundespolizeidirektion Stuttgart. Eine ganze Nacht, im laufenden Bahnbetrieb, auf einem abgesperrten halben Bahnhofsgelände, wird das inszeniert, was Holzem ein „anderes Handeln als noch vor zehn Jahren“ bezeichnet. Terroristen, ohne Rücksicht aufs eigene Leben, müssen anders bekämpft werden: „Sofort Feuerkraft einsetzen, Täter neutralisieren“, sagt der Präsident. Und: Keine Sekunde zögern.

Seit Winnenden hat sich viel geändert

Das klingt martialisch, es klingt nach Krieg. Doch man kennt den Ernstfall im Land. 2009 in Winnenden und Wendlingen, als ein 17-jähriger Amokläufer in einer Schule und einem Autohaus 15 Menschen erschoss. Auch damals waren es normale Streifenbeamte, die als erste und ohne Zögern ins Schulgebäude eindringen mussten, um den Täter aufzuspüren. Mit einer Taktik, die der Schul-Amoklauf 2002 in Erfurt gelehrt hatte: Nicht lange warten, sondern mit Helm und Schutzwesten ins Feuergefecht ziehen. Was hat sich seither geändert? „Sehr viel“, sagt Harald Weber, der Chef der Stuttgarter Polizeireviere, „die Ausrüstung für die Beamten zum Beispiel, aber besonders auch die Betreuung der Betroffenen.“ Aber auch die Formen des Terrors haben sich verändert. Die Täter sind hochgerüstete, professionelle Krieger.

Deshalb ist die 49-jährige Verkäuferin auch nicht verärgert, dass sie den kleinen Supermarkt in der Marktstation am Dienstagabend vorzeitig schließen muss. Drei Stunden früher. „Aber was sein muss, muss halt sein“, sagt sie. Die halbe Wandelhalle sowie die Bahnsteige mit den Gleisen 1 bis 6 werden geräumt. Absperrgitter mit Sichtschutz versperren die gewohnten Wege im alten Bonatzbau oder vorbei an der S-21-Baustelle. 22 ankommende Züge halten an anderen Bahnsteigen.

Es kommt auf jede Sekunde an

Das Szenario, das die Bundespolizei entwickelt hat, ist nicht neu. Stuttgart ist bereits die siebte Station. Mit 1000 Beteiligten etwas größer als im Juni in Hannover, aber halb so groß wie im April in München. 400 Polizeischüler als Statisten mimen die Opfer. Doch trotz Schminke und trotz Maschinenpistolen, die nur 12 500 Platzpatronen und 15 000 Farbkugeln verschießen: Der Stress ist echt.

Keine Sekunde zögern. Das zeigt sich auf Gleis 4, dem ersten von fünf Szenarien, die bis zum nächsten Morgen durch die Nacht schallen werden. Am Bahnsteig ist ein Regionalexpress aus Tübingen eingefahren, eine Lok und vier Waggons. Und dann, kurz nach 21.45 Uhr, explodiert ein Sprengsatz. Es folgen im Sekundentakt schonungslose Szenen. Nach 15 Sekunden lässt ein maskierter Täter zwei Fahrgäste niederknien und richtet sie hin. Schreiende Passagiere werden zum Freiwild. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe die ersten Polizisten mit Helm, Schutzwesten und Maschinenpistolen am Bahnsteig erschienen und auf die Täter feuern. Diese Ewigkeit dauert genau eine Minute und 20 Sekunden.

„Man muss funktionieren“, sagt ein Beamter

Alles doch nur Schauspiel? „Man ist mit gemischten Gefühlen unterwegs, auch wenn es nur eine Übung ist“, sagt Polizeioberkommissar Harry Pfau von Bundespolizeiinspektion Stuttgart. Er hat zuvor in einem Waffenzelt vor den Bahnhofsarkaden seinen Kollegen die umgerüsteten Maschinenpistolen ausgehändigt. Der Stress ist echt, denn auch von Farbgeschossen will sich niemand treffen lassen. Was sein muss, muss halt sein: „Man muss in solchen Situationen funktionieren“, sagt Pfau, „man muss schließlich den Bürger schützen.“

Die Bahnfahrgäste sehen die Bilder nicht. Sie hören Explosionen, ratternde Schüsse, menschliche Schreie als Grundrauschen. Einer, der mit dem ICE aus Hamburg angekommen ist und um 23.22 Uhr mit einem Regionalzug nach Esslingen will, starrt auf die Sichtschutzgitter. „Kurz vor knapp ist im ICE zwar eine Durchsage gemacht worden, dass hier so etwas stattfindet“, sagt der 61-Jährige. „Aber das ist doch sehr, sehr irritierend. Warum so was im Bahnhof?“

„Es ist wichtig, solche Szenarien dort zu üben, wo sie stattfinden können“, sagt Bundespolizeisprecher Daniel Kroh. Deshalb seien vor allem Beamte im Übungseinsatz, die ganz nah dran sind am Bahnhof. Das Bundespolizei-Revier etwa hat seine Beamten bis auf eine Dienstschicht wechselweise ins Gefecht geschickt. Insgesamt etwa 80 Beamte. Und bei der Stuttgarter Polizei haben zwei Dienstgruppen aus sechs Revieren in ihrer Freizeit zur Waffe gegriffen.

Muss man das so machen?

Der Stress ist echt – das gilt auch für manche Bahnhofsbesucher. Drei Frauen aus Heilbronn haben das Ray-Garvey-Konzert in der Porsche-Arena besucht und landen um 23.40 Uhr in der Wandelhalle des Bonatzbaus. Die Halle ist erfüllt von stadionlautem Schreien, dann knallt es, Waffen rattern. „Ich bin zu Tode erschrocken“, sagt eine 64-Jährige, die in Heilbronn nichts von der Übung mitbekommen hatte. „Muss man das wirklich sooo machen?“, fragt ihre 61-jährige Begleiterin. Offenbar schon: „Das sind wohl die neuen Zeiten.“

Wenn sich vereinzelte Leute aufregen, dann vor allem darüber, dass die Nordseite des Bahnhofs abgesperrt ist. „Ganz außenrum?“ Eine Frau rauscht wütend mit zwei Rollkoffern nach links zum weiter entfernten südlichen Durchgang, weil der kurze Weg rüber zum Parkhaus Hauptbahnhof versperrt ist. Draußen vor dem Bahnhof schimpfen die Taxifahrer, deren Vorplatz beschlagnahmt wurde. Die Haltespur ist so kurz, dass die Kolonne sich bis auf die Busspur staut – und das wiederum ärgert die Busfahrer, die sich hupend den Weg frei machen. „Wir werden ständig benachteiligt“, klagt ein 38-jähriger Taxler.

Nebenbei: Ruhe in der Klett-Passage

Ein Gutes hat die Übung offenbar: In der Klett-Passage, der unterirdischen Einkaufsmeile unterm Bahnhof, die zu den Brennpunkten der Stadt gehört, geht es so ruhig wie selten zu. Kein Diebstahl, kein Raub, kein Gewaltdelikt. Da gibt es einen nächtigenden Betrunkenen, der um 23.30 Uhr fortgeschickt wird, zuvor noch ein Taschendiebstahl in einem ICE aus Berlin angezeigt worden.

Die Ergebnisse der Übung bleiben dagegen geheim. Die Auswertung soll noch einige Tage in Anspruch nehmen. Wie es heißt, soll es aber die einen oder anderen Abstimmungsprobleme gegeben haben. Was kein Wunder ist, wenn sich Beamte aus verschiedensten Dienststellen gemeinsam gegen Terroristen stellen müssen. „Es wurde erkannt, dass die Koordination sehr abstimmungsintensiv ist“, formuliert es Stuttgarts Polizeipräsident Franz Lutz. Insgesamt aber gebe es aber „eine positive Bilanz“.

Eine solche zieht letztlich auch der Verkäufer der veganen Lebensmittel in der Bahnhofshalle. „Ich habe zwar einen Umsatzausfall“, sagt der 50-Jährige, „aber wenn hier mal was passiert, dann bin ich froh, wenn die das können.“

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